Nicht nur Charles Leclerc verstand nach dem Qualifying in Ungarn die Formel 1-Welt nicht mehr. Ferrari auf der Pole? McLaren geschlagen? Wie? Auch Oscar Piastri und Lando Norris fragten sich, was zum Kuckuck in Q3 passiert ist. "Ich weiß nicht, warum wir so zu kämpfen hatten. Es ist echt komisch", sagte Norris. Beide beschrieben ihren zweiten Run als nahezu fehlerfrei.
"Das Auto war in einigen Kurven außer Kontrolle. Ich war echt überrascht, dass die Zeit so gut war. Ich war überzeugt, dass da noch viel mehr drin steckt. Mein zweiter Run war viel besser, ich hatte das Auto besser unter Kontrolle, aber ich war zu langsam. Das ist echt bizarr und frustrierend", resümierte Oscar Piastri. Am Ende fehlten ihm 26 Tausendstel auf die Pole Position, bei Norris waren es 41 Tausendstel.
Stella: Alle Parameter hatten sich verändert
Während bei seinen beiden Fahrern ein Fragezeichen im Gesicht stand, lieferte McLaren-Teamchef Andrea Stella konkrete Antworten. "In den Mediendaten kann man eine starke Veränderung in puncto Windrichtung, Windstärke, Temperatur, Luftfeuchtigkeit sehen – alle Parameter haben sich verändert", sagte Stella. Tatsächlich sank die Streckentemperatur von Beginn bis zum Ende der Session um 15 Grad.

Datenblatt zur Streckentemperatur im Ungarn-Qualifying
In Q1 fand McLaren mit über 50 Grad Streckentemperatur perfekte Bedingungen vor, in Q2 setzte leichter Regen ein und sorgte mitunter, dass in Q3 die Streckentemperatur in Ungarn nur noch 36 Grad betrug. Der alles entscheidende Faktor war allerdings der Wind bzw. die Windrichtung, die sich in Q3 komplett verändert hatte. Die Auswirkungen auf den MCL39 waren enorm. "Wir waren im Durchschnitt etwa eine halbe Sekunde langsamer", verriet Andrea Stella.

Datenblatt zur Windrichtung im Ungarn-Qualifying
McLaren stellte die veränderten Bedingungen in Simulationen nach. "Wenn man den Wind, dem wir in jeder Kurve ausgesetzt waren, sowohl in Bezug auf die Intensität als auch auf die Richtung simuliert und misst, dann stellt man fest, dass das Auto etwa vier Zehntelsekunden langsamer war", erklärte der McLaren-Teamchef.
McLaren-Teamchef nimmt auch Fahrer in die Pflicht
Sieht man sich die Zeiten etwas genauer an, dann waren es allerdings fünf Zehntel (von 1:14,9 auf 1:15,4), die Piastri und Norris langsamer waren als in ihrem ersten Run in Q1. Hier nimmt Stella seine Fahrer in die Pflicht, denn seiner Meinung nach sind beide zu vorsichtig zu Werke gegangen.
"Lando und Oscar haben nach dem ersten Run gesehen, dass sich die Bedingungen geändert hatten, dass der Grip nicht so war, wie sie erwartet hatten, dass jede Kurve ein bisschen unvorhersehbar war. Deshalb waren sie im zweiten Run etwas vorsichtiger", sagte Stella. Anders als Leclerc hätten Piastri und Norris die WM im Kopf gehabt. "Charles hatte einen anderen Ansatz. Er hat alles gegeben, nach dem Motto: Ich habe nichts zu verlieren und das hat sich ausgezahlt", so Stella.
Tatsächlich hatte Norris in der FIA-Pressekonferenz am Donnerstag zugegeben, seine Herangehensweise zu überdenken. "Ich lege mich früh ins Zeug und versuche 100 Prozent und mehr zu geben. Aber manchmal ist es ausreichend, sich mit einer 95-%-Runde zufrieden zu geben."
Auf dem überholfeindlichen Hungaroring startet McLaren somit hinter Charles Leclerc von Startplatz zwei und drei. "Es wird schwierig, Charles zu überholen", meinte Lando Norris. Allerdings erlaubt der Kurs verschiedene Strategien, dazu kommt der prognostizierte Regen am Sonntagmorgen. Auch für das Rennen liegt die Regenwahrscheinlichkeit zwischen 30 und 50 Prozent. Entsprechend schreibt Stella einen Ungarn-Sieg noch nicht ab. "Ferrari scheint konkurrenzfähig zu sein und ist definitiv im Spiel. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir das Tempo haben, um um den Sieg zu kämpfen", betonte Stella.



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