MotoGP

Analyse: Was es mit Andrea Dovizioso Jo-Jo-Taktik auf sich hat

Andrea Dovizioso etabliert in der MotoGP eine neue Rennstrategie - das Jo-Jo. Was das bedeutet und was es bringt, erfahrt ihr in unserer Analyse.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Es besteht kein Zweifel daran, dass Andrea Dovizioso zu den intelligentesten Fahrern der MotoGP gehört. Er erledigt seine Arbeit mit einem Höchstmaß an Professionalität und Präzision, verfügt über ein weitreichendes Verständnis der technischen Zusammenhänge und ist ein Meister der Renntaktik.

Im Bereich der Renntaktik hat Dovizioso in den letzten Rennen für eine absolute Neuheit gesorgt. Er verfolgt eine Strategie, die Cal Crutchlow, der in Motegi nach Doviziosos Sturz Rang zwei erbte, als Jo-Jo bezeichnete. Auch Marc Marquez meinte, Dovizioso sei auf 'eine eigenartige Weise' gefahren. Was meinen die Honda-Piloten damit?

Dovizioso führte in dieser Saison viele Rennen für lange Zeit an. Vor allem in der zweiten Jahreshälfte setzte er dabei auf eine Strategie, die man so in der MotoGP bislang noch nicht gesehen hat. Er variierte sein Tempo stark, ließ auf einige schnelle Runden immer wieder langsame Umläufe folgen.

Andrea Dovizioso: Jo-Jo seit Brünn

Ein Blick auf Doviziosos Rundenzeiten beweist das. In fünf der letzten sechs MotoGP-Rennen sammelte der Ducati-Pilot Führungsrunden - nur in Spielberg blieb er ohne einen Umlauf auf Platz eins. In Brünn führte er 20 für unsere Statistik aussagekräftige Runden an - also weder erste noch letzte - in Misano 21, in Aragon 17, in Buriram 15 und in Motegi 19. Abstände von rund einer Sekunde zwischen seinen schnellsten und langsamsten Führungsrunden sind hier die Norm, in Motegi waren es am Sonntag sogar 1,099 Sekunden.

Der Grand Prix von Japan war das bislang augenscheinlichste Beispiel für Doviziosos Jo-Jo-Strategie. Runde fünf war - abgesehen natürlich von der Startrunde - sein langsamster Umlauf bis zum Sturz in Runde 23. Im nächsten Umlauf fuhr Dovizioso 1,005 Sekunden schneller und damit seine drittschnellste Rennrunde, nur 94 Tausendstel langsamer als seine allerschnellste Zeit im Rennen von Motegi.

Das sind keine normalen Schwankungen in den Rundenzeiten. Hier variierte Dovizioso die Pace an der Spitze ganz gezielt - und das in extremem Ausmaß. "Das ist seine Strategie", analysierte Crutchlow nach dem Motegi-GP. "Er hat das jetzt schon in fünf Rennen gemacht. Er fährt vielleicht drei schnelle Runden, dann wird er wieder langsam. Wenn du hinter ihm bist, kannst du aber nichts dagegen machen, weil er dennoch so schwer zu überholen ist." Die hervorragende Beschleunigung und der überlegene Topspeed seiner Ducati ermöglicht es Dovizioso meist, vor Bremszonen, die zum Überholen einladen, eine ausreichend große Lücke aufzumachen und so seine Position zu behaupten.

Was bringt Doviziosos Taktik?

Warum Dovizioso so agiert, konnte sich auch Crutchlow nicht erklären. Ein möglicher Grund könnte sein, dass 'DesmoDovi' der Meinung ist, mit wechselnder Pace besser klarzukommen als seine Rivalen. In diesem Fall wäre es also ein Versuch, den Rhythmus seiner Gegner zu stören und sie so zu verunsichern, ohne sich dabei selbst in Probleme zu bringen.

Marquez und Crutchlow ließen sich in Motegi nicht verunsichern - Foto: Ducati

Wahrscheinlich liegt der Grund aber - wie so oft - im Bereich der Reifen. Seit Michelin 2016 das Reifenmonopol der Königsklasse übernommen hat, ist der Verlauf eines typischen MotoGP-Rennens völlig anders als zuvor in der Bridgestone-Ära. Damals konnten alle Fahrer von der ersten bis zur letzten Runde die Reifen voll fordern. Mit den Michelin-Pneus ist das nicht möglich, sie wollen verwaltet werden.

"Die Reifen zu managen, wird der Schlüssel zum Erfolg sein." Diesen Satz bekommt man als MotoGP-Journalist an einem Rennwochenende unzählige Male von den Fahrern zu hören - und er trifft eigentlich immer zu. Unter der Formulierung 'Reifen managen' stellt man sich im Normalfall vor, dass der Verschleiß kontrolliert werden muss, um in der Schlussphase noch genug Grip zur Verfügung haben.

Michelins neigen zum Überhitzen

Eine Einschätzung, die aber nicht zu 100 Prozent richtig ist. "Wenn Fahrer davon reden, dass sie die Reifen managen müssen, dann meinen sie nicht nur den Verschleiß. Da geht es auch um die Temperatur", erklärt Piero Taramasso, Leiter von Michelins MotoGP-Projekt. Michelin gibt die Arbeitsfenster seiner Reifen, also den Bereich, in dem sie ideal funktionieren, mit 90 bis 100 Grad Celsius für den Vorderreifen und 110 bis 120 Grad für den Hinterreifen an. Eine Annahme, die aber noch eher optimistisch ausfällt, glaubt man diversen Stimmen aus dem Paddock.

Marc Marquez ist MotoGP-Champion! Analyse zum Motegi-GP: (20:42 Min.)

Das Arbeitsfenster der Michelin-Reifen ist also sehr eng. Die Vorderreifen neigen durchaus zum Überhitzen, vor allem an den Hondas und dort speziell in den Händen der besonders hart bremsenden Marquez und Crutchlow. Vielleicht war es also Doviziosos Absicht, mit Zwischenspurts über ein paar Runden seine Verfolger auf der Honda RC213V dazu zu zwingen, ihre Vorderreifen zu überhitzen und so entweder an Performance zu verlieren, oder gar im Kies zu landen.

In Brünn und Misano ging Doviziosos Taktik auf und er gewann, in Aragon, Buriram und Motegi hatte er zuletzt jeweils das Nachsehen. Die nächste Chance, das Jo-Jo zu spielen, hat er an diesem Wochenende auf Phillip Island.


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