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Formel E

Formel E 2021 in Riad: Mehr Dramen als Rennrunden

Unfälle, Krankenhaus-Aufenthalte, Start-Verbote, abgebrochene Rennen und Politik: Der Saisonauftakt der Formel E sparte nicht an Dramen.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Am Wochenende startete die Formel E in ihre erste Saison als offizielle FIA-Weltmeisterschaft. Wer hätte im Vorfeld des Auftaktes in Saudi-Arabien ahnen können, dass die ersten Nachtrennen in der Geschichte der Serie und dem TV-Debüt von Sat.1 derart hohe Wellen schlagen würden?

Unfälle, Krankenhaus, Verbote, Abbrüche, Strafen: Das Wochenende fühlte sich teilweise mehr wie Kriegs- als Rennberichterstattung an. Dass im Anschluss an das vorzeitig abgebrochene Samstagsrennen auch noch Meldungen von einem Raketenangriff auf Riad - der, das wollen wir an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, nach derzeitigem Kenntnisstand nicht im Zusammenhang mit der Formel-E-Veranstaltung steht - die Runde machten, setzte dem Ganzen die Krone auf.

Ereignisse und Lynn überschlagen sich

Schon vorher überschlugen sich die Ereignisse im wahrsten Sinne des Wortes. Am Samstag wurde das Rennen wegen des schweren Unfalls von Mahindra-Pilot Alex Lynn knapp drei Minuten vor dem eigentlichen Ende vorzeitig abgebrochen. Die Bilder des Unfallhergangs veröffentlichte die Formel E erst am Sonntagnachmittag, im Fernsehen war nichts zu sehen.

Beobachter im Fahrerlager sprachen vom schlimmsten Unfall der sechsjährigen Formel-E-Geschichte, als sich Lynn nach einer Kollision mit Vordermann Mitch Evans überschlug und auf dem Dach liegend über viele Meter rutschend mit hoher Geschwindigkeit in der TecPro-Barriere einschlug.

Zwei Fahrer im Krankenhaus

Glücklicherweise und auch dank der hohen FIA-Sicherheitsstandards - wer würde heute noch den Sinn des Halo-Kopfschutzes anzweifeln? - kam Lynn mit ein paar Schrammen an den Knien davon. Der Brite wurde in der Nacht auf Sonntag aus dem Krankenhaus entlassen, sein Auto ist allerdings Matsch.

Beinahe hätte sich Lynn im Hospital mit Edoardo Mortara die Türklinke in die Hand geben können. Der Venturi-Pilot war wenige Stunden vor dem Rennen im Freien Training schwer verunfallt. Bei Startübungen beschleunigte plötzlich das Auto, Mortara schlug mit rund 140 km/h Fahrtgeschwindigkeit in die Streckenbegrenzung ein. Der frühere DTM-Fahrer selbst sprach später von einem Einschlag mit einer irrsinnigen Kraft von 50 G. "Ich bin froh, dass ich noch hier stehe."

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Startverbot für vier Mercedes-Autos

Mortaras Trainings-Unfall löste das nächste Drama aus. Die Rennleitung untersagte seinem Team Venturi und auch Autolieferant Mercedes kurzfristig die Teilnahme am Qualifying zwei Stunden später. Erstes Urteil: Die vier von Mercedes entwickelten Autos der beiden Teams seien nicht sicher. Die Techniker konnten in der Kürze der Zeit nicht belegen, dass der Mortara-Fehler nicht auch bei den anderen Fahrzeugen auftreten würde. Immerhin: Rechtzeitig vor dem Rennstart konnte ein Software-Fehler am Bremssystem ermittelt und behoben werden.

Dabei hätte sich die bekannte Hopp-oder-Topp-Mentalität der Formel E keinen besseren Höhepunkt aussuchen können. Nyck de Vries, gefeierter Sieger des Freitagsrennens, musste wegen des verpassten Qualifyings wie Mercedes-Teamkollege Stoffel Vandoorne von hinten starten.

Unfall-Opfer Mortara kehrte nach seinem Krankenhaus-Aufenthalt zwar rechtzeitig zurück an die Strecke, doch sein Venturi-Auto konnte nicht rechtzeitig repariert werden. Dem schlimmsten Moment seiner Karriere (eigene Aussage) vorausgegangen war übrigens der völlig überraschende zweite Platz im Freitagsrennen...

Strafen-Orgie zwei Stunden nach Rennende

Und weil das alles offenbar für zwei Tage voller Renn-Action noch immer nicht ausreichte, folgte am späten Samstagabend die berühmt-berüchtigte Strafen-Orgie in bester Formel-E-Manier. 9 (neun!) Strafen verteilte die Rennleitung im Nachgang, unter anderem verlor Jean-Eric Vergne seinen dritten Platz und fiel bis auf P12 zurück. Ohne den vorangegangenen Lynn-Unfall wäre die Akzeptanz des zweifachen Meisters in der Öffentlichkeit vermutlich etwas anders ausgefallen...

Apropos de Vries und um das Strafen-Wirrwarr zu veranschaulichen: Der Mercedes-Pilot überquerte die Ziellinie nach Start von Platz 20 auf der 14. Position, um dann schlussendlich als Neunter gewertet zu werden und weitere Punkte mitzunehmen. Als das Ergebnis zwei Stunden nach Rennende final veröffentlicht wurde, bekamen die Fernsehzuschauer das natürlich nicht mehr mit. Der Vollständigkeit halber: Von Donnerstag bis Samstag wurden 44 (vierundvierzig!) Entscheidungen der Rennleitung veröffentlicht...

Formel E: Dramatisch, aber nie langweilig

Da gingen weitere bemerkenswerte Vorfälle in Saudi-Arabien schon fast unter. Etwa die fünf positiv gemeldeten Corona-Vorfälle kurz vor dem Beginn des Wochenendes, die von der Formel E oder den Herstellern bis heute nicht kommuniziert worden sind.

Oder Andre Lotterer, der das Samstags-Qualifying nach einem Trainings-Unfall ebenfalls verpasste. Oder auch Nico Müller, dem der Einzug in die Superpole-Qualifyinggruppe wegen einer diskutablen Entscheidung verwehrt wurde. Oder, zu guter Letzt, Robin Frijns, der am Samstag Zweiter wurde, während er noch am Freitag wegen eines Trainings-Crash nicht am Qualifying teilnehmen konnte.

So brachten die Saudi-Nachtrennen gefühlt mehr Dramen als Rennrunden (61 insgesamt) mit sich und darüber wird im Nachgang noch zu diskutieren sein. Feststellen lässt sich aber: Langweilig wird es in der Formel E nun wirklich nie.


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