So langsam ist Endspurt angesagt in der MotoGP. Zehn Grands Prix stehen - zumindest auf dem Papier - in der Saison 2026 noch aus, die beginnend mit dem Großen Preis von Aragon (28. bis 30. August) innerhalb von 13 Wochen durchgedrückt werden. Wer Weltmeister wird? Aktuell noch völlig unklar. Gleich sechs Piloten haben noch realistische Chancen auf den großen Wurf. Doch wer von ihnen hat die besten Karten? Wer könnte wo Big Points sammeln? Wer muss wo auf Patzer der Konkurrenz hoffen? Das ist die Prognose von Motorsport-Magazin.com :
Marquez-Festspiele in Aragon, dann der Aprilia-Konter in Misano?
Aragon-GP: Ganz ehrlich, alles andere als das Maximum von 37 Punkten für Marc Marquez wäre hier eine große Überraschung. Das links herum führende Motorland zählt gemeinsam mit dem Sachsenring und Austin zu den drei absoluten Paradestrecken des MotoGP-Superstars. Schon zu Honda-Zeiten war er hier kaum zu stoppen und zuletzt dominierte er auch beide Rennen, die er mit der Desmosedici absolvierte. 2024 feierte er in Aragon sogar seinen ersten Grand-Prix-Sieg nach 1.043 Tagen Durststrecke und seit dem Triumph im Vorjahr hält er nun schon bei sieben Siegen in elf MotoGP-Starts im Motorland. Er ist also auch 2026 der haushohe Favorit.

Für Aprilia wird es derweil wohl primär um Schadensbegrenzung gehen, denn mit Alex Marquez und Francesco Bagnaia gibt es noch zwei weitere Ducati-Piloten, die in Aragon traditionell stark unterwegs sind. Was allen Piloten der RS-GP Hoffnung machen könnte: Marco Bezzecchi zeigte im Vorjahr nach verpatztem Qualifying (P20) starke Rennpace und fuhr einen Tag später im Aragon-Test die zweitbeste Zeit. Es sollte also Potenzial vorhanden sein. Jorge Martin weiß mit zwei zweiten Plätzen aus der Saison 2024 außerdem, wie man im Motorland auf das Podium fährt und Raul Fernandez konnte dort 2021 in der Moto2 schonmal gewinnen. Nur Fabio Di Giannantonio und Ai Ogura sind den Beweis noch völlig schuldig, dass sie in Aragon schnell sein können. Für sie könnte es also besonders hart werden.
San-Marino-GP: Eine weitere Strecke, auf der man Marc Marquez auf dem Zettel haben sollte. Sechs Siege holte er hier bereits, mehr als auf jeder anderen rechts herum führenden Strecke. Die Hälfte davon errang er aber im Regen oder Mischbedingungen, ohne die es wohl nicht zu den jeweiligen Erfolgen gereicht hätte. Der Ducati-Pilot ist also keinesfalls unschlagbar - und mit Martin und Bezzecchi lauern zwei echte Misano-Spezialisten auf ihre Chance.
Bezzecchi war im Vorjahr schon auf Augenhöhe mit Marquez unterwegs, schrammte damals nur knapp am Doppel aus Sprint- und GP-Sieg vorbei. Nun steht ihm eine noch bessere RS-GP zu Verfügung, während Marquez köperlich nicht mehr ganz so fit wie 2025 daherkommt. Das könnte das Pendel diesmal in seine Richtung ausschlagen lassen. Auch Ogura und Fernandez hatten in Misano in der Vergangenheit schon ihre Erfolge. Aprilia wird also sicherlich hoffen, hier nach dem Punktverlust in Aragon zurück zu schlagen und für Marquez könnte es primär darum gehen, überhaupt bester Ducatisti zu werden. Fabio Di Giannantonio zeigte letztes Jahr mit P3 im Sprint, dass auch er sich auf dem World Circuit heimisch fühlt.

Triumphzug von Marc Marquez in Österreich und Japan?
Österreich-GP: Die Ducati-Strecke schlechthin im restlichen WM-Kalender. Zehn Siege gab es in den zwölf Rennen am Red Bull Ring seit 2016. Der Stop-and-Go-Kurs ist wie für die Desmosedici gemacht - und das ist auch der einzige Grund, warum Spielberg lange Zeit ein schwarzer Fleck im Kalender von Marc Marquez war. Erst 2025 gelang ihm dort sein erster Sieg. Das lag aber nicht etwa daran, dass der Spanier am Red Bull Ring nicht schnell war, im Gegenteil. Er scheiterte einfach mehrfach nur hauchdünn an den Roten. Da er jetzt aber selbst auf einer Desmosedici sitzt, muss er als Favorit auf beide Siege gelten.
Zumindest ein paar Podien wird sich Aprilia in Spielberg aber auch ausrechnen, denn Bezzecchi zeigte 2025 mit der Pole Position auf und führte im Grand Prix bis zur Halbzeitmarke. Am Ende fehlten nur 3,4 Sekunden auf Marquez. Nicht unvorstellbar, dass die Aprilia-Piloten dem Spanier mit einem noch besseren Motorrad näher auf die Pelle rücken, zumal sie am Red Bull Ring auch wieder jene Reifenkarkasse verwenden dürfen, mit denen sie zum Saisonstart in Buriram und Goiania so stark waren. Ein kleines Trauma muss derweil Di Giannantonio überwinden, wenn er in Spielberg vorne mitspielen will. In vier MotoGP-Starts schaffte er es hier nur einmal ins Ziel, und das auf Platz elf.

Japan-GP: Gleich die nächste Lieblingsstrecke von Ducati, auf der auch Marquez schon dreimal gewinnen konnte. Im Vorjahr musste er sich auf dem Weg zum Titelgewinn nur dem überragenden Francesco Bagnaia geschlagen geben. Ob dieser eine solche Leistung in diesem Jahr nochmal wiederholen kann, steht in den Sternen. Falls nicht, wäre der Weg für das nächste Marquez-Doppel frei, denn Aprilia war hier noch nie besonders gut. Auch im Vorjahr lief kaum etwas zusammen. Hoffnung macht einzig die gute Bilanz von Martin, der sich 2025 in Motegi aber die vierte schwere Verletzung binnen weniger Monate zuzog. Unklar, ob ihn das einbremsen oder vielleicht sogar beflügeln wird.
Gleiches gilt auch für Ai Ogura, der in Motegi zum ersten Mal vor Heimpublikum fahren wird, nachdem er im Vorjahr verletzt kurzfristig zurückziehen musste. Hemmt ihn der Druck oder verleiht ihm der zusätzliche Support Flügel? Trackhouse wird auf Letzteres hoffen - und die Chancen stehen gar nicht schlecht. In der Moto2 war Ogura in Motegi in vier Starts dreimal auf dem Podium, 2022 gewann er sogar. Ist die Aprilia konkurrenzfähig genug, sollte also mit ihm zu rechnen sein. Für Fernandez und Di Giannantonio gilt das eher nicht: Sie kamen in Motegi noch nie besser als P7 ins Ziel.
Marquez-Angststrecke Mandalika: Aprilia muss MotoGP-Chance nutzen
Indonesien-GP: Die wohl klarste Aprilia-Strecke im restlichen WM-Kalender. 2025 fuhr Bezzecchi hier bereits in einer eigenen Liga und auch Fernandez schaffte im Sprint damals sein erstes Podium mit Trackhouse Racing. Zudem gilt Jorge Martin als absoluter Mandalika-Spezialist. Wäre er 2023 nicht komfortabel in Führung liegend gestürzt, wäre er längst Rekordsieger. Hier werden alle RS-GP-Piloten ihre Chance auf Big Points wittern.

Besonders, weil Mandalika wohl die Angststrecke schlechthin von Marc Marquez ist. In vier Anläufen konnte er hier noch kein einziges Rennen beenden und verletzte sich bei zwei Stürzen jeweils schwer. Speziell der folgenschwere Abflug aus dem Vorjahr, bei dem sich Marquez jene Schulterverletzung zuzog, die ihn noch heute beschäftigt, dürfte noch sehr präsent sein. Attackieren wird der Titelverteidiger hier kaum, stattdessen dürfte Schadensbegrenzung angesagt sein. Di Giannantonio liegt die Strecke dagegen, 2023 zeigte er hier erstmals so richtig als MotoGP-Pilot auf. Gut möglich, dass er in Mandalika erster Herausforderer der Aprilias sein wird.
MotoGP-Spektakel beim Abschied von Phillip Island?
Australien-GP: Beim letzten Tanz auf Phillip Island geht es links herum, weshalb hier wieder mit Marc Marquez zu rechnen ist. Vier Mal gewann er schon auf der Insel, 2024 auch im direkten Duell mit Martin - trotz unterlegener GP23. Allerdings scheint der Highspeedkurs aktuell auch wie gemacht für die RS-GP. Bezzecchi schrammte im Vorjahr nur aufgrund einer doppelten Longlap-Penalty am Doppel vorbei, dafür siegte mit Raul Fernandez aber ein weiterer Aprilia-Pilot. Das Duo ist ebenso auf dem Zettel zu haben wie Martin, der auf Phillip Island historisch auch immer sehr stark war - wenn er denn den richtigen Hinterreifen wählt. Muss Marquez also erneut den Schaden begrenzen? Es ist schwer zu sagen, weil er im Vorjahr verletzt fehlte und somit ein direkter Vergleichswert fehlt. Dass die Ducati 2025 nicht allzu weit von der Aprilia entfernt war, hat aber Di Giannantonio mit Platz zwei gezeigt. Es könnte also ein heißer Tanz um den Sieg werden, in dem fünf oder mehr Piloten mitmischen könnten.
Malaysia-GP: Die Strecke, auf der das Rennen wohl so offen wie Nirgendwo sonst ist - zumindest um Platz zwei. Denn klarer Favorit ist hier Alex Marquez, der damit zum Zünglein an der Waage werden könnte. Lässt er Bruder Marc diesmal den Vortritt? Nicht undenkbar, zumal der neunmalige Weltmeister in Sepang nie besonders langsam war. Immerhin zwei Siege stehen zu Buche, und damit zwei mehr als bei Aprilia. Für die RS-GP war Malaysia traditionell immer ein hartes Pflaster, auch im Vorjahr. Es könnte also primär um Schadensbegrenzung gehen. Hoffnung macht nur, dass Sepang zu den Lieblingsstrecken von Martin zählt und bei den diesjährigen Wintertests ein klarer Aufwärtstrend zu erkennen war.

Heißes MotoGP-Saisonfinale - mit oder ohne Katar-GP?
Katar-GP: Das große Fragezeichen im restlichen WM-Kalender. Aufgrund der politischen Situation im Nahen Osten wackelt der Grand Prix gewaltig. Dass in Losail gefahren wird, ist aktuell nur schwer vorzustellen. Die MotoGP räumte aber bereits ein, dass die Austragung nach F1-Beispiel an einem anderen Ort möglich wäre. Ob es dazu kommt, werden die nächsten Wochen zeigen. Falls ja, sind Aufschreie aber vorprogrammiert. Denn eine Ersatzstrecke zu finden, die weder Aprilia noch Ducati bzw. Marc Marquez bevorteilt, scheint unmöglich. Sollte wider Erwarten doch in Katar gefahren werden, dürften Marquez, Di Giannantonio und Martin die besten Karten auf Erfolg haben, wobei Letzterer dazu sein Trauma aus der Vorsaison überwinden müsste.

Portugal-GP: Erst seit 2020 im Kalender, hat sich hier noch kein Pilot oder Werk so richtig heimisch gemacht. Sieben Rennen brachten bislang sieben verschiedene Polesitter, fünf verschiedene Hersteller auf Startplatz eins, drei verschiedene Sprintsieger, fünf verschiedene Grand-Prix-Sieger und vier siegreiche Konstrukteure hervor. Das Rennen scheint hier also sehr offen, zumal Marc Marquez in Portimao noch nicht auf der Siegerliste steht. Die Tendenz ging in den letzten zwei Jahren aber schon in Richtung Aprilia. Marco Bezzecchi hat gute Karten, seinen Sieg aus 2025 zu wiederholen und auch Martin weiß was es braucht, um an der Algarve abzuräumen.
Valencia-GP: Die sechste und letzte Strecke im MotoGP-Kalender, die gegen den Uhrzeigersinn befahren wird. Damit sollte Marquez beim Saisonfinale einen Vorteil haben, sofern die WM zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden ist - allerdings nur auf dem Papier. Tatsächlich ist der Lokalmatador in Valencia gar nicht so erfolgreich, wie man das denken mag. Er bringt es seit 2013 nur auf zwei Pole Positions und zwei Siege. 2013 und 2017 musste er aber auch nicht auf Sieg fahren, um Weltmeister zu werden und 2020, 2021 sowie 2025 war er gar nicht am Start.

Speziell sein Fehlen im letzten Jahr erschwert die Prognose massiv. Aprilia drehte in Marquez' Abstinenz auf, feierte mit Bezzecchi und Raul Fernandez einen Doppelsieg. Das Duo weiß also, wie man in Valencia schnell Motorrad fährt und das gilt auch für Martin sowie Di Giannantonio, die hier in der Vergangenheit schon einige Erfolge hatten. Wo sortiert sich Marquez ein? Das ist die große Frage. Wenn es in Valencia aber wirklich noch um den Titel geht, sollte man schon erwarten können, dass der spanische Superstar vor Heimpublikum noch ein paar Extrakörner finden kann. Ob das dann genug für WM-Titel Nummer zehn ist, werden wir spätestens Ende November erfahren.
Was meint ihr: Wer setzt sich letztlich durch und wird MotoGP-Weltmeister 2026? Gebt uns eure Prognosen in den Kommentaren ab!



diese MotoGP Nachricht