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Valentino Rossis heißeste MotoGP-Fehden: Von Biaggi bis Marquez

Valentino Rossis MotoGP-Karriere ist mit einigen Fehden gepflastert. Die legendären Duelle mit Biaggi, Lorenzo, Marquez & Co. im Rückspiegel.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Valentino Rossi hat sich zu einem Rücktritt aus der MotoGP entschieden. Eine schillernde Karriere geht somit nach 26 Jahren zu Ende. Rossis zweieinhalb Jahrzehnte in der Weltmeisterschaft sind von Triumphen und Rekorden gesäumt, aber auch von großen Rivalitäten. Motorsport-Magazin.com blickt auf die größten Fehden zurück.

Valentino Rossi: Die Gründe für den MotoGP-Rücktritt: (08:29 Min.)

Valentino Rossi vs. Max Biaggi (2000-2005)

Valentino Rossi und Max Biaggi hatten ein persönliches Problem miteinander - Foto: Milagro

In den Neunzigerjahren kam in Italien eine Goldene Generation auf. Mit Loris Capirossi, Max Biaggi und Valentino Rossi hagelte es Siege und WM-Titel. Unter anderem holte das Trio alle Gesamtsiege in der 250ccm-Klasse von 1994 bis 1999. Der aus Rom stammende Biaggi wagte nach vier Titeln in Serie im Jahr 1998 den Sprung in die Königsklasse, wo er gleich im ersten Jahr Vizeweltmeister werden sollte.

Er beanspruchte die Position des italienischen Platzhirschen, als sich im Jahr 2000 auch Rossi und Capirossi zu den 500er-Maschinen gesellten. Doch Rossi sollte ihn sportlich von Beginn an in den Schatten stellen und sein Debütjahr als Vizeweltmeister 39 Punkte vor Biaggi abschließen. 2001 eskalierte der Konflikt bereits zum Saisonstart, als Rossi nach einem harten Manöver von Biaggi während des Rennens den Mittelfinger auspackte. Fünf Rennen später flogen unmittelbar vor der Siegerehrung sogar die Fäuste.

Am Ende setzte sich Rossi klar durch, feierte bereits im drittletzten Lauf den ersten italienischen 500ccm-Titel seit 1982 und machte sich zum letzten Champion dieser Klasse. Biaggi wurde nur Vizeweltmeister, ein Schicksal, das er auch 2002 unter dem neuen MotoGP-Reglement hinnehmen musste. Für 2003 wechselte Biaggi von Yamaha auf Honda und hatte somit endlich das gleiche Material wie Rossi. Eine Trendwende löste das aber nicht aus und so setzte Biaggi all seine Hoffnungen auf die Saison 2004.

Rossi war im Winter zu Yamaha gewechselt, wo man seit Biaggis Abgang keinen Sieg mehr geholt hatte. Beim Saisonauftakt in Welkom duellierten sich tatsächlich Rossi und Biaggi um den ersten Platz, doch einmal mehr hatte der Jüngere die Oberhand über den Älteren. Rossi sollte dieses Rennen später als eines der besten seiner Karriere bezeichnen. Biaggi hingegen gewann nach dieser Niederlage nur noch ein einziges MotoGP-Rennen und musste sich mit Saisonende 2005 zurückziehen.

Rossi und Biaggi bestritten in den sechs gemeinsamen Jahren in der Königsklasse 97 Rennen gegeneinander. Rossi holte dabei 53 Siege und stand 81 Mal auf dem Podest. Biaggi hingegen kam in diesem Zeitraum nur auf 43 Podien und zehn Erfolge. Noch heute verstehen sich die beiden italienischen Streithähne nicht gut, auch wenn längst keine Fäuste mehr fliegen.

Bilanz aus 97 Rennen:
Valentino Rossi: 53 Siege, 81 Podien, 1.917 WM-Punkte
Max Biaggi: 10 Siege, 43 Podien, 1.222 WM-Punkte

Valentino Rossi vs. Sete Gibernau (2000-2006)

In Jerez eskalierte die Situation zwischen Rossi und Gibernau - Foto: Yamaha Racing

Neben Biaggi hatte Rossi in seinen Anfangsjahren in der Königsklasse einen zweiten großen Gegenspieler: Sete Gibernau. Der Spanier hatte in seinen ersten sieben WM-Jahren lediglich einen Sieg geholt, mischte 2003 nach seinem Wechsel von Suzuki auf Gresini-Honda aber plötzlich voll um den Titel mit und wurde am Ende der Saison MotoGP-Vizeweltmeister hinter Rossi. Das Verhältnis des Spaniers und seines italienischen Gegenspielers war damals noch gut, doch das sollte sich 2004 wenden.

Gibernau war nicht mehr der Underdog, führte die WM-Wertung zwischenzeitlich sogar an und kam mit einem Rückstand von 39 Punkten zum viertletzten Saisonrennen in Katar. Als Rossis Crew dort dessen Startplatz im Grid säuberte, kam es zur Eskalation: Auf Protest einiger Teams, darunter Gibernaus Gresini-Mannschaft, musste der WM-Leader daraufhin von ganz hinten starten. Rossi stürzte, während Gibernau gewann und in der Gesamtwertung auf 14 Punkte herankam.

Bis heute unterstellt Rossi dem Spanier, dass der Protest auf sein Geheiß eingelegt wurde. Gibernau bestreitet das allerdings, so wie Rossi seinerseits bestreitet, er habe nach dem Vorfall die Aussage getätigt, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, damit Gibernau nie wieder ein Rennen gewinnt.

Doch genau so kam es: Der Spanier ging 2004 im Titelkampf erneut leer aus und wurde zum Saisonstart 2005 in Jerez mit einem legendären Block-Pass von Rossi in der letzten Kurve auf den zweiten Platz verdrängt. Daraufhin verweigerte er eine Stellungnahme, während Rossi von den spanischen Fans während der Siegerehrung ausgebuht wurde.

In der WM-Wertung spielte der zweifache MotoGP-Vize Gibernau 2005 keine Rolle mehr und musste seine Karriere ein Jahr später nach unzähligen Verletzungen beenden. Von 114 Rennen gegen Rossi hatte er nur neun gewonnen, während Rossi 91 Podestplätze holte, 58 Siege einsackte und mit 2.164 Punkten mehr als doppelt so viele wie sein Gegenspieler holte.

Bilanz aus 114 Rennen:
Valentino Rossi: 58 Siege, 91 Podien, 2.164 WM-Punkte
Sete Gibernau: 9 Siege, 25 Podien, 1.021 WM-Punkte

Valentino Rossi vs. Casey Stoner (2006-2012)

Das epische Duell zwischen Rossi und Stoner in Laguna Seca bleibt unvergessen - Foto: Milagro

2006 betrat ein junger Australier die MotoGP-Bühne, die er nach einem Wechsel zu Ducati erobern sollte: Casey Stoner. Dieser trat 2007 seinen Siegeszug in Richtung Championat an und machte bereits nach 15 der 18 Saisonrennen den Sack zu. Mit Rossi duellierte er sich zwar in einigen Rennen um den Sieg, der Routinier unterlag ihm in der Gesamtwertung aber klar.

2008 wendete sich das Blatt, denn nach zwei Jahren ohne Titel wollte sich Valentino Rossi kein drittes Mal die Butter die vom Brot nehmen lassen. Im Juli ging es nach Laguna Seca und Stoner hatte das Momentum auf seiner Seite, da er mit drei Siegen in Folge in die USA reiste. Im Rennen sollte sich einer der besten Zweikämpfe entwickeln, den die MotoGP je gesehen hatte. Mehrfach schickten sich die beiden Kontrahenten über den Kerb hinaus und Rossi landete das siegbringende Manöver in der legendären Corkscrew. Stoner stürzte in der Zielkurve, wurde zwar noch Zweiter, verweigerte danach aber den Handschlag mit Rossi und tätigte danach verbittert die Aussage: "Heute habe ich den Respekt für einen der größten Fahrer der Geschichte verloren."

Im WM-Kampf war Laguna Seca der Wendepunkt, denn Rossi startete dort eine Serie von fünf Siegen in Folge, an dessen Ende die Rückeroberung des Titels stand. 2009 verpasste Stoner einige Rennen wegen Krankheit, 2010 verletzte sich Rossi in Mugello schwer, weshalb ihre Rivalität ein wenig abnahm.

Erst 2011 kochten die Emotionen wieder hoch. Rossi hatte bei Ducati Stoner ersetzt, der seinerseits bei Repsol Honda angeheuert hatte. In Jerez räumte der Italiener den Australier ab, der diesmal den Handschlag nach dem Rennen zwar annahm, diesen aber mit einem "Dein Ehrgeiz überwiegt dein Talent" goutierte.

Sportlich hatte Stoner zu diesem Zeitpunkt bereits die Oberhand in der Rivalität gewonnen: Er wurde 2011 Weltmeister und landete auch in seiner letzten Saison klar vor Rossi. Dem gelang bei Ducati als direkter Nachfolger Stoners kein einziger Sieg, weshalb er die Roten nach nur zwei Jahren verließ. In den 123 Rennen der sieben gemeinsamen MotoGP-Jahre besiegte Stoner Rossi klar nach Siegen (38:26), Podien (69:60) und Punkten (1.815:1.702), Rossi lag allerdings in vier dieser sieben MotoGP-Saisons vor Stoner.

Bilanz aus 123 Rennen:
Valentino Rossi: 26 Siege, 60 Podien, 1.702 WM-Punkte
Casey Stoner: 38 Siege, 69 Podien, 1.815 WM-Punkte

Valentino Rossi vs. Jorge Lorenzo (2008-2019)

Lorenzo und Rossi versöhnten sich erst nach den gemeinsamen Jahren bei Yamaha - Foto: Yamaha

Jahrelang hatte Valentino Rossi seine Teamkollegen fest im Griff. Egal ob Tohru Ukawa und Nicky Hayden bei Repsol Honda, Carlos Checa und Colin Edwards bei Yamaha - sie alle hatten keinen Stich gegen den Italiener und begehrten deswegen erst gar nicht auf. Das änderte sich schlagartig im Jahr 2008, als Yamaha mit Jorge Lorenzo den zweifachen 250ccm-Weltmeister verpflichtete.

Bereits beim Debüt holte der junge Mallorquiner Pole Position, den ersten Podestplatz und kam vor Rossi ins Ziel. Mehrere schlimme Stürze Lorenzos nahmen zunächst aber den Zunder aus dem Stallduell der beiden Alphatiere, sodass Rossi als Weltmeister aus der ersten Saison hervorging. Hinter den Kulissen brodelt es bereits, sodass an der Yamaha-Box eine Trennwand aufgezogen wird. Eine einmalige Aktion in der modernen MotoGP-Geschichte.

Ab 2009 wurde der Ton zwischen den beiden auch auf der Rennstrecke härter. Es entwickelten sich hitzige Vollkontakt-Duelle, deren Krönung wohl Rossis Sieg in der letzten Runde von Barcelona war. Lorenzo konnte den WM-Kampf lange aufrechthalten und musste sich erst im vorletzten Rennen endgültig geschlagen geben. 2010 schlug er aber zurück, übernahm früh die WM-Führung, ehe sich Rossi in Mugello die erste schwere Verletzung seiner Karriere zuzog. Am Ende des Jahres war Lorenzo Weltmeister und Rossi heuerte bei Ducati an.

Als Rossi 2013 zu Yamaha zurückkehrte, schien alles eitel Wonne. Lorenzo war amtierender Weltmeister und Rossi hatte in zwei Jahren bei Ducati nur drei Podestplätze geholt. Im ersten Jahr der zweiten gemeinsamen Ära war Lorenzo tatsächlich die Nummer eins im Team, doch schon 2014 zog Rossi in der WM-Wertung wieder an seinem Teamkollegen vorbei.

2015 gipfelte das Duell in einem ehrlosen Finale, in dem sich keiner der Beteiligten mit Ruhm bekleckerte und in den Wirren des "Sepang-Clash" Lorenzo ein weiteres Mal über Rossi triumphieren konnte. 2016 eskalierte es zwischen den beiden in Misano ein letztes Mal, als sich Lorenzo und Rossi auf eine Frage von Eurosport-Kommentator Hannes Orasche zu beflegeln begannen.

Lorenzo suchte am Saisonende das Weite, wechselte zu Ducati, wo er noch drei Rennen gewinnen konnte. Mittlerweile nicht mehr Teamkollegen, zollten sie sich sogar Respekt, sodass ihr Verhältnis heutzutage keinesfalls vergiftet ist. Nach einer desolaten Saison 2019 erklärte Lorenzo seine MotoGP-Karriere für beendet. Rossi hatte auch ihn überdauert.

216 Rennen fallen in die Zeitspanne zwischen 2008 und 2019, als beide Fahrer gemeinsam in der MotoGP unterwegs waren. Die Statistik spricht bei Siegen (47:27) klar für Lorenzo, bei Podien (114:99) nicht ganz so klar, während Rossi in dieser Zeit sogar einen WM-Punkt mehr sammeln konnte als Lorenzo (2.900:2.899).

Rossi wurde in diesem Zeitraum zweimal Weltmeister, während Lorenzo drei Titel holte. Rossi landete aber binnen dieser zwölf Jahre siebenmal vor seinem Rivalen. Selbst aus den gemeinsamen sieben Yamaha-Jahren geht Rossi als Weltmeister 2008 & '09 sowie MotoGP-Vize 2014 & '16 mehrheitlich als Sieger hervor.

Bilanz aus 216 Rennen:
Valentino Rossi: 27 Siege, 99 Podien, 2.900 WM-Punkte
Jorge Lorenzo: 47 Siege, 114 Podien, 2.899 WM-Punkte

Valentino Rossi vs. Marc Marquez (2013-2021)

Rossi und Marquez gerieten einige Male aneinander - Foto: Repsol

Als Rossi 2013 einen vermeintlich letzten MotoGP-Vertrag bei Yamaha unterschrieb, sorgte ein junger, aufstrebender Spanier gerade für Furore: Marc Marquez, der sich 2013 zum jüngsten MotoGP-Weltmeister der Geschichte machte und 2014 eine Rekord-Saison hinlegte. Rossi pflegte anfänglich ein gutes Verhältnis zu Marquez, es wirkte beinahe so als würde der alte Sonnenkönig in diesen Jahren das Zepter an seinen Nachfolger übergeben.

Doch 2015 sollte alles für immer verändern. Bereits in Argentinien und Assen kam es zu Berührungen, die vorerst noch als Rennunfälle durchgingen. Die Eskalation erfolgte in Sepang, als Rossi Marquez der Hilfestellung für Lorenzo bezichtigte, obwohl dieser eine Woche zuvor Lorenzo im Zielsprint um fünf WM-Punkte erleichtert hatte. Eine Aussage, die Rossi auf Anraten seines Kumpels Uccio tätigte und die er später bereute.

Denn im Rennen ließ sich Marquez tatsächlich zu vom Regelwerk gedeckten Spielchen gegen Rossi hinreißen, bis diesem die Sicherungen durchbrannten und Marquez in einem hitzigen Duell zu Sturz kam. Die daraus resultierende Strafe (Rossi musste beim Finale von ganz hinten starten) beraubte ihm seiner Chance auf den achten Titel der MotoGP-Königsklasse, weshalb er Giacomo Agostinis Rekord verpasste.

Erst nach dem Tod von Luis Salom in Barcelona 2016 schüttelten sie sich wieder die Hände, doch die Situation eskalierte bis heute noch einige weitere Male. So zum Beispiel nach dem Argentinien-GP 2018, als Rossi von Marquez abgeschossen wurde und eine Wutrede gegen ihn zündete, in der er ihm unterstellte, den Sport zu zerstören.

Sportlich hatte in dieser Rivalität aber Marquez bis auf wenige Ausnahmen die Hosen an. Nur 2015 und 2020, als Marc Marquez sich im ersten Saisonrennen verletzte, landete Rossi in der Gesamtwertung vor dem Spanier. Während Marquez seit 2013 insgesamt 57 Siege und 96 MotoGP-Podien ansammelte, kam Rossi nur auf zehn Erfolge und 58 Podien.

Bilanz aus 141 Rennen:
Valentino Rossi: 10 Siege, 58 Podien, 1.752 WM-Punkte
Marc Marquez: 56 Siege, 95 Podien, 2.275 WM-Punkte


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