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MotoGP

Wie KTM das beste Motorrad der MotoGP-Saison 2020 baute

KTM schaffte innerhalb weniger Monate den Sprung vom Mittelfeld an die MotoGP-Spitze. Wir werfen einen Blick auf die Entwicklung der RC16.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Was KTM in der dieses Mal überdurchschnittliche langen MotoGP-Winterpause gelungen ist, kann man ohne jegliche Übertreibung als Leistungsexplosion bezeichnen. 2019 schaffte man an 19 Grand-Prix-Wochenenden weder eine Pole Position noch eine Podiumsplatzierung, geschweige denn einen Sieg. Bestes Rennergebnis war ein sechster Platz durch Pol Espargaro in Le Mans.

In der laufenden Saison hält man nach gerade einmal fünf Rennen bei einer Pole Position, drei Podien und zwei Rennsiegen. Den Punkteschnitt mit allen vier Einsatzfahrern hob man damit von 9,26 Zählern pro Grand Prix im Vorjahr auf beeindruckende 28 in der Saison 2020. Die Ausbeute wurde also mehr als verdreifacht.

KTM verfügt natürlich 2020 mit Brad Binder, Pol Espargaro und Miguel Oliveira über drei Fahrer in absoluter Topform, hinzu kommt mit Iker Lecuona ein starker Rookie. Es steht aber außer Frage, dass ihre großartigen Leistungen nur durch eine stark verbesserte RC16 möglich wurden. Das Motorrad verwandelte sich über die Corona-bedingt verlängerte Winterpause zu einer absoluten kompletten MotoGP-Maschine. Die RC16 funktioniert im Qualifying-Trimm und im Rennen gleichermaßen. Sie lässt unterschiedliche Fahrstile zu, vom aggressiven Pol Espargaro bis hin zum eher sanften Miguel Oliveira.

KTMs untypische V4-Maschine

Vor allem aber scheint KTM mit der RC16 das gelungen zu sein, was in der MotoGP lange Zeit als Quadratur des Kreise galt: Ein Motorrad zu bauen, dass die Stärken des V4-Motors wie überlegenen Topspeed, starke Beschleunigung und eine gute Anbremsphase voll ausspielt, gleichzeitig aber in den Kurven ähnlich flott ist wie die Reihenvierzylinder von Yamaha oder Suzuki.

Die KTM RC16 punktet auch in den Kurven - Foto: LAT Images

Bislang ging man davon aus, dass man sich in der MotoGP zwischen Kurvenspeed und einer starken Performance auf den Geraden entscheiden musste. Die Theorie dahinter: Ein V4 kann durch eine kürzere, steifere Kurbelwelle mehr Leistung erzeugen, wohingegen die Reihenvierzylinder durch ihre längere Kurbelwelle für ein benutzerfreundlicheres Fahrverhalten sorgen.

Diese Charakteristiken schlagen sich im Normalfall in der Linienwahl der Fahrer nieder. Die V4-Piloten wählen passenderweise in den Kurven eher eine V-Form. Sie bremsen tief in die Kurve hinein, wenden das Motorrad dort, richten es auf und beschleunigen früh wieder. Die Vertreter von Yamaha und Suzuki hingegen wählen eine rundere Linie und nehmen so mehr Geschwindigkeit durch die Kurven mit.

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KTM scheint sich nun mit der RC16 des Modelljahrgangs 2020 irgendwo zwischen diesen Extremen positioniert zu haben. "Mit dem V4 kannst du normalerweise nicht so viel Kurvenspeed generieren. Du musst diese V-Linie wählen", weiß auch Pol Espargaro, der die KTM seit 2017 fährt. "Jetzt haben wir aber ein dermaßen gutes Feeling an der Front, durch das wir früher von der Bremse gehen, das Motorrad so verzögern können wie wir wollen und damit mehr Kurvenspeed erreichen. Das ist großartig."

KTMs radikaler Weg macht sich bezahlt

Wie dem jüngsten Hersteller der Königsklasse das gelungen ist, darüber zerbricht sich aktuell die Konkurrenz den Kopf. Ihr Problem: Die RC16 ist in so vielen entscheidenden Bereichen anders als ihre eigenen Motorräder, dass eine Kopie praktisch unmöglich ist. Stahlrahmen gegenüber den Aluminium-Chassis und Fahrwerke von WP anstatt Öhlins sind die wohl entscheidenden Komponenten. Doch auch das Zusammenspiel mit dem Motor und dessen Bremswirkung scheint KTM am besten gelöst zu haben.

2020 könnte so der Start einer kleinen technischen Revolution in der MotoGP werden.


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