McLaren scheint sich vom Kanada-Schock gut erholt zu haben. Beim Formel-1-Training in Österreich gaben die Papayas wieder den Ton an und zeigten der Konkurrenz, wo der Hammer hängt. Drei Zehntelsekunden zwischen Norris und dem ersten Nicht-McLaren in Form von Max Verstappen auf P3 klingt nicht nach viel Zeit, ist aber auf dem so kurzen Red Bull Ring, auf dem die Rundenzeiten nur wenige Zeigerschläge über eine Minute hinausgehen, eine Menge Holz.

Müssen wir uns also nach dem Ausreißer in Montreal hier wieder auf eine einsame McLaren-Triumphfahrt gefasst machen? Nicht so hurtig. Denn Red-Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko sieht die Differenz zwischen seinem Nummer-1-Fahrer und den zwei WM-Führenden nicht ganz so dramatisch, wie es das Zeitenklassement darstellt.

Red Bull glaubt an Chance: Echter Abstand geringer als in FP2?

"So weit ist er [Verstappen] nicht weg", ist sich der Österreicher sicher und: "Ich glaube nicht, dass es drei Zehntel sind." Marko ist davon überzeugt, dass es einen Sprit-Unterschied zwischen den RB21 des Formel-1-Weltmeisters und den beiden MCL39 gab. "Ich glaube, dass wir sprit-korrigiert bei ungefähr eineinhalb Zehntel liegen", kalkulierte er.

Die Probleme von Red Bull lagen vielmehr im Setup-Kompromiss, den der 4,326-Kilometer lange Kurs in der Steiermark abverlangt. Normalerweise bauen die Bullen tendenziell vor allem auf die schnellen Kurven, wohingegen die langsamen Ecken ihre Schwachstellen sind. In Spielberg legte man dabei Hand an. Etwas zu viel, wie es scheint. Denn durch den Fokus auf langsame Kurven ging der Highspeed-Trumpf verloren und McLaren machte auf der zweiten Streckenhälfte beständig Zeit gut. Die mittelschnelle Kurve 4 und Kurve 7 machten den größten Unterschied zugunsten von Norris.

In Kurve 7 offenbarte sich die wohl größte Schwachstelle von Verstappen. Obwohl er durch die gesamte Kurve hindurch Zeit verliert, war Verstappen am Ausgang zwölf Km/h langsamer als Norris und lag auch deutlich hinter Piastri und Leclerc.

Verstappen beklagte, dass ihm Untersteuern zu schaffen gemacht habe, zog allerdings ein positives Fazit über den Trainingstag: "Es war ein ziemlich unkomplizierter Tag, wir hatten keine Probleme." Seine Kritik: "Uns fehlte es nur ein bisschen an der Pace und wir hatten etwas Untersteuern im Auto, sowohl im Shortrun als auch im Longrun. Das ist etwas, das wir loswerden müssen."

Lando Norris in der Favoritenrolle? WM-Zweiter bremst

Lando Norris warnt davor, McLaren vorzeitig zum Favoriten zu erklären: "Es ist nicht so einfach, wie es heute vielleicht ausgesehen hatte." Er stimmte Marko insofern zu, dass bei der unmittelbaren Konkurrenz noch mehr im Köcher sei als bei McLaren. "Wie immer sind wir in FP2 ein bisschen schneller. Wir haben schon etwas mehr Pace gezeigt als die anderen. Ich gehe davon aus, dass die anderen aufholen werden." Dabei hat er vor allem Verstappen im Blick: "Max ist nicht weit hinten und sie verbessern sich normalerweise viel auf den Samstag."

Nachdem über das gesamte Wochenende betrachtet bereits in Kanada Norris die bessere Pace unter den beiden McLaren-Fahrern gezeigt hatte, war er auch in Spielberg am Freitag vorne. Immerhin 0,157 Sekunden. Besorgt zeigte sich Oscar Piastri deshalb nicht. Die McLarens unterschieden sich leicht in der Ausführung, allerdings sei das nicht performance-relevant. Piastri erklärte: "Es sind einige andere Teile, aber ich nutze jene Teile aus Kanada nicht, die kein Upgrade waren, sondern nur anders sind. Alle Teile, von denen wir denken, dass sie das Auto schneller gemacht haben, befinden sich auf beiden Autos."

McLaren auch im Longrun vorne - und es wird noch heißer

Die Longruns von McLaren könnten die Hoffnungen der Konkurrenz schon im Keim ersticken, denn Norris und Piastri gaben auf den Medium- und Hard-Reifen die beste Figur ab. Nicht nur fuhren sie im Durchschnitt die schnellsten Zeiten, sondern sie zeigten auch keine Performance-Einbußen im Dauerlauf. Damit stand McLaren zwar nicht vollkommen alleine da, aber bei Mercedes oder bei Charles Leclerc zeigte sich gegen Ende von vergleichbaren Medium-Longruns dann doch eine nachlassende Pace ab, bei McLaren nicht.

Allgemein hielten die Pneus sehr lange gut durch, sogar die Softs. Das ist aber nur eine Tagesaufnahme, die kaum bis zum Rennen halten wird. Denn Samstag und vor allem Sonntag werden deutlich wärmer. Anstelle von 35 bis 38 Grad Celsius, die während dem zweiten Training auf dem Asphalt gemessen wurden, werden am Sonntag Streckentemperaturen von 45 bis zu 50 Grad erwartet. Das treibt das Geschehen in Richtung einer 2-Stopp-Strategie mit Medium und Hard und möglicherweise auch in Richtung McLaren. Die Papayas brillieren regelmäßig in der Disziplin, bei hohen Temperaturen ihre Reifen im Fenster zu halten.

Red Bull versteckt Longrun-Pace: Max Verstappen spart Reifen

Die Longruns von Verstappen lassen sich nur schwer einordnen und erst recht nicht mit jenen von McLaren vergleichen. Red Bull verzichtete nämlich darauf, am Freitagnachmittag den Medium oder Hard aufzuziehen und schickte den Formel-1-Weltmeister stattdessen zweimal kurz mit jeweils gebrauchten Softs raus. Das liegt an den schon genannten Temperaturunterschieden. Am frühen Samstagnachmittag in FP3 werden repräsentativere Temperaturen erwartet, um Rückschlüsse auf das Rennen ziehen zu können. Mit Hards und Mediums muss man aufgrund der erwarteten 2-Stopp-Strategie haushalten.

In der Longrun-Tabelle siedelt sich Verstappen auch unter den Soft-Leuten nur im Mittelfeld an, allerdings ging sein Run (und auch beispielswiese jener von Hamilton oder Russell) nicht so lange, um viel Erfahrungswerte daraus abzulesen. Vor dem Ende der Session klagte Verstappen dennoch kurz über den nachlassenden Grip. Aber wie gesagt: Die weichen Reifen werden wohl nur über eine Runde Nutzung finden und nicht im Rennen.

Am Trainings-Freitag in Österreich gab es wichtige Breaking News aus Deutschland. Oder besser gesagt aus dem deutschen Fernsehmarkt - und diese entfachten neue Hoffnungen, dass es die Formel 1 in Zukunft wieder im Free-TV geben könnte. Mehr dazu im Video:

TV-Bombe: RTL kauft Sky! Kehrt die F1 zurück ins Free-TV? (09:52 Min.)