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Formel E

Wehrlein verliert Podest: Kuriose Erklärung für Fanboost-Fehler

Pascal Wehrlein und Porsche erleben ein Debakel beim Formel-E-Rennwochenende in Mexiko. Seine Begründung für den Fanboost-Patzer klingt äußerst kurios.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Als wäre der nachträglich verlorene Sieg am Samstag nicht schon schlimm genug gewesen, verlor Pascal Wehrlein im zweiten Rennen des Formel-E-Wochenendes in Puebla im Nachgang einen weiteren Podestplatz. Zwei Fehler kosteten den Porsche-Neuzugang nicht nur 31 Punkte, sondern auch noch die Führung in der Fahrer-Weltmeisterschaft sechs Rennen vor dem Saisonende.

Ohne die eigenen Verfehlungen hätte sich auch das ambitionierte Porsche-Team voll in den Kampf um die Team-Weltmeisterschaft eingeschaltet - stattdessen belegt der Sportwagenbauer nur den neunten von zwölf Plätzen in der Wertung. Das Mexiko-Wochenende entwickelte sich zum großen Debakel für Porsche, das sich in seiner zweiten Saison in der Formel E den ersten Sieg zum Ziel gesetzt hatte.

Von Schadensbegrenzung kann keine Rede sein, doch zumindest erzielte Wehrlein im Sonntagsrennen mit dem vierten Platz noch zwölf Punkte für die Meisterschaft. Hätten der frühere Formel-1-Fahrer und Porsche allerdings das Reglement korrekt befolgt, wären ihm 18 Zähler für den zweiten Platz garantiert gewesen.

Formel E: So verstieß Wehrlein gegen das Reglement

Stattdessen kassierte Wehrlein nachträglich eine Fünf-Sekunden-Strafe und fiel auf P4 zurück, weil er seinen zuvor erhaltenen - und bei Fans seit jeher polarisierenden - Fanboost im Rennen faktisch regelwidrig einsetzte. Als Wehrlein den Zusatz-Boost erst in der allerletzten Rennrunde aktivierte - eine höchst seltene Vorgehensweise in der Formel E - konnte die Batterie zu diesem späten Zeitpunkt nicht mehr die per Reglement vorgegebene Fanboost-Mindestleistung von 240 kW abgeben.

Auszug aus dem Regelbuch: Der Fahrer kann frei entscheiden, ob er seinen Fanboost einsetzen möchte. Wird er per Knopfdruck am Lenkrad aktiviert, greift Artikel 37.4 des Sportlichen Reglements: Die zusätzlich freigegebene Energiemenge aus der Batterie beträgt 100 Kilojoule bei einer Mindestleistung von 240 kW sowie maximal 250 kW, wobei der Fahrer über die Dauer der Zusatzleistung frei entscheiden kann. Außerdem darf der Fanboost erst nach der 22. Rennminute, also mit Beginn der zweiten Rennhälfte, eingesetzt werden.

Fanboost-Einsatz ohne erkennbaren Sinn

Vor der letzten der 32 Rennrunden betrug Wehrleins Rückstand auf den späteren Rennsieger Edoardo Mortara (Venturi) 2,1 Sekunden. 15 Runden lang hatte der Porsche-Fahrer auf der welligen Rundstrecke von Puebla glücklos versucht, die Führung vom früheren DTM-Vizemeister Mortara zu ergattern.

Nick Cassidy (Virgin), von dem Wehrlein in der 18. Runde den zweiten Platz übernommen hatte, fuhr ab diesem Zeitpunkt fast ausschließlich mit mehr als 2,5 Sekunden Abstand zu Vordermann Wehrlein hinterher und hatte angesichts seiner Performance keine realistischen Chancen, in den Kampf um den Sieg einzugreifen.

Wehrlein: War als schöne Geste gedacht

Warum nutzte also Wehrlein seinen Fanboost - der einen Zeitvorteil von nur wenigen Zehntelsekunden bringt - überhaupt, wo zahlreiche Fahrer in der Vergangenheit bewusst auf die Aktivierung im Rennen verzichteten, um das meist bis ans absolute Limit berechnete Energie-Management nicht weiter zu belasten?

Eine aus Sicht von Szene-Kennern kuriose Antwort lieferte der 26-Jährige in einem jüngst erschienenen Video-Interview auf der ran-Webseite von Formel-E-Fernsehpartner Sat.1: "Wir müssen ihn (den Fanboost; d. Red.) nicht nutzen, aber das war als schöne Geste gedacht. Im Rennen hatte ich zwei Sekunden Abstand nach vorne und ein paar nach hinten. Da dachte ich: 'Ich habe noch Fanboost übrig'. Und da dachte ich, als Danke für die Fans und an alle, die für mich gevotet haben, benutzte ich den jetzt einfach noch in der letzten Runde. Am Ende haben wir dann die Strafe gekriegt."

Regel-Kenner: Porsche noch gut bedient

Während Regel-Experten aus der Formel E der Ansicht waren, dass Wehrlein und Porsche mit der nachträglichen 5-Sekunden-Zeitstrafe anstelle einer Durchfahrtsstrafe, die nachträglich in eine 46-Sekunden-Zeitstrafe umgewandelt worden wäre, noch gut bedient waren, stimmte der gebürtige Sigmaringer in den Porsche-Kor ein und ärgerte sich über die aus seiner Sicht unverhältnismäßig hohen Strafen.

Am Samstag in Puebla hatte Wehrlein seinen ersten Formel-E-Sieg verloren, nachdem das Porsche-Team die Rennreifen falsch registriert hatte. Weil es sich dabei um einen technischen Aspekt handelte und Reifenlieferant Michelin laut Entscheidung der Rennleitung die "notwendigen Messungen der Reifendrücke nicht vornehmen" konnte, blieb keine andere Wahl als ein Wertungsausschluss für Wehrlein und Teamkollege Andre Lotterer.

Formel E 2021: Die besten Funksprüche beim Puebla ePrix: (07:03 Min.)

Porsche: Strafe und Vergehen in keinem Verhältnis

Wehrlein jetzt zu den Vorfällen: "Klar wurde ein Fehler gemacht und wir akzeptieren das. Nur, der Fehler, den wir gemacht haben, hat nichts an der Performance geändert. (...) Die Stewards müssen entscheiden, was eine faire Strafe ist. Für uns war es aber nicht fair, dafür disqualifiziert zu werden. Das kann man auch anders regeln. Das am Sonntag mit dem Fanboost finde ich genauso ärgerlich. Meine Meinung: So etwas hat gar keine Strafe verdient."

Gegen den Wertungsausschluss am Samstag hatte Porsche zunächst einen Protest angekündigt. Wie Motorsport-Magazin.com exklusiv berichtete, ließ der Hersteller die 96-stündige Frist für einen formalen Einspruch jedoch verstreichen und akzeptierte die Entscheidung damit. "Wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass Strafe und Vergehen in keinem Verhältnis stehen", hieß es später unter anderem in einem Statement des Teams.


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