Dieser Mann wird langsam unheimlich. Marco Bezzecchi feiert in Brasilien seinen vierten Sieg in Folge. Seit 101 Rennrunden an einem Sonntag kennt die MotoGP nur ihn als Führenden. Noch viel mehr als diese Statistik beeindruckt aber der Hergang des Triumphes in Goiania. Am Freitag deutete noch alles auf ein Debakel hin. Was folgte, war eine Demonstration der Stärke von Fahrer und Ingenieuren.

Zwei Sekunden Rückstand am Freitag: Marco Bezzecchi glaubte nicht an Sieg

"Der Freitag war hart. Da hätte ich niemals gedacht, dass ich gewinnen könnte. Ich fühlte mich schlecht, war ein bisschen verloren und überfuhr das Bike, um näher ranzukommen", erinnerte sich der Aprilia-Pilot nach seinem souveränen Start-Ziel-Sieg am Sonntag. Tatsächlich war diese Einschätzung keine Übertreibung. Nichts funktionierte bei schwierigen Misch-Bedingungen im Training. Die Reifen kamen nicht ins Fenster. Am Ende der Misere stand Platz 20 zu Buche, mit 1,7 Sekunden Rückstand auf Teamkollege Jorge Martin. In diesem Moment war höchstfraglich, ob er überhaupt das Q1 überstehen würde.

Im Training fuhr Bezzecchi hinterher, Foto: IMAGO / PsnewZ
Im Training fuhr Bezzecchi hinterher, Foto: IMAGO / PsnewZ

Doch dieser Italiener und seine Crew sind mittlerweile gefestigte Spitzenleute. "Nach diesem Training habe ich mich mit der Mannschaft zusammengesetzt und wir haben an allem gearbeitet. Wir haben alle Details angesehen und dieses Wochenende gedreht", berichtete 'Bezz'. Schritt für Schritt ging es nach vorn: "Der Samstag fing dann schon besser an. Es war nicht genug für den Kampf um das (Sprint-)Podium, aber ich konnte Marc (Marquez), Diggia (Di Giannantonio) und Jorge (Martin) von hinten beobachten und so versuchen, meine Fahrweise noch mehr anzupassen. Im Warm Up fühlte ich mich noch einmal besser und dachte mir dann, dass es (der Sieg, Anm. d. Red.) gehen kann."

Massimo Rivola stolz über Trendwende: Kollektive Aprilia-Stärke hilft Marco Bezzecchi

Ob Reifenverhalten, Setup oder Linienwahl: Jeder Stein wurde systematisch und mit Erfolg umgedreht. Gerade deswegen war Aprilia-Boss Massimo Rivola diesmal besonders stolz auf den Erfolg: "Ein perfekter Sonntag, aber kein perfektes Wochenende. Insgesamt bin ich darüber aber sogar noch glücklicher, wenn ich mir die Probleme von Marco am Freitag ansehe und dann die Fortschritte sehe, die das Team und Marco mit der richtigen Ruhe erreicht haben. Sie haben sich die Daten von Jorge (Martin) angesehen. So musst du es machen. Es gab keine Panik in der Box und sie haben an ihre Arbeit geglaubt, unabhängig von der Platzierung."

Massimo Rivola ist stolz auf seine Mannschaft, Foto: Aprilia Media
Massimo Rivola ist stolz auf seine Mannschaft, Foto: Aprilia Media

Für Rivola ist klar, dass dieser Erfolg auch der kollektiven Stärke Aprilias zuzuschreiben ist: "Vier schnelle Fahrer mit schnellen Bikes zu haben ist eine riesige Hilfe. Darum habe ich euch in der Vergangenheit immer gesagt, wie groß der Vorteil der acht Ducatis mit starken Fahrern war. Mit vier starken Fahrern können wir jetzt sehen, wo wir uns in jeder Session immer weiter verbessern können." Waren in Thailand noch vor allem die Trackhouse-Jungs gut unterwegs, so lieferte diesmal zunächst Jorge Martin die Referenz für Bezzecchi. Außerdem war die Erfahrung der Q1-Teilnahme auf neuer Strecke nach dem schwierigen Freitag sogar hilfreich. Nicht umsonst belegten Fabio Di Giannantonio, der auch aus Q1 kam, und der Seriensieger dann die ersten beiden Plätze im Q2.

Fabio Di Giannantonio staunt über Aprilia: Die können immer weiter pushen

Dennoch musste das alles umgesetzt werden. "Wir wählten ein paar kleine Änderungen am Bike und ich musste auch meinen Fahrstil etwas ändern. Wenn du auf eine neue Strecke kommst, hast du keine Referenzdaten. Ich musste einiges an meiner Linienwahl verbessern. Ich fühlte mich dann im Warm Up besser. Das Heck hat mir geholfen, in weniger Probleme mit der Front zu geraten", beschreibt es 'Bezz' bescheiden. Dieses bessere Gefühl mündete im nächsten souveränen Sieg. Nach großartigem Start fuhr der neue WM-Führende erneut davon.

Da kann die Konkurrenz derzeit nur staunen. Di Giannantonio als erster Verfolger kennt die Stärke der RS-GP. "Sobald die Bedingungen etwas heißer und rutschiger werden, können die trotzdem weiter die Front pushen und hohe Geschwindigkeit in die Kurven nehmen. Ich versuchte das auch, aber wir bekommen viel mehr Probleme. Unsere Front ist viel instabiler. Außerdem holen sie auch am Kurvenausgang alles raus. Wir müssen uns verbessern", lautet das Fazit des derzeit bestplatzierten Ducati-Piloten.

Ein verschwommener schwarzer Punkt: Bezzecchi enteilte den Ducatis, Foto: MotoGP Press
Ein verschwommener schwarzer Punkt: Bezzecchi enteilte den Ducatis, Foto: MotoGP Press

Marco Bezzecchi und Aprilia nun WM-Favorit? Rivolas Finger deutet Richtung Marc Marquez

Wer die Rivalen so beeindruckt, vier Grands Prix in Folge in jeder Runde führt und auch schwierigste Wochenenden dreht, muss doch ein WM-Kandidat sein? Gegen diese Frage kann fast nicht mehr argumentiert werden, doch Marco Bezzecchi lässt weiter die immergleiche Schallplatte spielen: "Die Saison ist immer noch sehr lang. Natürlich ist es (die WM-Führung, Anm. d. Red.) fantastisch. Das passiert dir nicht oft im Leben, also musst du es genießen. Aber du solltest mit den Füßen am Boden bleiben. Es sind immer noch 20 Rennen offen und die anderen Fahrer sind sehr stark. Wir sollten konzentriert bleiben, um so weitermachen zu können."

Damit trifft er die Vorgabe von Massimo Rivola. Auch der Chef will nichts davon wissen, dass Aprilia nun womöglich sogar Favorit ist. "Wir gehen nach Austin und konzentrieren uns auf das Rennwochenende. Wir wissen, dass wir dort nicht am stärksten sind. Dann gehen wir nach Jerez, wo alle viele Daten haben. Nach diesen zwei Rennen haben wir vielleicht eine Idee, wie es steht", meint der Italiener.

Marc Marquez gilt als der König in Austin, Foto: Ducati Media
Marc Marquez gilt als der König in Austin, Foto: Ducati Media

Wem er in Austin am kommenden Wochenende die Favoritenrolle zuschiebt, erklärt sich fast von selbst. "Nächsten Sonntag fahren wir an einem Ort, der Marcs Haus ist. Oder eines davon, er hat ja viele auf der Welt", drückt es Rivola aus. Marc Marquez hat auf dem Circuit of the Americas bereits sechsmal gewonnen. Doch die Nummer 93 weiß nun um die Stärke des Gegners und zollt Respekt. "Ich sehe es immer als das Paket von Fahrer plus Motorrad. Es ist nie nur der Fahrer oder das Motorrad. Das geht immer zusammen und momentan bringen sie sehr gute Leistungen", äußerte sich der Weltmeister, als er auf Aprilia und Bezzecchi angesprochen wurde. Und seit Brasilien wissen wir, dass sie auch ein versauter Freitag nicht aus dem Tritt bringen muss.

So gut wie Marco Bezzecchis Leistung war der Gesamteindruck vom ersten Rennen in Goiania leider bei Weitem nicht. In unserem neusten Video berichten wir euch von aufbrechendem Asphalt und weiteren Problemen:

MotoGP-Eklat in Brasilien! Rennen auf kaputter Strecke (08:19 Min.)