Audi hat sich zum Ende des vergangenen Jahres aus der Formel E verabschiedet. Die Technologie des Autobauers aus Ingolstadt lebt aber weiter in der Elektro-Rennserie - und das sogar höchst erfolgreich. In der laufenden Saison 2022 nutzt der Rennstall Envision - ehemals Virgin - zum letzten Mal den von Audi entwickelten Antriebsstrang, den das Werksteam für nur eine einzige Saison verwendete.

Mit Audi-Power im Heck belegt der frühere Werksfahrer Robin Frijns den zweiten Platz in der Formel-E-Gesamtwertung. Nach fünf von 16 Rennen hat der Niederländer 58 Punkte gesammelt und liegt nur zwei Zähler hinter dem Spitzenreiter und zweifachen Champion Jean-Eric Vergne (DS Techeetah).

Frijns' bisherige Ausbeute kann sich sehen lassen: einem Podestplatz beim Saisonauftakt in Saudi-Arabien ließ er am vergangenen Wochenende zwei weitere Podiumserfolge in Rom folgen. Nick Cassidy hinkt dem erfahrenen Teamkollegen in seiner zweiten Saison in der Formel E etwas hinterher, konnte bislang erst zweimal in die Punkteränge fahren.

Warum so viele Audi-Mitarbeiter in Rom?

Dabei musste man sich vor der Saison Sorgen machen, dass unter dem Audi-Rückzug auch das Kundenteam Envision leiden würde. Zwei Audi-Ingenieure kümmern sich während der Rennwocheneden vor Ort weiter um den Antriebsstrang, darunter der frühere Audi-Projektleiter Tristan Summerscale.

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com aus unterschiedlichen Quellen wurden in Rom sogar vier Audi-Ingenieure in der Boxengasse gesichtet. Waren sie wirklich alle nur für das Envision-Team tätig? Was genau dahinter steckt, bleibt zunächst ein in der Motorsport-Szene viel diskutiertes Geheimnis...

Abt-CEO Biermaier: "Wollen am Ball bleiben"

Ebenso, was genau Abt-Sportsline-Geschäftsführer Thomas Biermaier in Rom trieb. Eine erneute Zusammenarbeit mit Audi in der Formel E ist für den Rennstall aus Kempten freilich kein Thema. Eine Partnerschaft mit einem anderen Hersteller für den Beginn der Gen3-Ära ab 2023 schon eher. Abt Sportsline mit dem langjährigen Manager Harry Unflath, der an diesem Mittwoch seinen 60. Geburtstag feiert, hatte schließlich nie ein Geheimnis daraus gemacht, in die Formel E zurückkehren zu wollen.

Biermaier, der in Rom mit Teams wie Porsche (mit dem ehemaligen Abt-Mitglied und heutigem Porsche-Teamchef Florian Modlinger) und Mahindra den Austausch suchte, zu Motorsport-Magazin.com: "Wir wollen am Ball bleiben und halten Augen und Ohren offen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Nachgehakt in Rom: Wir treffen Abt-CEO Thomas Biermaier -
Nachgehakt in Rom: Wir treffen Abt-CEO Thomas Biermaier -Foto: Andreas Beil

Frijns über Audi-Kundenmotor: "Bin ein bisschen besorgt"

Sicher ist nur, dass der zur Saison 2020/21 komplett neu entwickelte Audi-Antriebsstrang weiter seinen Dienst tut im letzten Jahr der aktuellen Gen2-Autos. "Es scheint zu funktionieren", sagte Titelanwärter Frijns in Rom zu Motorsport-Magazin.com. "Audi ist dran und sie helfen so viel wie sie können. Weil das Werksteam aber nicht mehr da ist, sind insgesamt weniger Leute in das Projekt involviert. Ich bin ein bisschen besorgt, dass wir im Laufe der Saison etwas an Boden verlieren könnten, wenn die großen Teams nachlegen. Ich hoffe es nicht, habe es aber im Hinterkopf."

In der seit 2018/19 bestehenden Partnerschaft mit Audi und seit der Übernahme des Teams durch den chinesischen Windkraftanlagenhersteller Envision konnten die Fahrer den hochentwickelten Simulator bei Audi Sport in Neuburg nutzen. Damit ist seit dieser Saison komplett Schluss. Frijns: "Letztes Jahr waren wir noch ein paar Mal in Neuburg. Wir haben aber schon vor einer Weile unseren eigenen Simulator gebaut und nutzen jetzt nur noch den. Audi hatte - 'hatte' - ja verschiedene Projekte, da haben sie den Simulator für etwas anderes genutzt..."

Eine Anspielung auf Audis LMDh-Projekt, dessen Zukunft unter einem möglichen Einstieg in die Formel 1 zum Jahr 2026 mächtig wackeln soll? Motorsport-Magazin.com hatte Anfang März exklusiv über die zwei- bis dreimonatige Pause des Projekts berichtet, mit dem die Ingolstädter 2023 zu den 24 Stunden von Le Mans zurückkehren wollten. Eine finale Entscheidung soll intern noch nicht gefallen sein. Unterdessen entwickelt Audi mit Hochdruck sein Dakar-Auto weiter, in dem auch Teile des Formel-E-Motors zu finden sind.

Warum zog Audi den Formel-E-Stecker?

Warum Audi in der Formel E vorzeitig den Stecker zog, statt mit dem brandneuen Antriebsstrang zumindest das letzte Jahr der Gen2-Ära zu absolvieren, versteht noch immer niemand so genau. Das gilt übrigens auch für BMW, nachdem die Bayern nach nur drei Werks-Saisons aus der Formel E ausstiegen.

In einem Interview mit Motorsport-Magazin.com sagte Julius Seebach, Geschäftsführer der Audi Sport GmbH und gleichzeitig verantwortlich für den Motorsport, im März 2021 nur: "Elektrifizierung ist für uns nicht die Zukunft, sondern das Hier und Jetzt. Wir blicken auf eine sehr erfolgreiche Zeit in der Formel E zurück. Für uns geht es jetzt darum, neue Wege zu beschreiten. Das ist in diesem Fall die Rallye Dakar, wo wir unsere Technologie unter Extrembedingungen präsentieren können."

Formel E Rom 2022: Highlights und Zusammenfassung zum Rennen: (04:58 Min.)

Di Grassi: Traurig, dass bei Audi einiges zerbröckelt ist

Unter dem überraschenden Kurswechsel litt unter anderem Lucas di Grassi, der sich nach dem Audi-Aus eine neue sportliche Heimat in der Formel E suchen musste und sie für 2022 bei Venturi fand. Der Brasilianer, der wie Abt Sportsline zu den Pionieren der Elektro-Rennserie zählt, wäre gerne auch in Zukunft für die Äbte an den Start gegangen.

"Es ist schade, dass wir das in Saison 4 begonnene Projekt (Audi-Übernahme des Abt-Teams; d. Red.) nicht in dieser Saison beenden konnten", sagte di Grassi in Rom zu Motorsport-Magazin.com. "Die Kosten hätte man managen können, alles war fertig entwickelt. Mit dem, was Envision jetzt fährt, hätten wir auch weitermachen können. Wenn Audi auf ordentlichem Wege hätte aussteigen wollen, dann hätten sie das zum diesjährigen Saisonende machen können."

Der Brasilianer, der 2017 mit Abt-Audi die Formel-E-Meisterschaft gewann, weiter: "Ich wünsche Audi weiter viel Erfolg bei der Dakar und in der Formel 1, falls sie sich zum Einstieg entscheiden sollten. Aber bei der Marke läuft aktuell vieles kompliziert, wie ich höre. Ich verdanke Audi sehr viel, aber es ist etwas traurig, dass da einiges zerbröckelt ist."