Offiziell stehen in der MotoGP 22 Stammfahrer am Start. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus, denn die Anzahl der Verletzungen ist in einem 22 Rennwochenenden umfassenden Kalender inklusive Sprints hoch. Darunter leidet auch die Qualität des Sports. Mit einer neuen Regel nach Formel-1-Vorbild will die Königsklasse nun gegensteuern, doch es gibt berechtigte Zweifel.

Vorbild Formel 1: MotoGP strebt feste Ersatzfahrer an

Wie unsere Kollegen von 'Motorsport.com' aus Spanien erfahren haben, plant die MotoGP die Einführung von verpflichtenden Ersatzfahrern für die Hersteller. Eine solche Regelung existiert bereits in der Formel 1, welche Neu-Eigner Liberty Media seit Jahren lenkt. Dort muss an jedem Rennwochenende ein Ersatzpilot anwesend sein und im Falle von Krankheit oder Verletzung des Stammpersonals sofort zur Verfügung stehen.

Yuki Tsunoda in der Box von Red Bull
In der Formel 1 müssen Ersatzfahrer (hier Yuki Tsunoda) stets bereitstehen, Foto: IMAGO / Jay Hirano

In der MotoGP gibt es eine solche Regelung nicht, obwohl es durch die Natur des Motorradsportes viel mehr verletzungsbedingte Ausfälle gibt. Dies soll nun geändert werden. "Es stimmt, dass die MotoGP gegenüber den Herstellern den Wunsch geäußert hat, die Teams bei den Grands Prix Reservefahrer einsetzen zu lassen", bestätigte Ducatis Teammanager Davide Tardozzi den Vorstoß der Königsklasse.

Verpflichtender Ersatz erst nach 10 Tagen: MotoGP-Feld oft lückenhaft

Bisher war die Praxis in der MotoGP, dass ein Fahrer erst 10 Tage nach seiner Verletzung vom Team ersetzt werden muss. Demensprechend kann bei einem Double-Header sogar an zwei Wochenenden in Folge auf Ersatz verzichtet werden, wenn sich der Fahrer während der Sessions des ersten Grand Prix verletzt. Die Folge in den letzten Jahren war, dass es häufig Rennen mit einem oder mehreren ausgefallenen Piloten gab, die gar nicht vertreten wurden. In Argentinien 2023 waren nur 17 Fahrer am Start, 2025 am Sachsenring auch nur deren 18. Hier die gesamten Fehlzeiten der Stammpiloten in der Statistik, um das Ausmaß der Problematik klarzumachen.

Verpasste MotoGP-Rennen der Stammfahrer pro Saison seit 2020

SaisonAusfälle der StammpilotenRennen mit allen Stammfahrern
2020220
2021183
2022185
2023500
2024188
2025472
2026*21

*Stand nach 3 Rennwochenenden

Dieser Zustand ist kaum haltbar. Fehlende Piloten bedeuten natürlich einen Abfall der Qualität des Sports. Die Zuschauer zahlen, damit sie 22 hochklassige Fahrer um Positionen kämpfen sehen. Aktuell ist dies meist nicht der Fall. Zum einen, weil die Anzahl oft gar nicht erreicht wird, zum anderen aber auch durch den Einsatz nicht konkurrenzfähiger 'Lückenfüller'.

Kein Wert für den Sport: MotoGP-Ersatzfahrer oft konkurrenzlos unterwegs

Dass ein Ersatzpilot wie KTM-Testfahrer Pol Espargaro 2025 regelmäßig in Q2 fuhr und gute Punkte holte, stellte die rühmliche Ausnahme dar. Bei anderen Herstellern wird hinterhergefahren, wie zuletzt in Thailand Michele Pirro als Ersatz für Fermin Aldeguer bei Gresini. Aprilias Lorenzo Savadori war 2025 ein Extrembeispiel. 13 Rennen bestritt er als Vertreter des dauerverletzten Titelverteidigers Jorge Martin. Dabei gelangen dem Italiener acht Punkte, davon sieben aus einem Regenrennen dank gelungenem Reifenpoker. Und das alles wohlgemerkt auf einem Bike, mit dem Teamkollege Marco Bezzecchi bereits regelmäßig um Podestplätze fuhr.

Lorenzo Savadori (Aprilia Racing Team)
Lorenzo Savadori wurde zum fahrenden Testlabor, Foto: Tobias Linke

Es ging so weit, dass Aprilia Savadoris Einsätze mit voller Absicht zu Reifen-Tests und Setup-Experimenten zweckentfremdete. Aus Sicht von Noale war dies die logische Vorgehensweise, doch der MotoGP-Führungsebene ist dieser Zustand ein Dorn im Auge. Sie wollen eine hochkarätige Motorsport-Veranstaltung präsentieren und nicht Testfahren im Grand-Prix-Gewand.

Das Problem: Wo sollen geeignete Fahrer herkommen?

Der Wunsch nach verpflichtenden Ersatzfahrern ist also verständlich. Es gibt dabei aber ein großes Problem. "Glaubt ihr, es gibt elf Fahrer [auf die Anzahl der Teams bezogen, Anm. d. Red.] außerhalb dieses Feldes mit dem nötigen Niveau, um in der MotoGP mitzufahren?", weist Davide Tardozzi etwas spöttisch auf die Realität hin. Tatsächlich würden die von der MotoGP angestrebten ein bis zwei Ersatzpiloten pro Hersteller etwas weniger als elf bedeuten, aber auch die gibt es einfach nicht.

In der Formel 1 können die oft jungen Ersatzpiloten mit Simulator-Fahrten, FP1-Einsätzen, Young Driver Test und TPC-Tests (Testing Previous Cars) auf den Fall der Fälle vorbereitet werden, um dann einigermaßen mithalten zu können. In der MotoGP kommen derzeit aber nur Ex-Fahrer überhaupt in Frage, denn der Sprung in die Königklasse erweist sich stets als gewaltig und benötigt lange Vorbereitung.

KTM hat Pol Espargaro. Sein Bruder Aleix und Takaaki Nakagami stehen bei Honda unter Vertrag. Yamaha hat sich Augusto Fernandez gesichert. Als Andrea Iannone noch mal zurückkehren durfte, war das eine schöne Geschichte, doch konkurrenzfähig war der 'Maniac' nicht mehr. Das dürfte auch für Alvaro Bautista, Andrea Dovizioso und bald auch Danilo Petrucci gelten. Einzig Miguel Oliveira bliebe realistischerweise noch übrig, doch der Portugiese entschied sich für die Superbike-WM. Dann fängt schon die 'zweite Reihe' an Kandidaten wie Remy Gardner oder Iker Lecuona an. Von Ducatis Nicolo Bulega abgesehen sind auch keine Superbike-Quereinsteiger mit dem nötigen Niveau in Sicht.

Wer will zuschauen und nicht fahren dürfen? Alex Rins sagt bereits ab

Doch selbst wenn jemand geeignetes für die Aufgabe dazustoßen könnte, will er das dann überhaupt? Alex Rins gilt derzeit als gefährdet, seinen Platz in der MotoGP zu verlieren. Als Test- und Ersatzfahrer könnte er sich ab 2027 wieder profilieren. Doch dem Spanier gefällt diese Idee nicht. "Ich bin als Fahrer bereits zu einem Grand Prix gereist, obwohl ich wusste, dass ich nicht fahren würde, weil ich verletzt war. Und es war sehr schwierig für mich", berichtet er von der Erfahrung der Zuschauerrolle.

Alex Rins als Zuschauer beim Österreich Grand Prix
Alex Rins musste 2023 schon einmal zusehen, Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Rins möchte kein gelangweilter Beobachter auf Abruf sein: "Wenn das umgesetzt wird, kann es für diejenigen, die anreisen und dann das ganze Wochenende untätig bleiben müssen, sehr schwierig werden. Ich würde es nicht tun, weil es bedeuten würde, an denselben Tagen wie die Stammfahrer von zu Hause weg zu sein, aber gleichzeitig zu wissen, dass es normal ist, nicht aufs Motorrad zu steigen."

Im Endeffekt bedeutet der Job die gleichen Reisestrapazen wie für die Stammfahrer, jedoch ohne die Gewissheit, fahren zu können. Ob sich das allzu viele nach dem Karriereende antun wollen, bleibt höchstfraglich. Die aktuellen Test- und Ersatzfahrer sind nicht immer vor Ort. Sie werden nur einberufen, wenn der Ausfall des Stammpiloten bereits vor dem Wochenende feststeht.

Moto2-Fahrer mit Tests auf MotoGP-Niveau bringen?

Welche Lösung könnte es also geben? Nun, es gibt Fahrer die immer vor Ort sind. Sogar zwei ganze Fahrerfelder reisen stehts mit der Königsklasse. Realistischerweise kommen aber wohl nur gute Moto2-Piloten als Ersatzleute in Frage. Sie müssten allerdings intensiv auf einen MotoGP-Einsatz vorbereitet werden und nicht nur durch Glück reinschnuppern dürfen, wie es zuletzt Manu Gonzalez und Celestino Vietti dank Verletzung der Stammpiloten bei Trackhouse und VR46 einmal vergönnt war.

Celestino Vietti durfte in Valencia ein MotoGP-Bike ausprobieren, Foto: VR46 Media
Celestino Vietti durfte in Valencia ein MotoGP-Bike ausprobieren, Foto: VR46 Media

Urgestein Davide Brivio schlug vor einiger Zeit eine Art MotoGP-Äquivalent der Young Drivers Tests der Formel 1 vor. Diese könnten - wie die üblichen Tests während der Saison - an Montagen nach dem jeweiligen Rennwochenende gefahren werden. Fahrer und Ausrüstung wären dann ja bereits vor Ort. Außerdem würden damit sogar zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Nicht nur stünde die dringend nötige Vorbereitungszeit auf einen möglichen Einsatz in der Königsklasse zur Verfügung, sondern die Teams bekämen auch die Möglichkeit, die Talente der nächsten Generation zu evaluieren. Die Motivationsfrage wäre ohnehin obsolet, denn welcher Moto2-Pilot möchte sich nicht für die MotoGP empfehlen?

Letzte Hürde: Wer Ersatzfahrer will, muss auch zahlen

Es bliebe nur eine Frage, aber leider die entscheidende. Alle Hersteller und Teams würden uns unisono entgegenschreien: Wer soll das bezahlen?! Zurecht, denn für ihren finanziellen Aufwand erhalten die MotoGP-Werke im Vergleich zu den Teams der Formel 1 herzlich wenig. Nicht umsonst sagt Davide Tardozzi: "Ich glaube nicht, dass das machbar ist. Im Moment haben wir wichtigere Dinge zu tun." Damit bezieht er sich auf die laufenden Verhandlungen zwischen Herstellern und MotoGP für einen neuen Fünfjahresvertrag. Wenn die Königsklasse auf zwei Rädern eine Lösung für das Ersatzfahrerproblem haben möchte, wird sie dafür im neuen Vertrag selbst in die Tasche greifen müssen.

Was meint ihr? Wie würde eure Lösung für die Ersatzfahrerproblematik aussehen? Sagt es uns in den Kommentaren.