Formel E

Formel E 2018 - Blick hinter die Kulissen: Formel Easy!

In der Formel E sind die Jungs von Audi echte Feierbiester - da springt sogar der Boss mit in den See. Die Serie tut gut daran, dieses Flair zu bewahren.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Der Eine kommt morgens um 5 Uhr mit dem Weg-Döner in der Hand ins Hotel, die anderen springen noch 'ne Runde ins Wasser. Was im ersten Moment nach Malle-Abschlussfahrt der Theken-Mannschaft klingt, ist in Wahrheit das wohl am professionellsten aufgestellte Team der Formel E. Bahn frei für die Party-Truppe von Audi!

Nach den enormen Rückschlägen zu Saisonbeginn hat sich das erste deutsche Werksteam in der Geschichte der Elektro-Rennserie gefangen und zu erwarteter Stärke gefunden. Und das will standesgemäß gefeiert werden.

Etwa in Form von Daniel Abt, der nach seinem Heimsieg in Berlin die After-Party in vollen Zügen genoss und am sehr frühen Sonntagmorgen - samt Döner in der Hand - in der Hotel-Lobby auftauchte. Sehr zur Freude seines Teamchefs Allan McNish, der nichts Besseres zu tun hatte, als Abt samt Döner zu fotografieren und das Foto auf seiner Twitter-Seite zu verewigen. Es war der wohl legendärste Tweet der Saison.

Man stelle sich nun einmal vor, ein derartiges Foto von Lewis Hamilton oder Max Verstappen würde in den sozialen Medien auftauchen. Ob berechtigt oder nicht: Der Shitstorm wäre garantiert und die jeweiligen Presse-Betreuer würden vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Nun sollte man die Formel 1 nicht mit der Formel E vergleichen, doch derartige Aktionen wären in der Königsklasse schlichtweg undenkbar. Ganz anders in der jungen E-Serie, deren junge Fans solche im Profi-Sport eher unüblichen Aktionen feiern.

"Mich hat es ehrlich gesagt überrascht, dass Allan das Foto online gestellt hat", sagt Daniel Abt zu Motorsport-Magazin.com. "Aber ich fand das super! Das ist ja das, was die Leute sehen wollen: dass wir authentisch und normal sind. Wir sind ja keine Leute, die nur mit der Krawatte abends weggehen, sich ein Lätzchen umhängen und Filetsteak essen. Ist doch klar, nach so einem Rennen wird gefeiert, wir hatten Spaß und für den Heimweg gibt's auch mal einen Döner."

Foto: LAT Images

Mit Teamchef Allan McNish weiß Abt ohnehin einen Teamchef im Rücken, der zu seiner aktiven Zeit als Rennfahrer ebenfalls ein gern gesehener Gast auf Partys war. Dass sich der Schotte trotz des enormen Wettbewerbsdrucks - wie üblich im Werkssport - auch selbst nicht immer zu ernst nimmt, bewies er mit einer speziellen Aktion nach dem Audi-Doppelsieg in Berlin.

"Da habe ich einfach gesagt, dass ich die anschließende Audi-Präsentation im Werk in meinen Lederhosen (oder wie McNish sagt: Lederrrrhosen) halte", lacht McNish im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Ich fand das zu dem Zeitpunkt irgendwie richtig." Gesagt, getan, getwittert.

Ein Rennen später verging McNish dann kurzzeitig das Lachen, denn: Er musste nach dem Zürich ePrix gemeinsam mit dem Team den Sieg von Lucas di Grassi feiern. Eigentlich ein schöner Anlass, doch McTeamchef hatte sich die Feier etwas anders vorgestellt. Er wurde wenige Stunden nach dem Erfolg lautstark vom Team aufgefordert, es Lucas di Grassi gleichzutun und auch in den direkt hinter dem Fahrerlager gelegenen Zürichsee zu springen. Aus sechs Metern Höhe.

McNish gibt zu: "Ich wollte das gar nicht machen, weil ich Höhe nicht so sehr mag und kein Schwimm-Fan bin. Und dann aus großer Höhe in einen See zu springen, war nicht unbedingt das, was ich mir unter einer Siegesfeier vorgestellt hatte. Ich hatte Angst! Ich wusste ja auch nicht, was unter der Wasseroberfläche war. Aber Lucas war ja quasi unser Testpilot."

Foto: Motorsport-Magazin.com

Zunächst tat McNish sein Möglichstes, um dem Sprung in den Zürichsee zu entgehen. Ausgerechnet sein Vorgesetzter und Audi-Motorsportchef Dieter Gass sollte dafür als rettender Anker herhalten. McNish: "Ich sagte zu Dieter: 'Ich springe, aber nur, wenn du mitmachst'. Aber ich hatte ja nicht erwartet, dass er Ja sagen würde!"

McNish hatte seinen Satz noch nicht beendet, da stand Gass schon barfuß und in freudiger Erwartung des Sprungs bereit. "Da war der Allan ganz schön überrascht", sagt Gass grinsend zu Motorsport-Magazin.com. "Das Team hat nach Allan gerufen. Und der hat sich in sicherem Wasser gewähnt, weil er sagte: 'Ich springe nur, wenn der Dieter springt'. Tja, und sowas darf man mir halt nicht unbedingt sagen... Hinterher habe ich dann festgestellt, dass ich noch nie zuvor von so hoch oben gesprungen bin."

Dass ein Motorsportchef in der Öffentlichkeit überhaupt 'baden geht', ist in den meisten professionellen Rennserien ohnehin nur schwer denkbar. In der Formel E ticken die Uhren etwas anders. Formel Easy eben. Auf der Rennstrecke und gern auch mal vor der Rennleitung geht es hart zur Sache, da ist kein Platz für Späße.

Doch die Protagonisten der Serie haben es längst verstanden, dass es nach dem Fallen der Zielflagge auch mal lockerer zugehen darf und soll. Es ist dieser spezielle Vibe der vier Jahre jungen Serie, den die Piloten und selbst die Verantwortlichen zelebrieren. Wo die Helden der Formel 1 nach Rennende meist fluchtartig in Richtung Flughafen hechten, gibt es in der Formel E eben auch mal einen Hechtsprung in den Zürichsee.

Foto: LAT Images

"Die kurze spontane Party, bei der nach mir ja auch noch Dieter Gass und Allan McNish in den See gesprungen sind, symbolisiert ganz gut, wie ausgezeichnet die Stimmung bei uns im Team ist", sagt der amtierende Champion di Grassi. "Wir arbeiten hart und konzentriert. Wir haben unser Ziel klar im Blick. Und gleichzeitig können wir bei Erfolgen auch kräftig feiern."

Die Formel E tut gut daran, sich dieses spezielle Flair auch zu bewahren, wenn weitere große Hersteller in die Serie strömen - und der Erfolgsdruck ein neues Level erreichen wird. Was gewisse Serien-Bosse als Straßenparty abtun, ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal, welches das junge Zielpublikum der Formel E anspricht.

Foto: Audi Communications Motorsport

Feierbiest McNish bringt es auf den Punkt: "Wegen solcher Sachen genießt man das, was man tut. Wir hatten zu Beginn der Saison einige Rennen, bei denen es nichts zu feiern gab wegen zahlreicher Probleme. Und wenn wir dann die Chance haben, ein bisschen zu lachen und Druck abzulassen, dann muss man das auch machen. Wir nehmen das Racing sehr ernst. Aber wir feiern auch, wenn wir das Gefühl haben, dass es dafür an der Zeit ist."

Zuletzt gab es dafür genügend Anlässe für das Audi-Werksteam. Di Grassi erzielte in Zürich seinen fünften Pokal in Folge und den 25. Podiumsplatz insgesamt - beides Bestwerte in der Formel E.

Teamkollege Abt gewann in Mexiko-City und Berlin seine ersten Rennen und wäre ihm der Sieg beim Saisonauftakt in Hongkong nicht nachträglich aberkannt worden, würde er wohl um die Meisterschaft kämpfen. Seine Erfolge haben dem Sohn des früheren Teamchefs Hans-Jürgen Abt kürzlich eine Vertragsverlängerung bei Audi beschert - da darf man sich auch mal einen Döner gönnen.


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