Formel 1 / Analyse

Unfälle, Strafen und Fehler - Suzuka: 10 Fragen geklärt

Sebastian Vettel dominierte den Japan GP. Motorsport-Magazin.com beantwortet die wichtigsten Fragen zu Strafen, Unfällen und Startverzichten.
von Stephan Heublein

1. Warum dauerte Vettels letzter Stopp so lange?

Sebastian Vettel fuhr in Suzuka ungefährdet zum Sieg. Höchstens am Start machte ihm Lewis Hamilton für wenige Sekunden das Leben mit KERS schwer. "Für Vettel war der Weg bis in die erste Kurve schwieriger als von der ersten Kurve bis ins Ziel", sagte uns Christian Danner. Trotzdem gab es eine Schrecksekunde: Bei Vettels zweitem Boxenstopp lief die Uhr viel länger als geplant.

"Etwas hat geklemmt", verriet Vettel. "Dann kam Nick Heidfeld die Boxengasse heruntergefahren und wir wollten nichts riskieren und haben ihn durchfahren lassen." Teamchef Christian Horner präzisierte: "Wir hatten eine beruhigende Führung. Also wollte der Lollipop-Mann Sebastian nicht zu früh loslassen, weil Autos in der Boxengasse entlang kamen. Er hat seine Lektion aus Spa gelernt und gewartet." Dort kassierte Mark Webber eine Strafe wegen unsicherem Losfahren - richtig: gegen Nick Heidfeld.

2. Wieso stoppte Webber so oft?

Für Vettel war der Weg bis in die erste Kurve schwieriger als von der ersten Kurve bis ins Ziel.
Christian Danner

Mark Webber war der Unglücksrabe des Japan-Wochenendes. Ein Unfall im Freien Training, ein Chassiswechsel, das verpasste Qualifying, der Start aus der Boxengasse und dann zwei Stopps binnen zwei Runden, fünf insgesamt. "Es war ein Höllenwochenende", bestätigte Christian Horner. Webber beschrieb seine Probleme so: "Wir hatten in den ersten Runden nach dem Start ein Problem mit dem Kopfschutz. Ich kam rein und wir haben den Kopfschutz fixiert. Nach einer Runde tauchte das Problem wieder auf." Er kam wieder rein. Zudem hatte er noch einen Reifenschaden.

"Wir haben das Chassis gewechselt und scheinbar hat sich die Kopfstütze unter Belastung, wenn also die G-Kräfte kommen, gelöst", erklärte Helmut Marko. "Wir haben das mit Tape behoben." Den Rest des Rennens nutzte Red Bull zu Testzwecken, unter anderem probierte man einen neuen Frontflügel aus.

3. Warum wurde Rosberg nicht bestraft?

Einige Stunden musste Nico Rosberg um seinen fünften Platz zittern, weil er in der Safety Car Phase die vorgeschriebenen Mindestsektorzeiten unterschritten haben soll, um so schneller an die Box zu fahren und damit einen Vorteil zu gewinnen. "Der Grund dafür ist, dass nicht alle wie die Verrückten aus der Box raus oder an die Box rein fahren", erklärt Christian Danner. "Diese Vorgabe wird auf dem Display im Auto angezeigt."

Nico Rosberg bekam keine Strafe aufgebrummt. - Foto: Sutton

Nur konnte sie Rosberg nicht lesen, weil auf seinem Display stand, dass er wenig Benzin habe und zur Box müsse. "Von daher habe ich nie irgendeine Zeit gesehen: Deswegen konnte ich das gar nicht so einschätzen." Er versuchte zwar, angemessen langsam zu fahren, verpasste die Zeit aber knapp. "Ich war unter einer Sekunde daneben, glaube ich." Das habe ihm keinen Vorteil eingebracht. So sahen es auch die Rennkommissare, die Rosberg eine angemessene Geschwindigkeit attestierten und keine Strafe aussprachen.

4. Was ging bei Heidfelds Stopp schief?

Nick Heidfeld lag auf Kurs zu Platz 4. Doch dann überholte ihn zuerst Kimi Räikkönen beim zweiten Boxenstopp und danach auch noch Nico Rosberg in der Safety Car Phase. "Leider ist beim zweiten Boxenstopp hinten rechts etwas schief gegangen", erklärte Heidfeld. Die Radmutter klemmte. Die verlorenen Sekunden kosteten den Platz gegen Räikkönen. "Es war Pech. Danach habe ich Robert [Kubica] aus teamtaktischen Gründen vorbeigelassen. Das war wahrscheinlich auch nicht die cleverste Idee, zumal Nico das Glück hatte, genau in der Safety Car Phase zu tanken. So ist er ganz knapp vor mir rausgekommen."

5. Was war mit Hamiltons KERS?

Im zweiten Rennen in Folge hatte Lewis Hamilton Probleme mit seinem KERS. In Singapur half ihm ein Neustart des Systems, alles wieder in Gang zu bringen. In Suzuka musste er ab dem zweiten Boxenstopp komplett darauf verzichten. "Lewis hatte nach dem zweiten Stopp ein Elektrik-Problem, dessen Ursache wir noch klären müssen, er musste danach ohne Unterstützung des KERS Hybrid fahren", erklärte Norbert Haug.

Klar, die Kollision war unnötig, aber andererseits ist das der Kampfgeist, den man in jedem jungen Rennfahrer sehen möchte.
Martin Whitmarsh

Das fehlende KERS war aber nicht dafür verantwortlich, dass Jarno Trulli an Hamilton vorbei kam. "Das hatte damit nichts zu tun, da es erst hinterher auftrat, aber es machte es schwieriger, den 3. Platz gegen Kimi zu verteidigen", sagte Martin Whitmarsh. Für den Platzverlust gegen Trulli machte er eine Kombination aus Faktoren verantwortlich: "Wir hatten nicht genügend Vorsprung auf Jarno Trulli, wir hätten beim ersten Boxenstopp von Lewis eine Runde mehr auftanken können und wir hatten ein kleines Getriebeproblem, das in der Boxengasse eine Sekunde gekostet hat." Das alleine hätte aber immer noch nicht gereicht. "Wir hätten drei Sekunden Vorsprung auf ihn gebraucht", sagte Hamilton.

6. Wer hatte Schuld Kovalainen oder Sutil?

Es kam, wie es kommen musste: Als Adrian Sutil hinter dem McLaren von Heikki Kovalainen fest hing, dauerte es nicht lange, bis es krachte. Sutil setzte sich innen neben den Silberpfeil, der gab nicht nach und Sutil drehte sich. "Ich kam in der Schikane an ihm vorbei, er schnitt aber zurück, ich drehte mich und verlor viel Zeit", klagte Sutil. "Er hätte nachgeben müssen. Er war ja schon außen auf dem Grünen. Klar gehören immer zwei dazu, wenn man wen überholt, aber letztendlich war es meine Kurve. Ich habe auch Platz gelassen und er hat mich hinten am Heck leicht touchiert."

Kovalainen beurteilte die Situation erwartungsgemäß anders: "Adrian hat versucht mich zu überholen, aber ich konnte neben ihm bleiben", so der Finne. "Als er nach innen ging, war ich auf dem Kerb und konnte ihm keinen zusätzlichen Platz lassen, was aber mehr ein Problem für ihn war." McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh bestätigte eher Sutils Aussage: "Die Kollision mit Sutil war Pech. Klar, sie war unnötig, aber andererseits ist das der Kampfgeist, den man in jedem jungen Rennfahrer sehen möchte."

Sutil und Kovalainen sind sich nicht einig. - Foto: Sutton

Christian Danner entschied in der Schuldfrage ähnlich: "Bei der Kollision gebe ich Kovalainen die Schuld, weil er eh vorbei war. Grundsätzlich ist der Vorfall aber Sutils Fehler, allerdings nicht in dem Moment, sondern vorher - er muss irgendwo Zeit verloren haben, um überhaupt hinter Kovalainen zu sein. Das war sein Fehler."

7. Warum berührten sich Fisichella und Kovalainen?

Heikki Kovalainen war nicht nur in einen Zweikampf gegen Adrian Sutil verwickelt, auch bei der Boxenausfahrt nach seinem zweiten Stopp kam es zu einer Berührung - mit Giancarlo Fisichella. Der Ferrari-Pilot fuhr eigentlich vor Kovalainen aus der Box, doch Kovalainen setzte sich direkt dahinter und ging noch in der Ausfahrt am Italiener vorbei. "Da hat Fisico geschlafen", analysierte Danner. In der Kurve berührten sich die Autos leicht, konnten aber beide weiterfahren. "In diesem Fall hat sich der Kampfgeist ausgezahlt", lobte Whitmarsh.

8. Wieso flog Alguersuari ab?

In Runde 43 landete Jaime Alguersuari in den Reifenstapeln und löste damit sieben Runden vor Rennende eine Safetycar-Phase aus. "Ich baute den Unfall auf meiner ersten Runde nach dem zweiten Boxenstopp", erklärte der Spanier. "In Kurve 15 verlor ich das Heck und knallte in die Mauer. Warum, weiß ich nicht. Es war ganz unerwartet, ich muss mir erst die Daten ansehen. Vielleicht stimmte etwas mit dem Reifendruck bei den Hinterrädern nicht oder ich hatte einen Plattfuß."

9. Warum fuhr Glock nicht mit?

Als ich runter sah, entdeckte ich den Farbwechsel am Stoff: von weiß auf rot.
Timo Glock

Bis um 2:00 Uhr nachts versuchten Timo Glock und sein Physiotherapeut alles, um den Deutschen fit zu machen. "Am Samstag konnte ich gar nicht laufen, selbst mit Krücken war es schwer, am Sonntag ging es normal, aber ich kann keine Kraft ausüben, wenn ich stark bremsen oder schnell aus dem Auto aussteigen müsste", erzählte Glock.

Auslöser war sein Qualifying-Unfall am Samstag, wo er seinen Toyota in der Zielkurve in die Reifenstapel bohrte. "Es war mein Fehler. Das Auto war hundert Prozent in Ordnung." Glock habe die Kurve falsch eingeschätzt. "Bei uns kommt es auf Hundertstel und Zehntel an, da willst du alles versuchen." Er fuhr aus der Schikane heraus, bekam etwas Übersteuern, wollte aber trotzdem so viel Schwung wie möglich mitnehmen. "Ich habe die Lenkung aufgemacht, wollte zurücklenken und dachte, dass ich 50 cm weiter rechts wäre." Als er zurücklenken wollte, merkte er, dass ihm die Straße ausging. "Ich habe es unterschätzt, falsch eingeschätzt."

Die Folge: Ein Schnitt im linken Bein, der mit 14 Stichen genäht werden musste. Ein Aluminiumteil war von unten ins Monocoque eingedrungen und hatte sein Bein aufgeschlitzt. "Als ich runter sah, entdeckte ich den Farbwechsel am Stoff: von weiß auf rot."

10. War Glock fit genug, um im Qualifying zu fahren?

Bereits am Freitag musste Glock die Freien Trainings auslassen, weil er mit Fieber im Bett lag. Am Samstag litt er aber nicht mehr darunter. "Das hatte mit meiner Fitness nichts zu tun. Ich bin so klar im Kopf, dass ich weiß, wie fit ich in Suzuka sein muss, um mit über 300 km/h durch die 130R zu fahren. Ich war am Samstag fieberfrei, nur meine Nase war etwas verstopft. Ich hatte vielleicht keine 100%, aber 95%."


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