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Formel E, Rene Rast: Brutal am Limit

Rene Rast bestritt die Formel-E-Saison 2021 als Rookie. Motorsport-Magazin.com hat mit ihm über die Elektro-Rennserie und seine Zukunft gesprochen.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Der Artikel wurde in der 79. Ausgabe des Printmagazins von Motorsport-Magazin.com am 01. Juli 2021 veröffentlicht.

Dreifacher DTM-Champion, erfolgreichster GT- und Tourenwagenfahrer des Jahrzehnts - und in der Formel E ein Rookie: Audi-Star Rene Rast erklärt uns im Detail, was sich alles für ihn geändert hat und wie es in Zukunft weitergeht.

MSM: Rene, wie fällt das Halbzeit-Fazit nach sieben von 15 Rennen in deiner ersten vollen Saison in der Formel E aus?

RENE RAST: Vor der Saison hatte ich das Ziel, im Bereich meines Teamkollegen Lucas [di Grassi] zu liegen. Er ist meine Benchmark, weil er zu den erfolgreichsten und erfahrensten Piloten der Formel E zählt. Ich wollte etwa auf seinem Level oder ein wenig darunter performen, weil ich mir schon gedacht hatte, dass ich in der Formel E - im Gegensatz zur DTM - nicht auf Anhieb vorne mitfahren würde. Aktuell habe ich meine Erwartungen erfüllt. In der Meisterschaft liege ich vor Lucas, auch, wenn er hier und da sicherlich etwas Pech hatte. Damit bin ich zufrieden, gleichzeitig hatte ich mir mehr als den achten Platz in der Meisterschaft nach sieben Rennen gewünscht.

Du hattest beachtliche vier Top-6-Ergebnisse in den ersten sieben Rennen, fährst insgesamt aber unter dem Radar. Wie fühlt sich das als dreifacher und amtierender DTM-Champion an?

Das ist definitiv so. In der Formel E hast du 24 Hochkaräter, jeder von denen hat im Motorsport schon etwas erreicht oder wird in Zukunft etwas Großes erreichen. Das sind alles große Namen, da sticht keiner hervor. Und ich in meiner ersten vollen Saison erst recht nicht. Ich komme da nicht an und sage: "Ich bin der große DTM-Meister, macht mal Platz." Das hatte ich auch nicht anders erwartet. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass die Konkurrenz in den Rennen nicht so auf dem Radar hat, wie stark wir wirklich sind. Vielleicht gelingt uns dadurch noch die eine oder andere Überraschung.

Zu DTM-Zeiten warst du mit 20 Pole Positions in 76 Qualifyings herausragend, in der Formel E hast du es nur zweimal in die Top-10 der Startaufstellung geschafft. Woran liegt das?

Es ist eine Kombination aus vielen Dingen. Ich musste häufig in der ersten oder zweiten Qualifyinggruppe antreten, in der die Fahrer oftmals einen Nachteil haben. Dazu hat Regen mehrfach dafür gesorgt, dass die Fahrer in den Gruppen 1 und 2 kaum Chancen hatten. Einmal hatte ich einen Unfall und einmal konnten wir alle wegen des Crashs eines anderen Fahrers gar keine gezeitete Runde absolvieren. Die reinen Ergebnisse muss man also relativieren. Wir haben allerdings auch kein Paket, mit dem man easy auf die Pole fahren kann.

Rene Rast ist Audis Aushängeschild - Foto: Audi

Liegt es auch daran, dass sich im Gegensatz zur DTM in der Formel E meist alles innerhalb nur eines Tages abspielt?

In der DTM hatte ich mir einen bestimmten Fahrstil angewöhnt, bin - anders als in der Formel E - immer mit der gleichen Leistung gefahren, hatte in den Trainings 20 bis 30 Runden, um mein Limit zu suchen. Und wie du ja weißt, bin ich jemand, der nach Referenzpunkten fährt: Ich wusste ganz genau, wo ich bremsen muss, welchen Gang ich wo brauchte, wie schnell ich fahren konnte und so weiter. Jetzt bin ich in der Formel E, wo sich in jeder Runde das Griplevel ändert und wir pro Training nur eine einzige Runde mit voller Leistung fahren dürfen, wodurch sich die Bremspunkte verändern. Ich kann also meinen Fahrstil gar nicht so perfektionieren, wie es in der DTM der Fall war.

Was bedeutet das für dich?

Ich muss viel mehr naturell fahren, heißt: Ich komme auf eine Kurve zu und muss aus meinem Gefühl heraus bremsen. Ich musste meinen Fahrstil komplett ändern, von einem sehr analytischen in der DTM hin zu einem sehr naturellen in der Formel E. Ich muss sehr viel nach Gefühl handeln, was ich in den gefühlt letzten 20 Jahren nie gemacht habe.

Macht genau das bei einem Rennfahrer nicht eigentlich den Unterschied? Wir rätseln angesichts deiner großen Erfolge ja bis heute, ob du ein 'Super-Talent' bist oder nicht...

Ich habe ja immer wieder gesagt, dass ich nicht das Super-Talent bin. Ich arbeite sehr hart und weiß dann ganz genau, was ich zu tun habe. In der Formel E kann ich jetzt aber nicht mehr nach diesen Punkten fahren und mir die perfekte Runde zusammenbasteln. Es gibt zwei Typen von Rennfahrern: die analytischen, die nach diesen Eckpunkten fahren, und die anderen, die sich bei der Anfahrt zur Kurve sagen: "Ich glaube, hier muss ich bremsen, das passt ungefähr."

Hast du das Gefühl, dass du seit dem Saisonbeginn in diesem Bereich Fortschritte erzielt hast?

Ich musste erst mal für mich selbst analysieren, warum ich nicht die Performance abrufen konnte wie in der DTM. Der Prozess, zu verstehen, was ich tun muss, um besser zu werden, hat erst vor einigen Wochen angefangen. Zuletzt in Monaco war ich auf einem guten Weg, aber es ist noch viel Luft nach oben.

In Monaco und zuvor in Rom bist du durch Fahrfehler in die Streckenbegrenzung eingeschlagen. Dabei galtest du immer als ein Fahrer, der selten 'Schrott fabriziert'. Woran lag das?

In Rom ging ich ehrlich gesagt einfach übermotiviert zur Sache. Ich hatte zwei, drei Prozent mehr Energie als viele andere Fahrer um mich herum und wollte sie natürlich nutzen. Dabei habe ich es übertrieben. Sollte nicht passieren, kann aber. In Monaco musste ich an Nick Cassidy vorbei, weil mich sonst mein Hintermann Sam Bird mit dem Attack Mode überholt hätte. Meine einzige Chance gegen Cassidy war außen in Turn 1, aber da war doch nicht so viel Grip wie ich dachte. In der DTM musste ich mich eigentlich nie aus dem Mittelfeld nach vorne kämpfen. Und in der Formel E musst du mehr Risiko gehen, wenn du einen Energie-Vorteil hast und nach vorne kommen willst.

Experten waren überrascht, dass in beiden Fällen die Hinterradaufhängung deines Audi brach, obwohl die Einschläge in die Mauer nicht so hart aussahen.

Das hat mich auch gewundert. Beim Saisonstart in Riad hatte ich im Qualifying drei Kontakte mit der Mauer, und da hat die Radaufhängung perfekt gehalten. Ich glaube, das hat mit dem Winkel zu tun. Du driftest immer leicht aus den Kurven heraus und wenn das Hinterrad leicht schräg angestellt ist im Winkel zur Wand, ist wahrscheinlich die Kraft, die auf die Aufhängung einwirkt, zu punktuell. Ich denke, das hat eher mit dem Winkel als mit der Radaufhängung zu tun.

Kein Platz für Fehler in der Formel E - Foto: LAT Images

Allwetter-Profilreifen, fehlende Aero, Bremsen und Co.: Das Formel-E-Auto weist einen vergleichsweise hohen Zufälligkeitsfaktor auf. Ist das frustrierend für einen Rennfahrer?

Definitiv. Du bekommst in der Formel E immer so ein wenig ein Überraschungspaket, das habe ich schon häufig erlebt. Das regnerische 3. Training in Valencia war das beste Beispiel. Das Auto hatte starkes Untersteuern und ist komplett über die Vorderachse geschoben. Wir haben ein paar kleinere Änderungen vorgenommen, und im Qualifying auf leicht abtrocknender Strecke hatten wir plötzlich ein völlig übersteuerndes Auto, mit dem ich nur noch am Kämpfen war! Es kann sehr frustrierend sein, wenn du dann nicht weißt, ob es am Setup, den Temperaturen oder den Streckenbedingungen lag.

Vor einigen Wochen wurdest du in einem anderen Medium mit einer bemerkenswerten Aussage zitiert: "Das Fahren findet nur noch nebenbei statt. Es kommt darauf an, die Zahlen auf dem Display zu überwachen und die Systeme auf die Situationen anzupassen." Das klingt nicht nach dem Rennfahren, wie man es sich vorstellt...

Das wurde falsch interpretiert, das klingt, als ob Formel E fahren larifari sei. Du musst das Auto in jeder Runde brutal am Limit bewegen, wie in jeder anderen Rennserie auch. In der DTM lag allerdings dein 100-prozentiger Fokus darauf, das Limit in jeder Kurve zu erreichen. In der Formel E ist es genauso, aber im Auto selbst fällt dieses Bewusstsein ein bisschen hinten rüber, weil das Energie-Management eine viel höhere Priorität hat.

Also macht der Fahrer in der Formel E einen Unterschied aus und hört nicht nur auf die Beeps am Teamfunk, wann er bremsen und rekuperieren soll?

Der Fahrer kann definitiv einen riesengroßen Unterschied ausmachen. Ich hatte in fast jedem Rennen mit die meiste Energie während der ersten Rennhälfte und dabei die gleiche Pace wie die Autos vor mir. Die Frage lautet, wie du die Energie dann benutzt. Man sollte sie nicht nutzen, um in die Mauer zu fahren...

Ist die Formel E zu kompliziert für Zuschauer?

Aus dem Familien- und Freundeskreis habe ich das Feedback erhalten, dass es zu kompliziert ist, wenn man die Formel E nicht regelmäßig verfolgt. Da wird dann über Fanboost, Attack Mode und Co. diskutiert. Das ist aber nur die Oberfläche. Für uns Fahrer und die Teams ist es viel komplexer als es wirklich im TV ausschaut. Das ist nun einmal die Formel E mit einem sehr komplexen Rennauto. Und diese Komplexität braucht man offenbar, um erfolgreich zu sein. Ich kenne kein Top-Team, das nicht fünf bis sieben Tage vor jedem Rennen im Simulator verbringt.

Verstehst du die ganze Software, das Engineering und das Energie-Management im Hintergrund eigentlich?

Ja, das tue ich. Als Fahrer müssen wir uns sehr intensiv damit beschäftigen. Und du nennst nur grobe Überbegriffe. Da gibt es noch so viele Systeme, die da untergeschaltet sind und die wir bedienen müssen. Ich könnte dir das alles erklären, aber dafür müsste euer Magazin noch einige Seiten mehr haben...

Wohin führt die Motorsport-Reise von Rene Rast? - Foto: Audi

Wie hoch stehen die Chancen, dass dies deine einzige volle Saison in der Formel E sein wird?

Die Chancen stehen höher, dass ich nächste Saison nicht mehr in der Formel E fahre als dass ich in der Serie bleibe. Es steht fest, dass ich bei Audi bleiben möchte und Audi auch möchte, dass ich bleibe. Da Audi ab der kommenden Saison nicht mehr in der Formel E ist, wird es dort wahrscheinlich auch für mich nicht weitergehen.

Du sagtest uns vor einer Weile, dass du deine langfristige Zukunft auf der Langstrecke siehst, nachdem Audi Sport seine Rückkehr nach Le Mans mit dem neuen LMDh-Programm bekanntgegeben hat. Gilt das weiterhin?

Ja. Die WEC ist eine geniale Rennserie und Le Mans eines der größten Rennen der Welt. Ich würde mich freuen, wenn es dazu kommen würde.

Gerhard Berger sagte nach deinem DTM-Abschied mit einem Augenzwinkern: "Der Rene lässt es jetzt mal ein Jahr ruhiger angehen und kommt dann zurück." Ist eine DTM-Rückkehr möglich?

Das ist nicht ausgeschlossen. Man muss abwarten, wohin die Reise führt. Es gibt viele offene Fragen bezüglich der Zukunft der DTM. Ich kann mir eine Rückkehr in Zukunft vorstellen. Es ist aber noch zu früh, jetzt schon darüber zu sprechen.

Audi steigt Anfang 2023 zum Debüt in die neue LMDh-Klasse ein. Wir glauben, dass du dabei sein wirst. Wäre es in diesem Falle wichtig für dich, in einer Langstreckenserie wie der Asian oder European Le Mans Series Erfahrungen zu sammeln?

Es wäre zumindest nicht nachteilig, nächstes Jahr schon mal reinzuschnuppern. Wenn es 2023 losgeht, wäre es schon gut, wenn man im Jahr zuvor erlebt hat, wie sich die Rennen anfühlen und wie die Abläufe aussehen, um nicht ganz ins kalte Wasser geworfen zu werden. Das ist durchaus eine Option.

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