Formel 1 / Kolumne

Massedämpfer: Die Lehren des 16. WM-Laufs - China GP

Wo könnte man mehr Weisheiten lernen als in China? Zum Beispiel von schmackhaften Handys, musikalischen Darbietungen und mächtigen Muskelbergen.
von Stephan Heublein

Die Lehre vom Feiern

Lewis Hamilton und seine Mannschaft hätten gerne schon in Shanghai ausgiebig gefeiert. Doch daraus wurde nichts. Zumindest das hat Timo Glock seinem Vorgänger als GP2-Champion in diesem Jahr voraus. "Wir haben lange und ausdauernd gefeiert", sagte der neue GP2-Meister nach seiner Meisterfeier. "Es war ein harter nächster Morgen und ein harter Flug nach Shanghai." Aber für harte Arbeit wird man auch belohnt. "Allzu viel habe ich hier nicht zu tun", gestand der BMW Sauber-Ersatzfahrer. "Notfalls könnte ich mich zwischendurch sogar mal auf einer Liege in der Hospitality ausruhen."

Die Lehre von der Theorie

Theoretisch könnte ich nächstes Jahr auch Mini Challenge fahren.
Timo Glock

Die Theorie ist der beste Freund der Gerüchteköche. Denn theoretisch ist so vieles möglich. So wurde in Shanghai mal wieder kräftig über zukünftige Fahrerpaarungen spekuliert. "Timo, Du könntest theoretisch Teamkollege von Alonso werden", fragte ein Kollege. "Wo denn?", antwortete ein erstaunter Timo Glock. "Theoretisch könnte ich nächstes Jahr auch Mini Challenge fahren." Theoretisch dürfte das wohl nur BMW gefallen...

Die Lehre vom Verkehr

Normalerweise klagen die Fahrer nur auf ihren schnellen Qualifyingrunden über störenden Verkehr. In China ist das anders. "Hier ist das einzige Land, wo ich mich nicht ans Steuer setze", enthüllte Nick Heidfeld. "Weil die alle so anders, so wahnsinnig fahren. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich heil angekommen bin." Allerdings war das Verkehrschaos für Nick in diesem Jahr gefühlsmäßig etwas besser. "Aber heute Morgen habe ich auf dem Weg zur Strecke jemanden an der Straße liegen sehen, der sah leider so aus, als ob er nicht mehr aufstehen würde." Es war eben nur gefühlt besser...

Die Lehre vom Essen

Nirgends sind die Fans so verrückt wie in China - Nick hat damit eindeutig recht... - Foto: Sutton

Aber nicht nur auf der Straße drohte Nick Gefahr. "Nein, ich habe kein chinesisches Essen probiert - davor habe ich Angst", sagte er einer chinesischen Journalistin. "Meine Freundin hat im Urlaub mal etwas ausprobiert, fühlte sich danach aber schwindelig - da dachte ich mir: vielleicht ist sie nur etwas sensibel und habe es auch probiert. Mir erging es aber genauso." Seitdem lässt Nick die Finger von Chinese Food.

Die Lehre vom Vergnügungspark

In Shanghai baute BMW Sauber zum letzten Mal den Pitlane Park auf. Ein Kollege wollte von Mario Theissen wissen, wozu dieser überhaupt dient - also der Pitlane Park, nicht der Motorsportdirektor... "Dort fahren wir unsere Rennautos ein", scherzte Theissen. Aber im Ernst: BMW will den Fans die Möglichkeit bieten, die F1-Boliden einmal hautnah zu erleben. Laut Nick Heidfeld haben sie das in China besonders verdient: "Die Fans hier sind wirklich verrückt. Man fühlt sich wie ein Popstar. Sie sind verrückter als woanders auf der Welt." Langweilig wurde es Nick aber aus einem anderen Grund nicht: "Ich bin mit zwei Kindern hier, die unterhalten mich genug."

Die Lehre von den Maßen

Ich habe kein chinesisches Essen probiert - davor habe ich Angst.
Nick Heidfeld

In der Formel 1 muss alles groß sein. Die Motorhomes werden von Jahr zu Jahr pompöser, die Streckenanlagen immer monströser. Wie gut, dass BMW Sauber noch immer im beschaulichen Hinwil residiert. Doch nach dem Umbau wird aus der schmucken, kleinen Sauber-Fabrik ein ausgewachsenes Werk. "Es ist nur eine Erweiterung zur Fabrik", lachte Mario Theissen, "aber die Erweiterung ist etwas größer als die bisherige Fabrik."

Die Lehre vom Empfang

Die E-Mailwechsel zwischen den McLaren-Fahrern sorgten in diesem Jahr schon für Schlagzeilen. Zwischen Japan und China tauschten nun ausgerechnet Fernando Alonso und Lewis Hamilton auch noch SMS aus. "Ich habe gestern Nacht eine SMS von ihm bekommen, weil mein Telefon in Japan nicht funktioniert - als ich es gestern dann anmachte, bekam ich ca. 30 bis 40 SMS, eine war von ihm", verriet Alonso am Donnerstag. "Er war in Shanghai, ich war in Tokio, ich habe ihn nur gefragt, was er gekauft hat." Ein echter Investigativjournalist lässt aber nicht so leicht locker. "Fernando, wieso hast Du kein Vodafone 3g GSM Handy, das auch in Japan funktioniert?" Wird der Spanier etwa auch vom Hauptsponsor ungleich behandelt? "Ich hatte ein Vodafone, aber ein japanisches und niemand kannte die Nummer." Fernando hält also schon Abstand vom Team... oder war doch Mark Webber schuld? Der saß neben ihm in der Pressekonferenz und musste die Frage beantworten, was er gegessen hatte, dass ihm während des Japan GP schlecht wurde? Die Antwort platzte prompt aus ihm heraus: "Fernandos Sim-Karte!"

Die Lehre vom großen Coup

Crash Point? Ob sich das auf die öffentlichen Straßen bezog? - Foto: Sutton

Shanghai ist ein gefährliches Pflaster, nicht nur auf öffentlichen Straßen. BMW Sauber wurde im Hotel die gewaschene Unterwäsche entwendet, der FIA wurden von der Rezeption weg die Parkscheine für den Brasilien GP in Sao Paulo geklaut. Die Überwachungskameras zeigen zwar die beiden chinesischen Täter, aber finde die einmal jemand unter 1,3 Milliarden. Sollten in Interlagos nur Chinesen auf dem Parkplatz herumwuseln, dürfte klar sein, wie sie zu dieser Ehre kamen...

Die Lehre vom Anrufbeantworter

Bis zum großen Knall in Fuji hatte Sebastian Vettel bewiesen, dass er im Regen schnell unterwegs sein kann. Kein Wunder, dass er sich auch am Freitag in Shanghai mehr kühles Nass für den Renntag wünschte. "Das wäre nicht schlecht", sagte er uns. "Ich versuche die ganze Zeit bei Petrus anzurufen, aber er hebt nicht ab." Bis zum Rennen scheint er ihn aber doch noch erwischt zu haben...

Die Lehre von der Überraschung

Öfter mal etwas Neues: Lewis Hamilton musste in diesem Jahr schon viele Fragen beantworten, viele Interviews geben. Doch wenn in den offiziellen Pressekonferenzen unser finnischer Kollege Heikki Kulta das Mikrofon ergriff, schaltete Lewis sofort ab. Am Samstag des vorletzten Rennwochenendes wurde er dabei auf dem falschen Fuß erwischt: "Wissen Sie was? Ich bin echt überrascht, dass Sie mir eine Frage stellen", antwortete Lewis, "denn das ganze Jahr über haben Sie mir keine einzige Frage gestellt. Immer wenn Sie das Mikrofon ergriffen haben, wusste ich, dass die Frage an Kimi gehen würde." Man sollte sich eben nie zu sicher fühlen.

Die Lehre vom Superstar

Ich habe nur jajajajaja geschrien - der Text war ziemlich plump.
Sebastian Vettel

Schon vor seinem F1-Debüt für BMW Sauber in Indianapolis wurde Sebastian Vettel von der Boulevardpresse zum Superstar hochgejubelt. Das musikalische Gespür dazu hat "Brummbrumm-Basti", wie er von den Boulevardkollegen gerne genannt wird. "Ich habe nur jajajajaja geschrien - der Text war ziemlich plump", erklärte Vettel seine Urschreie nach der Zieldurchfahrt. "Ich entschuldige mich bei den Zuschauern zuhause, die das morgens geschaut haben und vom Sofa gefallen sind." Viele dieser Zuschauer sind allerdings Schlimmeres gewohnt, immerhin sieht eine beträchtliche Anzahl davon auch diverse Castingshows mit noch viel schlimmeren Darbietungen an - und das freiwillig. Beinahe wäre es gar nicht zu Vettels Gesangseinlage gekommen. In der vorletzten Runde bekam er über die Boxentafel die Anweisung, Benzin zu sparen. "Wir hatten nicht zu wenig Benzin drin", beteuerte Gerhard Berger. "Wir wollten nur etwas Geld sparen, damit wir für das nächste Rennen nicht so viel auftanken müssen."

Die Lehre von der Kraft

Hamilton steckte im Kiesbett. Kaum hatten die McLaren-Verantwortlichen den Schock überwunden, fragten sie vom Kommandostand bei der FIA nach: dürfte er das Rennen fortsetzen, wenn ihm die Streckenposten helfen? Die Antwort war ein ja. "Mit ein paar größeren, stärkeren Streckenposten, hätte er vielleicht weiterfahren können", sagte Martin Whitmarsh. "Aber das soll keine Kritik sein." Verwundern würde es uns aber nicht, wenn in Brasilien an allen Kiesbetten ganz in Silber gekleidete Schwarzenegger-Verschnitte auf ihren Einsatz warten würden.


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