Es hatte sich in den letzten Wochen angedeutet, am Sonntag ist es endlich passiert. Nach drei zweiten Plätzen in Serie darf sich Ai Ogura nur anderthalb Jahre nach seinem Debüt in der Königsklasse endlich MotoGP-Rennsieger nennen. Vor zwei Wochen in Brünn oder am gestrigen Samstag jeweils noch knapp unterlegen, ließ er sich diesmal von Nichts und Niemandem stoppen - und das wortwörtlich. Denn wie es beim Trackhouse-Piloten inzwischen zum Standard zu werden scheint, ging es auch am Sonntag nicht ohne Drama.
Trotz idealem Start und Führung nach Kurve eins fand sich Ogura zunächst einmal schnell wieder auf Platz fünf wieder. Er hatte die Anfangsphase des MotoGP-Rennens also abermals verpatzt und nach fünf Runden schon fast drei Sekunden Rückstand auf den Führenden Jorge Martin angehäuft. Vielleicht schon zu viel, um endlich den ersten Rennsieg einzufahren? Es musste befürchtet werden, denn ein Martin in Topform lässt sich solche Vorsprünge eigentlich nicht mehr nehmen. Glücklicherweise fuhr der Aprilia-Werkspilot am Sonntag aber nicht in Topform und so konnte Ogura wieder aufschließen. In großen Schritten kam er zu Beginn der zweiten Rennhälfte an Martin und Trackhouse-Stallgefährte Raul Fernandez heran und sah bereits wie der sichere Sieger aus - doch dann war das Rennen beinahe schon vorzeitig zu Ende.
Ai Ogura übersteht MotoGP-Schreckmoment mit Ride-Height-Device
Zu Beginn von Runde 16 ging Ogura in Kurve drei nämlcih weit und verlor einiges an Zeit. Bei genauem Hinsehen war Funkenflug zu sehen, sein Ride-Height-Device am Heck schien abgesenkt stecken geblieben. Der große Schock für Trackhouse Racing, denn ein solcher Defekt hatte in den letzten Jahren schon für so manchen Ausfall gesorgt. 2025 wurde Fabio Quartararo in Silverstone etwa um den sicheren Rennsieg gebracht - und am Sonntag fehlte offenbar nicht viel zu einer Wiederholung dieses dramatischen Szenarios.
"Ich dachte, das Rennen sei vorbei", gestand auch Ogura selbst nach seiner Zielankunft im MotoGP-Format 'After the Flag'. Er beschrieb: "Ich hatte die Situation davor gemanagt, ich hatte Raul und Jorge im Blick gehabt und mir gedacht, dass da eine echte Chance sein könnte." Doch kann kam "dieses Problem" und plötzlich drohte das Aus. Sofort wurden Erinnerungen an Austin wach, als ihn ein anderes technisches Gebrechen an der Aprilia RS-GP um das wohlverdiente erste MotoGP-Podium gebracht hatte. Doch diesmal meinten es die WM-Götter offenbar gut mit dem 25-Jährigen aus Kiyose.
Denn wie Ogura im Anschluss verriet, handelte es sich vermutlich gar nicht um einen Defekt, sondern schlicht um einen Bedienungsfehler seinerseits. "Normalerweise aktivierst du das Ride-Height-Devices am Ausgang der letzten Schikane und deaktivierst es dann wieder beim Anbremsen für Kurve eins. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hat es sich zwischen Kurve eins und drei dann wieder aktiviert. Wahrscheinlich habe ich einen falschen Knopf oder so gedrückt", gab der Trackhouse-Pilot an. Somit ließ sich das Device beim nächsten harten Anbremsen für Kurve fünf auch wieder deaktivieren und das Rennen ganz normal fortsetzen. "Da hatte ich kurz etwas Angst", lachte Ogura und atmete dann durch: "Zum Glück habe ich dadurch nicht allzu viel Zeit verloren."
Ai Ogura schreibt MotoGP-Geschichte, und Davide Brivio träumt von mehr
Nach einer Runde war die verlorene Sekunde schon wieder reingeholt, wenig später folgten die rennentscheidenden Überholmanöver gegen Martin und Fernandez. "Ich war kurz etwas besorgt, weil die Lücke wieder größer geworden war. Aber meine Pace war gut genug, um sie einzuholen, sie zu überholen und zum Ende hin sogar einen kleinen Vorsprung herauszufahren. Selbst mit diesem Problem hat es diesmal also gepasst", freute sich Ogura. "Wir wussten, dass dieser Sieg kommen würde", strahlte auch Teamboss Davide Brivio und setzte anschließend zur Lobeshymne auf jenen Piloten an, den er 2025 in die MotoGP geholt hatte: "Ai ist einer der besten Fahrer, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Ich werde mich noch lange an ihn erinnern."
Das gilt wohl auch für alle Japaner, denn dank Ogura gewann nun erstmals seit dem 19. September 2004 wieder ein Pilot aus dem Land der aufgehenden Sonne in der MotoGP. Zuletzt war das Makoto Tamada vor 22 Jahren beim Heimrennen in Motegi gelungen. "Das ist lange her", lachte Ogura, der damals erst drei Jahre alt war. "Das ist nah an meinem WM-Gewinn [in der Moto2, Anm.] dran. Ich weiß nicht, vielleicht ist es sogar besser. Ich bin einfach nur glücklich", gewährte der künftige Yamaha-Werksfahrer einen ungewohnt tiefen Einblick in seine Gefühlswelt. "In Assen zu gewinnen, macht es noch besser. Das ist eine meiner Lieblingsstrecken. Als ich die Ziellinie überquert habe, war das schon eine große Freude."

Eine lustige Anekdote hatte abschließend noch Brivio parat. Der baldige Honda-Angestellte lachte gegenüber 'TNT Sports': "Ihr kennt alle die Geschichte: Ai wird das Team verlassen, ich werde das Team verlassen. Vor ein paar Wochen habe ich deshalb zu ihm gesagt: 'Ai, wir müssen unbedingt noch gemeinsam ein Rennen gewinnen müssen, bevor wir uns trennen'. Jetzt haben wir es tatsächlich geschafft. Ich bin so glücklich. Aber ich hoffe natürlich, dass das noch nicht der letzte war."
Es ist nach den Entwicklungen der letzten Wochen zu bezweifeln. Mit 25 Punkten Rückstand auf Marco Bezzecchi muss Ogura so langsam auch als echte Bedrohung im Titelkampf der MotoGP wahrgenommen werden. Was meint ihr: Hat der Japaner noch eine Chance auf den großen Wurf? Sagt es uns in den Kommentaren!
Ein Update zum Gesundheitszustand von Bezzecchi nach dessen Highspeedcrash in Assen findet ihr derweil hier:



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