Dass Kimi Antonelli der Formel-1-Weltmeister 2026 wird, scheint unausweichlich. Der Mercedes-Youngster muss beim Großen Preis von Mexiko-Stadt lediglich zwei Punkte holen, dann hat er den Titel eingetütet. Dass er den Mediendonnerstag wegen einer Viruserkrankung aussetzt, stört die Partylaune nicht. Selbst wenn Antonelli nicht am Rennen teilnimmt, gewinnt er die WM, sollte keiner seiner zwei Rivalen gewinnen.
George Russell hat seinen Traum vom diesjährigen WM-Titel daher bereits aufgegeben. Er will in den letzten fünf Rennen einfach nur wieder konstant gute Leistungen zeigen. "Ich hatte in meiner Karriere noch keine Saison, in der meine Performance so fluktuiert ist", räumt er am Donnerstag ein.
"Mein Hauptproblem ist, eine hohe Trefferquote zu haben, wann ich das Maximum aus dem Auto rausholen kann. Am Ende meiner früheren Saisonen hatte ich vielleicht vier oder fünf Rennen, bei denen ich das Gefühl hatte, meine Performance nicht maximiert zu haben", erklärt der Mercedes-Pilot. Zudem war es der Brite gewohnt, seine Teamkollegen zu dominieren. In seiner achtjährigen Formel-1-Karriere unterlag er im internen Duell nur zweimal. 2026 ergibt sich ein ganz anderes Bild.
Ein Rückblick auf die Zeit seit Baku verdeutlicht, wie sehr es in Russells Saison auf und ab ging: Vor vier Rennwochenenden holte Russell die Pole Position mit einem beeindruckenden Vorsprung von acht Zehntelsekunden und seinen ersten Grand Slam. Dann folgte ein Ausfall auf Podiumskurs in Sepang, ein neunter Platz nach einer Motorstrafe in Singapur und Platz acht in Austin, allein aufgrund mangelnder Pace.
Neben Fahrstil auch Reifendruck: Diese Probleme stellen Russell ein Bein
"Wenn du solche Performances [wie in Baku, Anm. d. Red.] lieferst, dann ist es gar nicht möglich, dass du dein Können verloren hast. Ich habe es noch immer in mir", bekräftigt Russell mit Blick auf die Bestleistung. Er müsste es lediglich schaffen, diese Leistung an jedem Rennwochenende abzurufen. Der Mercedes-Pilot weiß nur nicht, wie.
Auf der Suche nach Antworten hat Russell auch einen Blick in die Formel-1-Geschichte geworfen: "Ich habe mir Fahrer aus der Vergangenheit angesehen, die ebenfalls keine konkurrenzfähigen Saisonen hatten. Aber für die war das gesamte Jahr nicht gut, nicht nur einzelne Rennen." Mercedes gehörte jedoch stets zu den Top-Teams und hat 2026 eine 100-prozentige Podiumsrate. In allen bisherigen 18 GPs war mindestens ein Silberpfeil unter den Top 3. "Wir müssen verstehen, warum die guten Rennen gut waren und die schlechten Rennen schlecht", steckt Russell das Ziel ab.
Zwei Gründe für sein Tief kennt der Brite bereits: Zu seinem persönlichen Fahrstil, den er schon in Austin als einen der größten Stolpersteine beschrieb, kommt in Mexiko auch der Reifendruck hinzu. Pirelli hat im Zuge des neuen Reglements die vorgeschriebenen Reifendrücke erhöht, insbesondere an der Hinterachse, was das Kurvenverhalten beeinflusst.
"Das hindert mich daran, am Ausgang richtig zu pushen", beschwert sich Russell, der einen geschmeidigen Kurveneingang bevorzugt. "Die Hinterreifen halten das dann nicht mehr aus, womit auch eine Einschränkung auf der Power-Unit-Seite einhergeht." Zusätzlich zu den Motoren, die ein frühes Bremsen bestrafen, wird Russells natürlicher Fahrstil so zum Problem. Antonellis Fahrstil – aggressiver Kurveneingang, spätes Bremsen und wieder aufs Gas gehen – passt hingegen perfekt zur neuen Autogeneration.
Beispiel Lewis Hamilton: Russell trotzt Formel-1-Tief
"Ich habe in diesem Jahr mehr über mich gelernt, als mir lieb ist, um ehrlich zu sein", gibt Russell über seine mentale Entwicklung zu. Trotz der schweren Saison hat er den Glauben an sich selbst und an sein Können nicht verloren. "Das ist jetzt das erste Jahr, in dem ich wirklich Probleme habe. Kein Athlet, egal wie großartig er ist, kann jedes Jahr seiner Karriere auf dem höchsten Level performen. Für mich ist dieses Jahr zur falschen Zeit gekommen, aber das ist auf keinen Fall das Ende meiner Reise. Ich habe immer noch 12 oder 15 gute Jahre in mir."
Schließlich ist Russell erst 28 Jahre alt, wie er sich selbst immer wieder ins Bewusstsein rufen muss. Im Vergleich zu Weltmeistern wie Lewis Hamilton (41) und Fernando Alonso (44) befindet er sich damit noch in der ersten Hälfte seiner Karriere. Hamilton gewann fünf seiner sieben Titel ohnehin erst in seinen 30ern, wie Russell betont: "Dieses Jahr wird nicht meine ganze Karriere definieren. Es wird mich nicht brechen. Wenn überhaupt, wird es mich nur stärker machen."
Zusammen mit seinen Sportpsychologen hat er sich eine spezielle Mentalität erarbeitet, um aus dem schwierigen Jahr produktive Erkenntnisse zu gewinnen. "Wir sind keine Boxer, die in einem Ring direkt gegeneinander antreten", erklärt Russell seinen Ansatz. "Wir sind eher wie Golfern, wir treten gegen uns selbst an. Auf einer Qualifying-Runde bist du allein und die Vorbereitungsarbeit, die du gemacht hast, macht den Unterschied."
Deshalb orientiere sich der WM-Zweite nicht an seinem größten Rivalen, sondern an sich selbst. "Was muss ich machen, um diese schlechten Leistungen zu vermeiden? Welche Gefühle hatte ich in Bezug auf mich selbst und im Auto während großartiger Performances? Wie kann ich das wiederholen?", zählt Russell die für ihn entscheidenden Fragen auf.
Beste Rennen folgten auf Tiefpunkte: Russell erkennt Performance-Trend
Auch wenn seine Leistung auf der Strecke zu wünschen übrigließ, klopft sich Russell für seine mentale Performance selbst auf die Schulter: "Ich bin wirklich stolz auf meine Widerstandskraft und wie ich von schweren Momenten wieder zurückgefunden habe. Nach meinen größten Rückschlägen zeigte ich stets besonders starke Leistungen. Es ist nur leider so, dass ich nach dem guten Rennen wieder ein schlechtes hatte."
Bei diesem Gedanken fällt ihm etwas auf: "Tatsächlich habe ich immer am besten performt, nachdem ich die schlechtesten Rennen hatte. Vielleicht ist das nur ein Zufall, vielleicht steckt auch mehr dahinter. Das müssen wir analysieren." Ganz der Wahrheit entspricht das nicht: Nach seinem Ausfall auf Siegeskurs in Kanada schaffte er es in Monaco wegen mehrerer Strafen nicht in die Punkteränge. Erst danach folgten zwei Podien und ein Sieg in Österreich. Nachdem er von Hamilton in Belgien in Runde eins rausgekickt wurde, war in Ungarn nicht mehr als Platz sieben drin. Daraufhin folgte jedoch ein Sprint-Sieg in Zandvoort und zwei Top-3-Ergebnisse.
Für 2026 wünscht sich Russell nur noch, das Jahr positiv zu beenden. Seine endgültige WM-Platzierung spielt für ihn dabei keine Rolle: "Ob ich Zweiter, Dritter, Vierter oder Fünfter werde – ich werde deswegen keinen Schlaf verlieren. Es gibt für alle nur eine Position, die etwas wert ist, und das ist Platz eins. Solange du nicht Erster bist, bedeutet das in diesem Sport nichts." Ob Russell dieses Ziel 2027 erreichen kann, bleibt bei seiner Problemliste jedoch fraglich. Schließlich verändern sich weder die Motoren noch die Reifendrücke ausreichend, um seinem Fahrstil entgegenzukommen. Den Kampf um WM-Platz zwei haben wir in diesem Artikel analysiert:



diese Formel 1 Nachricht