Casey Stoner gilt im Paddock als einer der besten Fahrer der MotoGP-Geschichte. Als der Australier 2012 in jungem Alter die Karriere beendete, trat Marc Marquez seine Nachfolge im Honda-Team an - und wurde noch viel erfolgreicher. Nach langer Leidenszeit durch Verletzungen ab seinem Horrorunfall in Jerez 2020 ist Marquez fünf Jahre später wieder zur dominanten Kraft der Königsklasse aufgestiegen. Stoner glaubt zu wissen, warum die Nummer 93 über allen anderen steht.

Casey Stoner: Keiner hat das Gefühl, ein Rennen gegen Marquez gewinnen zu können

"Gegen diesen Marquez wäre es ziemlich schwierig. Gegen den davor [vor den Verletzungen, Anm. d. Red.] hätte ich vielleicht eine Chance gehabt. Dieser scheint nochmal eine Schippe draufgelegt zu haben", antwortete Stoner auf die Frage, wie ein Duell zwischen ihm und Marquez ausgegangen wäre.

Casey Stoner und Valentino Rossi in Österreich
Casey Stoner (hier mit Valentino Rossi) besucht die MotoGP wieder regelmäßiger als früher, Foto: IMAGO / PsnewZ

Ob Stoner dem Spanier etwas entgegensetzen hätte können, werden wir nie erfahren. Aktuell scheint es aber Fakt, dass es niemand kann. Marquez eilte vor allem zu Saisonmitte von Sieg zu Sieg, ehe eine Verletzung in Indonesien ihn erneut zum Zuschauer machte. Da war sein siebter Titel in der Königsklasse aber bereits unter Dach und Fach. "In den letzten Jahren hatte jeder eine Chance, Rennen zu gewinnen. Aber im Moment hat keiner das Gefühl, eine Chance zu haben, außer in einem ungewöhnlichen Rennen wie Le Mans [als es regnete, Anm. d. Red.] oder ähnliches", konstatiert der Ex-Weltmeister.

Stoners Theorie: Erfahrung ohne Fahrhilfen entscheidender Marquez-Vorteil

Doch woran liegt das? Ist es einfach nur Marquez' herausragendes Talent? Nicht nur. Für Stoner bringt der Superstar einen anderen wichtigen Faktor mit: "Ich glaube, es liegt daran, dass Marc aus seiner Erinnerung der Vergangenheit weiß, wie man diese Motorräder ohne alle Fahrhilfen fährt. Das ist auch der Grund, warum Dani Pedrosa als Wildcard reinkommen kann und so schnell ist. Der Fahrer ist immer noch besser als die Elektronik. Wenn du weißt, was sie eigentlich macht, dann kannst du voraussehen, was passieren wird: Wie das Bike rutschen wird, wie du Grip finden kannst und wie du auf deine Reifen aufpasst."

Marc Marquez gewinnt nächsten MotoGP-Preis - trotz Abwesenheit! (05:17 Min.)

Dass Stoner die Fahrhilfen rund um die neue Stabilitätskontrolle und Ride-Height-Devices ein Dorn im Auge sind, machte er oftmals mehr als deutlich. Die aktuellen Piloten werden mit dem gesamten Spektrum der Fahrkunst gar nicht mehr konfrontiert: "Das musste die neue Generation nie lernen, denn du musst nur noch am Gas drehen und die Ingenieure machen alles andere für dich. Marc findet da einen kleinen Vorteil gegen die anderen vor, denn er weiß immer noch, wo er sich platzieren muss, wie er ans Gas gehen muss und wie man die Reifen schont. Die Elektronik soll dieses Problem lösen, aber du kannst immer noch besser als sie sein und mehr als die anderen rausholen."

Marc Marquez fährt gegen eine andere Generation Rennfahrer (hier Marco Bezzecchi), Foto: IMAGO / Italy Photo Press
Marc Marquez fährt gegen eine andere Generation Rennfahrer (hier Marco Bezzecchi), Foto: IMAGO / Italy Photo Press

Marc Marquez betont: Honda-Elektronik zu Karrierebeginn noch besser als jetzt

Nachdem Stoner seine Theorie geäußert hatte, wurde Marc Marquez selbst darauf angesprochen. Seine erste Antwort klang zunächst wie ein Widerspruch: "Als ich in die MotoGP kam, da war die Elektronik von Honda sogar noch besser als die, die wir jetzt benutzen. Das war keine vorgeschriebene Software, sondern frei in der Entwicklung. Diese Elektronik war sehr geschmeidig." Stoner hingegen sah das damals bereits als Ärgernis: "Ich habe da schon 2012 dagegen angekämpft. Ich hatte keinen Spaß mehr, das Motorrad zu fahren, weil sie mir so viel Kontrolle darüber wegnahmen."

Wenige Jahre später wurde dann eine Einheitselektronik eingeführt, die alle Hersteller per Reglement benutzen müssen. Ihre Möglichkeiten sind eingeschränkt, dennoch wissen sie die Werke unterschiedlich gut zu nutzen. "Jetzt haben alle Fahrer dieselben Parameter. Im Vergleich der Motorräder, die ich gefahren bin - die Honda und die Ducati - funktioniert die Ducati sehr gut auf Seiten der Elektronik", bestätigt Marquez, dass es sehr wohl noch Unterschiede gibt.

Stoner war die Elektronik bereits 2012 zu viel, Foto: Milagro
Stoner war die Elektronik bereits 2012 zu viel, Foto: Milagro

Der springende Punkt: MotoGP-Fahrhilfen machen dich nicht schneller

Doch dann kam die wichtige Aussage, die Stoners Theorie stützt: "Aber am Ende ist es immer so: Du kannst die Elektronik nicht nutzen, um schneller zu werden, sondern nur um sicherer und konstanter zu sein. Wenn du meinst, dass du durch die Elektronik schneller werden kannst, dann bis du auf einem Irrweg." Und genau hier liegt wohl der Kern der Aussagen des Australiers. Die jüngeren Piloten verlassen sich auf die Fahrhilfen, aber sie stellen nicht das Limit dar, sondern mehr eine Art Fangnetz. Marc Marquez legt sich offenbar nicht in dieses hinein und nimmt es als die Grenze des Machbaren wahr. Er steht darüber.

Der menschliche Faktor steht laut Casey Stoner also über dem der technischen Fahrhilfen. Die größte Hilfe hat Marc Marquez dieses Jahr wohl auch nicht von der Technik seiner Ducati, sondern durch den Rat eines alten Freundes erhalten. Mehr dazu hier: