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MotoGP-Analyse: Dovi und Marquez - die Taktik-Genies von Katar

Andrea Dovizioso und Marc Marquez erwiesen sich beim MotoGP-Auftakt in Katar als geniale Taktiker. Aber lässt das Rennen Schlüsse auf die WM-Chancen zu?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Was war das für ein MotoGP-Auftakt? Über weite Strecken des Rennens zehn Fahrer in Schlagdistanz zueinander und am Ende eine Entscheidung in der letzten Kurve. Aber wie kam es zu diesem Rennverlauf? Und sind Andrea Dovizioso und Marc Marquez nun die Topfavoriten auf den WM-Titel? Der Katar-GP in der Analyse:

MotoGP Katar 2018: Die Video-Analyse zum Saisonauftakt: (03:18 Min.)

Qualifying & Startaufstellung

Das Qualifying war historisch in Katar ein wichtiger Faktor. Denn hier gab es zuletzt die höchste Siegquote von Pole Position. In sieben der letzten neun Rennen in Doha setzte sich der Schnellste aus dem Qualifying auch im Rennen durch. Nur Valentino Rossi (2010 & 2015) konnte in diesem Zeitraum von einer schlechteren Startposition gewinnen.

Andrea Dovizioso gelang dieses Kunststück am Sonntag ebenfalls, während Pole-Sitter Johann Zarco nur auf Rang 8 ins Ziel kam. Das schwächste Ergebnis eines Fahrers von Pole Position in Katar seit Casey Stoners Ausfall 2010. Aus der ersten Startreihe schaffte es diesmal überhaupt nur Marc Marquez auf das Podest.

Die Reifenwahl

Michelin war in Katar diesmal kein entscheidender Faktor. Beim Hinterreifen entschieden sich alle 24 Fahrer für die weiche Variante. Beim Vorderreifen wurden alle drei Mischungen von den Teams eingesetzt, es zeichnete sich aber ein klares Muster ab: Den harten Front-Slick wählten nur Marc Marquez und Dani Pedrosa, die weiche Mischung wurde von beiden KTM- und beiden Aprilia-Piloten eingesetzt, zudem von den Ducatisti Danilo Petrucci, Alvaro Bautista, Xavier Simeon und Tito Rabat. Der Rest des Feldes war auf der Medium-Mischung unterwegs. In den Top-5 des Endergebnisses fanden sich alle drei Varianten: Hart (Marquez), Medium (Rossi, Dovizioso, Crutchlow) und Weich (Petrucci).

Startphase: Zarco und das große Lauern

Johann Zarco ging nach einem kurzen Scharmützel in den beiden Anfangsrunden in Führung und behauptete diese bis zur 17. Runde. Der schnellste Mann war der Franzose aber keineswegs: Von den 22 Lap-Bestzeiten erzielte er einzig im zweiten Umlauf die schnellste Zeit. In den anderen 21 Umläufen waren jeweils andere MotoGP-Fahrer schneller.

Das war zunächst seiner Führungsarbeit geschuldet. Denn die schnellsten Rundenzeiten der Anfangsphase kamen von Fahrern, die auf Start/Ziel Windschatten-Vorteil hatten. In den ersten sechs fliegenden Runden erzielten sechs verschiedene Fahrer die jeweilige Rundenbestzeit: Zunächst Zarco, dann Petrucci, Dovizioso, Crutchlow, Rins und abschließend Marquez.

In einem taktischen Rennen rieb sich Zarco in der Führungsposition auf, war für einige auch Mittel zum Zweck. Denn ohne Attacken konnten die späteren Podestkandidaten Reifen schonen, während Zarco das Feld zusammenhielt. Sieger Dovizioso verriet nach dem Rennen: "Er (Zarco) hat nur so lange geführt, weil wir das so wollten." Zu Mitte des Rennens lagen die ersten acht Fahrer innerhalb von nur 1,2 Sekunden.

Dovi und Marquez legen los

Ab der 11. Runde waren Dovizioso und Marquez die ersten Verfolger von Zarco, nachdem das Duo Valentino Rossi hinter sich gelassen hatte. In jenem Umlauf stiegen auch die Rundenzeiten aller Top-Fahrer zum ersten Mal über 1:56 - den Überholmanövern und Attacken geschuldet.

Zarco konnte seine Zeiten in weiterer Folge aber nur noch zweimal unter 1:56 drücken und kam daher von Dovi und Marquez unter Druck. In Lap 18 war es dann soweit und beide gingen am Franzosen vorbei, der auch von Rossi und eine Runde später von Crutchlow kassiert wurde.

An der Spitze verschärfte das Top-Duo nun den Speed. Dovizioso und Marquez steigerten sich von Lap 15 bis 19 in jeder einzelnen Runde - insgesamt um über eine Sekunde. Zarco brach aber keineswegs massiv ein, denn seine Zeit aus der 19. Runde wich von jener aus der 15. nur um um eineinhalb Zehntel ab. Zarco zog seine Pace also durch, während der Rest des Feldes am Ende nachlegen konnte.

Ein Blick auf die absolut schnellsten Rundenzeiten beweist das: Dovizioso fuhr die Bestzeit von 1:55,242 in der 19. Runde, Marquez und Rossi die zweit- und drittschnellste Rundenzeit des gesamten Rennens im 20. Umlauf. Zarco hingegen hatte seine persönliche Bestzeit bereits in Runde 9 erzielt und landete damit im Ranking der schnellsten Rennrunde nur auf dem 10. Platz. Nach dem Rennen gab der Franzose allerdings den Reifen die Schuld für seinen Rückfall gegen Ende.

Der schnelle Maverick Vinales

Kaum im internationalen TV-Bild war Maverick Vinales zu sehen. Dabei war der Katalane über weite Strecken einer der schnellsten Fahrer im Feld. Doch Vinales hatte das Qualifying verhaut, war von P12 gestartet und lag nach zwei Runden sogar nur auf Rang 15. Sein Rückstand auf die Spitze betrug nach den ersten vier Fahrminuten schon satte 4,3 Sekunden. Damit war sein Rennen im Grunde gelaufen.

Der Rest des Rennens darf Vinales aber Hoffnung geben: Denn streicht man die ersten zwei Runden aus dem Gesamtergebnis, war Vinales der zweitschnellste Mann im Rennen und damit sogar um drei Zehntel schneller als Marquez. Nur gegen Sieger Dovi hätte Vinales den Kürzeren gezogen.

Ergebnis Runde 3-22:

Pos. Fahrer Zeit/Rückstand
1. Andrea Dovizioso 38:35,615
2. Maverick Vinales +0,790
3. Marc Marquez +1,163
4. Valentino Rossi +1,575

In den Runden 9-11 sowie 15, 16 und 18 fuhr Vinales die schnellste Einzelzeit im gesamten Feld. Das gelang sonst nur noch Marc Marquez, der in der Startrunde sowie in Lap 7, 13, 17 und den letzten drei Umläufen der schnellste Mann war.

Finale: Marquez macht Druck

Mit der insgesamt schnellsten Rennrunde in Lap 19 hatte Dovizioso sein Pulver verschossen. "Danach war mein Hinterreifen aber durch", gestand der spätere Sieger. Seine Rundenzeiten ließen bis zum Zieleinlauf permanent nach, wenn auch nur im Zehntelsekundenniveau. Marquez war im Hundertstelbereich schneller und konnte dadurch in der letzten Kurve eine letzte Attacke setzen.

Dovizioso setzte sich letztlich aber durch und fügte seiner guten Katar-Statistik (in den vergangenen drei Jahren war er jeweils Zweiter) endlich den ersten Sieg hinzu. Der MotoGP-Vizeweltmeister war sich seiner Sache während des Rennens sicherer, als sie am Ende tatsächlich war. "Eigentlich wollte ich das Rennen alleine beenden", gestand er. "Ich hatte echt nicht erwartet, das Rennen gemeinsam mit Marc zu beenden."

Fazit: Die Kräfte der MotoGP 2018

Dieser Satz von Dovizioso sagt viel über die tatschlichen Kräfteverhältnisse in der MotoGP 2018 aus. Denn bei all dem Jubel für das gewonnene Duell, darf man nicht außer Acht lassen, dass Katar eine der schwächsten Strecken von Marc Marquez (in 6 Versuchen 4x auf dem Podium; ein Sieg) bzw. Honda (nur ein Sieg binnen 7 Jahren) ist. Und dass Katar im Gegenzug eine der stärksten Strecken von Dovizioso (zum 4x in Folge in den Top-2) und Ducati (5 Podien binnen 4 Jahren) ist.

Yamaha hingegen sah am Sonntag besser aus, als die Wintertests das vermuten ließen, doch auch hier gilt: Die Japaner haben das Rennen in den vergangenen drei Jahren mit drei verschiedenen Piloten gewonnen und brachten - mit Ausnahme der Erstaustragung 2004 - bislang immer einen Fahrer unter die Top-2. So gesehen ist Rossis dritter Rang das zweitschlechteste Yamaha-Ergebnis in der Geschichte des Katar-GP. Kein Grund für Freudensprünge bei den Blauen.

Die Fans haben am Sonntag aber ein historisches Rennen gesehen: Die Top-15 waren am Ende nur durch 23,287 Sekunden getrennt. Das ist der knappste Abstand in der Geschichte der MotoGP. Unter diesem hohen Konkurrenzdruck gingen KTM und Aprilia völlig unter. Die beiden Factory-Teams landeten außerhalb der Punkteränge und ließen nur einen Fahrer hinter sich: den inferioren Payrider Xavier Simeon. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.


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