Malaysia, Bahrain, China und selbst der neue Hockenheimring sind Strecken aus der Feder ein und desselben Architekten. Mancher sprach in den letzten Jahren sogar davon, dass die Kurse von Hermann Tilke sich zu ähnlich sähen und sogar langweilig wären.

Nach dem Debüt des neuesten Werkes des Aacheners gaben aber auch die letzten Zweifler euphorisch zu: Wir wollen mehr davon! So fad die braune Einheitsumgebung des Istanbul Speed Park auch wirkte, der Kurs selbst hatte es bei seiner Premiere mehr als nur in sich!

Denn egal ob man Tilke in den letzten Jahren Einfallslosigkeit beim Streckendesign vorwerfen wollte oder nicht, alle seine Kurse sorgten bisher bei jeder Ausgabe auf's Neue für packende Rennen. Der erste Grand Prix in der Türkei sollte da keine Ausnahme darstellen.

Knabberknabberknäuschen

Der Ice Man knabberte am spanischen Vorsprung., Foto: Sutton
Der Ice Man knabberte am spanischen Vorsprung., Foto: Sutton

Gleich am Start gab es überall im Feld jede Menge Action. Vorne zog Giancarlo Fisichella an Pole-Mann Kimi Räikkönen vorbei, derweil klopfte Fernando Alonso kurz bei seinem finnischen Titelrivalen Kimi Räikkönen an. Weiter hinten musste Felipe Massa dem Williams von Nick Heidfeld ausweichen. Dabei zerschlug er sich den Frontflügel, was auch Ralf Schumacher nach hinten warf. Für Michael Schumacher ging es hingegen von Rang 19 bis auf Platz elf nach vorne.

Im Laufe des Rennens bestand der Istanbul Speed Park seine Feuertaufe bravourös: Es gab Überholmanöver en masse. Die Überholkönige waren Jenson Button und Mark Webber. Während Webber sich beide Red Bull schnappte, überholte Button nicht nur die beiden Bullenreiter, sondern auch die zwei Ferrari und Fernando Alonso! Zwei ganz andere Manöver gab es hingegen in der ersten Runde: Nach einem Fehler von Fisichella ging Räikkönen wieder in Führung. In Folge dessen ließ das Team Alonso ebenfalls an Fisichella vorbei, wonach sich der Spanier auf die Jagd nach dem Finnen machte.

Am Ende sollte der Ice Man trotz seines Sieges nur zwei Pünktchen vom 26-Punkte-Vorsprung seines Titelrivalen abknabbern. Vor den letzten fünf Saisonläufen lag er damit immer noch 24 Zähler hinter dem Spanier. "Der Vorfall mit Juan Pablo hat einen sicheren Doppelsieg verhindert", trauerte der Ice Man einem doppelten Triumph seines Teams nach. "Am Ende der Saison können diese zwei verlorenen Punkte entscheidend sein."

Murmeltiertag

Juan Pablo verschenkte einen Doppelsieg., Foto: Sutton
Juan Pablo verschenkte einen Doppelsieg., Foto: Sutton

Aber was war mit Juan Pablo Montoya passiert? Der Kolumbianer wurde bei einer Überrundung von Tiago Monteiro "abgeschossen", wodurch ihm Alonso in den Schlussrunden regelrecht im Getriebe des MP4-20 hing. Anderthalb Runden vor Rennende war es dann soweit: Montoya ritt mit dem Silberpfeil neben die Strecke aus und schenkte Alonso zwei Zähler auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel.

"Er machte genau das, was Verstappen vor ein paar Jahren mit mir gemacht hat", klagte Montoya, der sich an den Brasilien GP des Jahres 2001 erinnert fühlte. Damals krachte ihm bei einer Überrundung der Arrows von Jos Verstappen ins Heck. "Ich hatte ihn gerade überrundet als seine Räder wohl beim Bremsen blockierten und er mir ins Heck rauschte."

Ron Dennis kochte deshalb vor Wut. "Jemand der bereits überrundet wurde, sollte genügend Raum lassen", schnaubte der McLaren-Teamboss, dem Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug zustimmte: "Die zu Überrundenden müssen da schon ein bisschen mitspielen. Da kann man ein bisschen weiter rechts fahren, das Team kann mitspielen."

Die Version von Tiago Monteiro differierte allerdings stark von der silbernen Variante. Und sie schiebt die Schuld ganz klar in Richtung des heißblütigen Südamerikaners ab: "Montoya überholte mich und schloss in der Bremszone die Tür", beschwerte sich der Jordan-Pilot. "Ich bremste früh und auch er bremste sehr früh und hart. Ich verlor dadurch die Sicht und meinen Downforce. Meine Räder blockierten und ich konnte ihm nicht mehr ausweichen."

Tiago war von JPM nicht gerade begeistert..., Foto: Sutton
Tiago war von JPM nicht gerade begeistert..., Foto: Sutton

"Es war einfach dumm. Er ist bei den Fahrer-Briefings der Erste, der sagt dass man in der Bremszone aus Sicherheitsgründen nicht die Position verändert. Also sollte er doch am besten wissen wie man es verhindert. Ich weiß nicht was er sich dabei gedacht hat. Vielleicht dachte er ich sei weiter weg."

Den Vergleich mit dem Verstappen-Zwischenfall konnte der Portugiese nicht ziehen, da er sich nicht an die Kollision vor mittlerweile fünf Jahren erinnerte. "Aber wenn es genauso war, dann sollte er ja wissen, dass man beim Überrunden nicht direkt vor jemandem einschert, da dieser dann seinen Abtrieb verliert. Ich bremste und nichts passierte."

Rot in Not

Bei Michael Schumacher und Mark Webber passierte hingegen schon etwas: Die beiden kollidierten und mussten in der Folge Notstopps einlegen. Während für Webber das Rennen damit beendet war, kam Michael Schumacher mit 19 Runden Rückstand noch einmal zurück, um sich eine bessere Startposition für das Einrunden-Qualifying von Monza zu sichern. Nachdem er die drei Ausfälle in der Ergebnisliste überholt hatte, stellte aber auch er seinen angeschlagenen F2005 in der Ferrari-Box ab.

"Ich sah Webber kommen und er wechselte auf die rechte Seite", beschrieb Michael Schumacher den Hergang des gescheiterten Überholmanövers. "Als ich bremste konnte ich ihn nicht mehr sehen. Als ich dann mitten in der Kurve war, fühlte ich einen Schlag, als er mich mit seiner Nase anschob. Er war eine Runde zurück. Deswegen verstehe ich nicht, warum er dieses Manöver versucht hat."

Das wars für Michael und Mark., Foto: Sutton
Das wars für Michael und Mark., Foto: Sutton

Diese Erklärung lieferte der Australier: "Nach dem Stopp hatte ich eine Runde Rückstand auf Michael Schumacher, war aber viel schneller als er. Die Ferrari waren sogar sehr, sehr langsam und Michael war auch unglaublich langsam", begann er seine Erzählung. "Ich fand es seltsam, dass er sich in der Bremszone hin- und herbewegt hat, weil alle Fahrer übereingekommen waren, genau das nicht zu tun. Michael wollte dies offenbar trotzdem tun, von daher zeigte ich nicht allzu viel Respekt, als ich um diese Kurve fuhr."

Das endete in einem Dreher des Deutschen und in einem abgerissenen Frontflügel am FW27 des Australiers. Am Ende sah Webber die Schuld zwar 50:50 verteilt, aber den auslösenden Faktor sah er dennoch bei Schumacher. "Manchmal gibt er einfach nicht nach, selbst wenn er in Problemen ist. Aber wahrscheinlich ist er deshalb ein echter Champion." Pedro de la Rosa und Nick Heidfeld können seit Ungarn ein Liedchen davon singen...

Die Streckengeschichte

Nach Malaysia, Bahrain und China ist der neue Kurs in der Türkei die vierte komplett neue Strecke aus der Feder von Hermann Tilke. Nach dem Start des Projekts am 10. September 2003 stampfte das Team des Aachener Paradestreckenarchitekten den neuesten GP-Kurs der Königsklasse aus dem türkischen Boden, wofür man - ähnlich wie in Bahrain - ganze drei Millionen Kubikmeter Felsen wegsprengen musste.

Mit dem erstmals ausgetragenen Grand Prix der Türkei setzt die Formel 1 ihren Expansionskurs in neue und zukunftsträchtige Märkte fort und macht den Bosporus zum 24. Austragungsland für einen F1-WM-Lauf. Die seit 2003 als Rallye-WM-Lauf ausgetragene Rallye Türkei war bisher das einzige motorsportliche Großereignis des Landes.