Formel 1 / Kolumne

Sven Heidfeld: Auch kaputte Reifen drehen durch

Lewis Hamilton begrub seine Hoffnungen auf einen vorzeitigen Titelgewinn im Kies. Aber war nur der Kies schuld?
von Sven Heidfeld

Motorsport-Magazin.com - Seit dem Rennende in Shanghai warte ich auf eine Meldung; aber sie kommt nicht. Alle bei McLaren machen einen Fahrfehler, einen kaputten Reifen und ein zu tiefes Kiesbett für den Ausfall von Lewis Hamilton verantwortlich - kein Wort von einem technischen Defekt. Doch genau danach sah es für mich aus. Hamilton fuhr geradeaus ins Kiesbett und blieb stecken, allerdings ohne großartig mit dem Kies zu kämpfen. Normalerweise fliegen in solchen Momenten die Steinchen, die herbeigeeilten Streckenposten gehen in Deckung und die Hinterräder drehen wie wild durch. Bei Hamilton gab es nichts davon, gar nichts. Keine fliegenden Kieselsteinchen, keine durchdrehenden Räder.

Auch kaputte Reifen drehen normalerweise durch. - Foto: Sutton

Möglicherweise ist der Leerlauf reingesprungen und der Motor hat zu langsam reagiert, aber eines ist sicher: es sah ganz komisch aus. Denn auch kaputte Reifen drehen durch. Vielleicht erfahren wir ja nach dem letzten Rennen von Fernando Alonso, was schief gegangen ist...

Der Titelkampf ist seit Shanghai wieder offener. Mein Tipp ist und bleibt aber Lewis Hamilton. Allerdings hat die Formel 1 schon viel gesehen. In China schien schon festzustehen, dass Hamilton das Rennen und den Titel gewinnen würde, mancher sah wohl schon seinen Wettgewinn vor sich. Aber es kann eben viel passieren, McLaren hatte seine einzigen beiden Ausfälle bei den letzten beiden Rennen in Japan und China.

Kimi Räikkönen muss auf ein kleines Wunder hoffen. Mit 5 Siegen hat er bislang die meisten Rennen gewonnen. Wenn er nach seinem Auftaktsieg etwas besser abgeschnitten hätte oder weniger technische Probleme gehabt hätte, stünden seinen Chancen viel besser. Jetzt muss er auf ein Problem von Hamilton hoffen - bei einem Ferrari-Doppelsieg. Das ist aber eher unwahrscheinlich. Andererseits regnet es in Sao Paulo gerne einmal, generell ist dort in den letzten Jahren immer viel passiert. Und bei den Regenrennen am Nürburgring, in Fuji und in Shanghai kam jedes Mal nur ein McLaren in die Punkte.

Alex Wurz wird der Formel 1-Welt fehlen. - Foto: Sutton

Der Regen war es auch, der die Rennen in Japan und China spannend machte; wobei wir in Fuji fast schon genug Regen für eine ganze Saison hatten. Das hätte schlimm enden können, allerdings verstehe ich auch die Verantwortlichen, die das Rennen unbedingt abhalten wollten - es war eine schwierige Situation. Die 19 Runden hinter dem Safety Car haben geholfen, es gab, abgesehen von Alonso, keine Abflüge - am Nürburgring segelten die Autos noch im Sekundentakt von der Strecke. Man hat die Lektion also gelernt.

Gerne im Regen gefahren ist Alex Wurz. Leider war der China GP überraschend sein letztes F1-Rennen. Irgendwie hätte er einen schöneren Abgang verdient gehabt, als eine Rücktrittsankündigung am Tag nach seinem letzten Grand Prix. Aber wenn er will, wird er garantiert in einer anderen Rennserie unterkommen. Er deutete ja schon an, dass er gerne Le Mans oder etwas anderes fahren würde. Mit seiner Erfahrung und seinem Wissen wird er überall mit offenen Armen aufgenommen werden.

Der Formel 1 wird Alex Wurz fehlen. Alex war noch ein Typ, ein echter Charakterkopf, wie es nur noch wenige gibt. Er vertat seine Meinung, auch gegen den Strom, war ein interessanter Farbklecks im Fahrerlager. Wir werden ihn vermissen. In seiner letzten Saison hatte er es schwer. Bei Chaosrennen wie in Kanada konnte er seine Erfahrung ausspielen, aber ansonsten war Nico Rosberg eine harte Nuss, die er nur ganz selten knackte. Nico war konstant besser und machte kaum Fehler, was Alex selbst zugegeben hat. Eines Tages wird Nico mit dem richtigen Material um die Weltmeisterschaft fahren, vielleicht schon früher als alle denken.

Euer Sven Heidfeld


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