Die Kritik von Lando Norris an Franco Colapinto nach dessen Formel-1-Crash in Baku schlug in den vergangenen Tagen fast noch höhere Wellen als der Unfall selbst. Der Weltmeister verurteilte den Alpine-Fahrer am letzten Sonntag scharf und geriet dadurch ins Fadenkreuz der argentinischen Formel-1-Fans auf Social Media. Vor dem Hintergrund des massiven Shitstorms ruderte Norris sogleich zurück, doch der Online-Hass auf die Fahrer wurde dadurch einmal mehr zum Thema.
"Wir sprechen mittlerweile fast jedes Wochenende über so etwas. Das geht jetzt schon eine lange Zeit so, manchmal ist es schlimmer. Als Fahrer haben wir die Verantwortung, dass es besser wird. Wir arbeiten alle zusammen und versuchen, die Situation zu verbessern. Aber es ist schwierig. Es kommt von jeder Fan-Base eines jeden Fahrers und bei manchen ist es heftiger, weil sie noch leidenschaftlicher als andere sind. Aber es ist schwer zu kontrollieren", so Colapinto mit Blick auf die immer zügelloseren Anfeindungen auf Social Media.
Lando Norris verurteilt Reaktionen der Formel-1-Fans auf Social Media
Nachdem er in Baku mit einem Fahrfehler sowohl Teamkollegen Pierre Gasly als auch McLaren-Fahrer Lando Norris aus dem Rennen genommen hatte, ließ sich Letzterer nach dem Rennen zu äußerst scharfen Aussagen hinreißen. Er sprach dem Argentinier praktisch die Formel-1-Tauglichkeit ab und forderte eine Rennsperre. Etwas, das der Brite aber nicht nur wegen der dadurch hervorgerufenen Reaktionen schnell bereute. "Wie ich mich da verhalten habe, das habe ich nicht so gemeint", sagt er im Vorfeld des 16. Saisonrennens im malaysischen Sepang.
"Ich habe Dinge gesagt, die ich nie hätte sagen sollen. Ich verstehe, warum manche Menschen darüber verärgert waren, das ist verständlich", erklärt Norris weiter. Die Auswüchse der Wut argentinischer Fans überspannten den Bogen seiner Ansicht nach aber einmal mehr komplett: "Online-Hass mit Todesdrohungen und all diesen Dingen geht zu weit, als dass man noch von Fans des Sports oder eines Fahrers, Sportlers oder einer Person sprechen könnte."
Franco Colapinto verteidigt argentinische Formel-1-Fans
Bereits nach dem Rennen in China hatte es Todesdrohungen argentinischer Fans gegen Esteban Ocon gegeben. Dass seinen Landsleuten unter den Formel-1-Fans ein derart schlechter Ruf vorauseilt, schmerzt Colapinto. "Es sind ja nicht nur sie, die so etwas machen. Aber sie sind eben sehr leidenschaftlich und unterstützen mich sehr. Doch es kommt in der ganzen Welt vor und auch bei vielen anderen Fan-Bases. Ich weiß nicht, ob die Leute das nicht sehen, aber ich selbst bekomme auch viel [Hass], aber darüber redet nie jemand. Nur ich komme damit klar, denn ich verbringe nicht viel Zeit auf Social Media. Aber ich weiß, dass es manche Menschen sehr trifft", sagt er.
Colapinto wünscht sich mehr Rücksicht von Formel-1-Fahrerkollegen
Norris versteht die Leidenschaft der Fans, der Verrohung sollte jedoch dringend Einhalt geboten werden. "Ich denke, dass es eine Linie gibt, aber das ist ja nichts Neues. Es ist etwas, das in jedem Sport seit langer Zeit an der Tagesordnung ist. Das hebt eigentlich nur die Tatsache hervor, dass der Sport auf Social-Media-Plattformen mehr tun muss - die Menschen, die Fahrer, die Sportler - damit so etwas nicht mehr vorkommt. Denn manche Menschen können damit besser umgehen als andere."
"Ihnen [den Fans] ist manchmal nicht klar, was sie damit auslösen können, wenn sie auf ihrer Tastatur etwas schreiben. Wir sind alle sensibel und wir sind alle Menschen, und es ist für uns nicht leicht, wenn wir so etwas ausgesetzt sind", pflichtet ihm Colapinto bei. Aus diesem Grund hätte er sich gerade von Norris mehr Umsicht gewünscht, bevor er in aller Öffentlichkeit auf ihn losgeht.
"Klar, es war im Eifer des Gefechts. Aber er weiß selber, was solche Kommentare hervorrufen können, weil er selbst schon darunter gelitten hat. Er war in den vergangenen Jahren wohl der Fahrer, der sich am stärksten gegen Hass ausgesprochen hat. Deshalb war ich etwas überrascht. Aber er hat sich entschuldigt und leider hat er selbst viel Hass abbekommen", so der 23-Jährige. "Es ist eine schwierige Situation mit der Außenwelt. Wir sollten unter uns [Fahrern] für Sicherheit sorgen, indem wir aufpassen, was wir sagen."
Max Verstappen geht als gutes Beispiel für Formel-1-Fans voran
Colapinto ist vor allem Max Verstappen als gutes Beispiel in Erinnerung geblieben. Der Red Bull-Fahrer wurde 2025 in Österreich von Kimi Antonelli aus dem Rennen genommen. Ausgerechnet beim Red-Bull-Heimspiel kam der Niederländer vor zehntausenden seiner Fans auf den Tribünen nur zwei Kurven weit. Er stellte sich daraufhin schützend vor den damals 18-Jährigen. "Jeder Fahrer hat solch einen Fehler schon einmal gemacht und niemand macht das mit Absicht. Für mich ist das keine große Sache", erklärte Verstappen damals noch während des Rennens an den TV-Mikrofonen.
"Wir könnten heute auch sagen, dass Max deshalb die Weltmeisterschaft verloren hat. Aber Kimi hat sich bei ihm entschuldigt und Max war sehr, sehr kameradschaftlich, und das macht einfach den Unterschied", so Colapinto, der den vierfachen Weltmeister für seinen Umgang mit Fahrerkollegen abseits der Rennstrecke sehr schätzt. "Max zeigt auch, was die Kinder und jungen Rennfahrer angeht, sehr viel Unterstützung, weil er früher selber auch Fehler gemacht hat. Er ist dieser Champion und jemand, zu dem viele junge Fahrer heraufschauen. Er ist für sie in vielerlei Hinsicht ein Held."



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