Mercedes dominiert zum Auftakt der neuen Ära die Formel 1, und hat damit eine riesengroße Zielscheibe auf dem Rücken. Nach China gerät der Frontflügel unter Beschuss. Video-Aufnahmen scheinen einen glasklaren Verstoß gegen das Technische Reglement zu zeigen. Keine Absicht stecke dahinter, schwören FIA und Teams vor dem Japan-GP.

Am Montag nach China war das Thema davor erstmals in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Ein Reddit-Nutzer hatte ein verlangsamtes Video veröffentlicht, in dem eine klare Diskrepanz beim Wechseln des Frontflügels von "Straight Mode" auf "Corner Mode" zu sehen war. Während der Heckflügel sofort nach oben klappte, brauchte der Frontflügel merklich länger, schien es auch schrittweise zu tun - erst halb geschlossen, dann ganz geschlossen.

Mercedes-Frontflügel verstößt in China gegen die Regeln

Das Flach- und Steilstellen des Flügels unterliegt jedoch strengen Vorgaben des Technischen Reglements. Die relevanten Passagen dazu aus Artikel C3.10.10 ("Front Wing Adjuster System"): Es darf nur zwei fixe Positionen geben - eben "Corner Mode" und "Straight Mode". Das Wechseln zwischen den beiden darf maximal 400 Millisekunden dauern.

Das, was bei beiden Mercedes zu sehen war, scheint gegen diese Vorgaben zu verstoßen. Zum einen wechselte der Flügel nicht verlässlich unter 400 Millisekunden. Zum anderen schien er immer wieder in Zwischenpositionen zu verharren. Ein Verstoß gegen das Technische Reglement bedeutet dann in der Formel 1 eigentlich die Disqualifikation.

Es scheint auch nur logisch, das so ein Verhalten des Flügels Vorteile bringt. Wenn der Heckflügel zuerst schließt, stabilisiert das in der Bremszone das Heck. Grundsätzlich schon ein angenehmer Effekt für den Fahrer. Er könnte die Bremse besser managen, das könnte auch der Energie-Rückgewinnung helfen. Oder sogar der Unterboden-Abnutzung, wenn die Vorderachse weniger aggressiv einknickt.

George Russell fährt auf dem Shanghai International Circuit
Der Mercedes mit aktiviertem SM, Foto: IMAGO/Nexpher Images

Mercedes & FIA versichern: Keine Betrugs-Absichten in China

Theorien gab es also zuhauf, und nicht nur Reddit-Nutzer wurden nach China aufmerksam. Wie von Motorsport-Magazin.com bestätigt inquirierte mindestens ein anderes Team im Nachgang bei den Regelhütern der FIA. Allerdings erst nach der Technischen Abnahme. Zu spät also für einen Protest oder eine Disqualifikation.

Die FIA hakte aber natürlich sofort bei Mercedes nach. Laut 'The Race' resultierte das für sie in einer zufriedenstellenden Erklärung, um das Thema nicht weiter zu verfolgen. Mercedes argumentierte demzufolge, man habe sich beim für die Bewegung zuständigen Hydraulik-System mit dem Druck verkalkuliert.

So sei der eingesetzte Druck in China zu schwach gewesen, um beim hohen Tempo am Ende der langen China-Geraden den Flügel dem Reglement entsprechend entgegen dem starken Luftwiderstand wieder in die steile Position zu drücken. Probleme hätten sich schon im Qualifying abgezeichnet. Dort hatte das System bei George Russells Auto sowieso schlappgemacht, was damals auch in einem Frontflügel-Wechsel resultiert hatte.

Mercedes' Lösungsansätze bis zum Rennen waren nicht ausreichend, also war der Effekt am Sonntag an beiden Autos zu sehen. Inzwischen hat man weiter am Hydraulik-System gearbeitet, wodurch es zum einen nicht mehr auftreten sollte, und zum anderen die FIA davon überzeugt ist, dass es keine Absicht war und daher nach keinen weiteren Maßnahmen verlangt.

Ist noch mehr dran am Mercedes-Flügel?

Auch ein Vorteil soll es keiner sein, im Gegenteil, es soll die Bremsphase sogar negativ beeinflussen. Es ist auch anzumerken, dass der Effekt auf den TV-Bildern von China nur am Ende der langen Geraden eindeutig erkennbar ist. Also dort, wo in der F1-Saison 2026 der Luftwiderstand bisher am höchsten war, was die Mercedes-Argumentation zu untermauern scheint. Ein Check der TV-Bilder von Australien lässt keine eindeutigen Schlüsse zu, ob der Flügel sich auch dort falsch verhielt.

Kurioses Detail am Rande: Nach Australien wurde George Russells Mercedes für eine zusätzliche Inspektion aus der Technischen Abnahme gezogen. Hier wählen die FIA-Techniker nach jedem Rennen mindestens ein Auto nach Zufalls-Prinzip und prüfen dann einen spezifischen Bereich noch genauer als sonst. Bei Russell in Australien? Ob der "Front Wing Adjuster" den Artikeln C3.10 und C8 entsprochen hatte. C3.10 ist genau jener Artikel, um den es hier geht. Gefunden wurde nichts.

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An und für sich sollten die Aktionen des Klapp-Systems auch an vom Reglement vorgeschriebenen Positions-Sensoren zu erkennen sein. Diese Sensoren müssen mechanisch verbunden sein und analoge Signale über die Position der Stellvorrichtung liefern - also nicht bloß ein digitales "Offen" und "Zu". Sofern das System richtig kalibriert ist, müsste hier die genaue Position des Flügels zu erkennen sein.

Jedenfalls ist die Konkurrenz in Japan jetzt vorgewarnt. "Wir haben definitiv gesehen, wie sich ihr Straight Mode in China schließt - das war interessant", lässt McLaren-Pilot Oscar Piastri am Donnerstag als Aussage im Raum stehen. Fest steht: Das Reglement ist in den Augen der FIA eindeutig, ohne Grauzonen.