Ein Top-Team wie McLaren Mercedes steht immer im Rampenlicht. Aber in den vergangenen Wochen und insbesondere in den letzten Tagen vor Weihnachten, beherrschten die Silbernen beinahe alle Schlagzeilen.
Bereits vor einiger Zeit sorgte der Abgang von Adrian Newey zu Red Bull Racing für Aufsehen in der F1-Welt. Kurz darauf stand McLaren Mercedes durch der Bekanntgabe des neuen Titelsponsors Vodafone im Mittelpunkt des Interesses. In dieser Woche folgten nun die sensationelle Verpflichtung von Fernando Alonso und der Wechsel von DTM-Champion Gary Paffett in die Königsklasse.
Da ist es kein Wunder, dass Norbert Hag dieser Tage noch mehr zu tun hat, als es der viel beschäftigte Mercedes-Motorsportchef ohnehin schon hat. Für motorsport-magazin.com nahm er sich dennoch die Zeit, um über die vielen silbernen Themen der letzten Tage und Wochen zu sprechen. Dazu gehörte natürlich auch der sportliche Verlauf des Jahres 2005.

Die Saison 2005 gab McLaren Mercedes viel Grund zur Freude: 18 Podestplätze, 12 schnellste Runden, 10 Siege und 7 Pole Positions sprechen eine eindeutige Sprache. In der F1 reichte es dennoch nicht zum Titelgewinn. Überwiegt mit einigen Wochen Abstand zum Saisonende der Ärger über das titellose Abschneiden oder die Vorfreude auf eine noch erfolgreichere Saison 2006?
Norbert Haug: Weder das eine noch das andere. Klar ist, dass unser Team eine erstklassige Saison gefahren hat, und dass es am Schluss nicht zu den WM-Titeln gereicht hat, lag letztlich daran, dass wir in den ersten vier Rennen zu wenig aus unseren Möglichkeiten gemacht haben. Ab Rennen fünf in Barcelona haben wir bei 14 Starts zehnmal gewonnen, kein anderer Fahrer hat mehr Punkte geholt als Kimi Raikkönen und kein Team hat mehr Punkte gemacht als McLaren Mercedes, zwischen 31. Juli und 9. Oktober haben wir sechs Rennen in Folge gewonnen, was einer Mannschaft - wenn überhaupt - nur alle Jubeljahre gelingt.
John Cooper sagte einst: Um zu siegen, benötigt man das beste Chassis, den besten Motor und den besten Fahrer. All das hatte McLaren Mercedes in dieser Saison. Im Jahr 2005 scheinen aber noch ein bisschen mehr Glück und ein stärkerer Saisonstart hinzugehört zu haben...
Norbert Haug: Uns hat nicht das Glück gefehlt, wir hatten vielmehr, wie ausgeführt, vier Rennen lang eher einen stehenden als einen fliegenden Start. Und wir sind dreimal in Führung liegend ausgefallen.
In der DTM stimmte hingegen beinahe alles: Ein toller Saisonbeginn, viele Siege und ein krönender Abschluss. Haben Sie 2005 also alle Ziele erreicht?
Norbert Haug: Wir sind 2005 in drei Kategorien, der Formel 1, der DTM und der Formel 3 Euro-Series mit unseren Teams insgesamt 49 mal gestartet. 36 mal haben wir gewonnen und 13 mal nicht, aber immerhin waren unsere Fahrer dann meist auf dem Podium. Ich glaube wohl, dass so eine exzellente Saison aussieht, ein paar Siege weniger und zwei Titel mehr wären mir lieber gewesen und hätten alles perfekt gemacht. Aber trotzdem: Nur ein Team war in der Punkteabrechnung vor uns, acht dahinter und keines hat soviel gewonnen wie wir.
19 F1-Rennen sorgten bei vielen Weltreisenden des F1-Tross für Unmut. Sie waren auch noch bei 11 DTM-Läufen. Wie kommen Sie mit diesem Reisestress klar?
Norbert Haug: Das geht, mit Disziplin und Ruhe, etwas Ausdauertraining, Schlaf, wann immer es geht, kein Problem.
Sowohl in der F1 als auch in der DTM wird immer wieder über mehr Rennen diskutiert: Wo liegt die Obergrenze des Machbaren für die Teammitglieder und ab wo besteht die Gefahr einer Übersättigung der Fans?
Norbert Haug: 17 Rennen in der Formel 1 sind eine vernünftige Zahl, 19 oder gar 20 sind zuviel, mehr als elf Rennen braucht die DTM nicht.
Die meisten Hersteller haben in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, dass Sie vom Umstieg auf V8-Triebwerke nicht gerade begeistert sind. Wie sehen Sie dies heute?

Norbert Haug: Der V10 hat bei augenblicklicher Einstufung klare Vorteile. Wir konzentrieren uns auf den V8, dies ist der falsche Weg für die Formel 1, davon bin ich überzeugt, aber die Mehrheit der Hersteller wollte diesen, also machen wir mit.
Mit Adrian Newey und Mario Illien verlieren McLaren und Mercedes-Ilmor zwei wichtige "Köpfe" hinter dem so erfolgreichen MP4-20. Auf den ersten Blick ist dies eine klare Schwächung, aber ist es vielleicht auch die Chance eine neue Ära mit den "Köpfen" einer neuen Generation zu beginnen?
Norbert Haug: Wir sind gut aufgestellt, Adrian und Mario haben große Verdienste um unser Team und dessen Erfolge, aber McLaren Mercedes war nie eine Two- oder gar One-Man-Band. Beim Stern ist die Mannschaft der Star.
Sie betonten zuletzt, dass es "frühestens 2007" ein zweites Team mit Mercedes-Motoren und Unterstützung geben könnte. Nehmen wir also rein hypothetisch einmal an, dass Sie schon in diesem Winter in der Haut eines japanischen Kollegen stecken würden und bis März 2006 ein Kundenauto an den Start bringen wollten: Wüssten Sie wie Sie das große Chassis-Problem beheben könnten?
Norbert Haug: Ich denke, es ist richtig, dass ich mich auf meine Themen konzentriere. Die halten mich genügend auf Trab.
Max Mosley könnte sich bis 2008 13 bis 14 F1-Teams vorstellen. Und die Gerüchteküche brodelt diesbezüglich auch auf großer Flamme. In der DTM ist es hingegen still um einen möglichen dritten Hersteller oder mögliche Privatteams geworden. Können Sie den Fans für 2006 oder 2007 Hoffnung auf mehr Hersteller und Teams machen?
Norbert Haug: Ich sehe keine 14 Teams in der Formel 1, nicht in absehbarer Zeit. Die braucht die Formel 1 auch nicht. Zur DTM: Audi und wir sind da, wer neu antreten will soll sich an den DMSB wenden und ist von allen herzlich eingeladen. Dass bisher keiner kam und sogar einer ging, liegt hauptsächlich daran, dass die Trauben in der DTM hoch hängen. Offensichtlich wissen interessierte Hersteller, dass das Siegen in der DTM nicht viel weniger schwer ist als in der Formel 1. Unauffällig verlieren, wie in anderen, wenig beobachteten Rennserien, geht in der DTM nicht. Dafür schauen zu viele zu. Aber zu diesem Thema sollten nicht jene befragt werden die fahren, sondern jene, die nicht fahren.
Wer die F1-Saison mit dem schnellsten Auto und die DTM-Saison mit dem Meistertitel abgeschlossen hat, der gilt automatisch im Jahr darauf als Titelfavorit. Die technische Weiterentwicklung und die Regeländerungen können da aber schnell einen Strich durch die Rechnung machen. Wie gehen Sie mit dem Druck um und bleibt es dennoch das Ziel 2006 in beiden Rennserien die Titel zu gewinnen?
Norbert Haug: Klar ist das unser Ziel, das war es immer. In den acht Jahren seit unserem ersten Titelgewinn wurden wir zweimal Fahrer-Weltmeister und viermal Vizeweltmeister. Michael Schumachers Bilanz bei Ferrari in diesem Zeitraum ist besser, aber eben nur seine. In der DTM hat keine Marke so viel gewonnen wie Mercedes-Benz und schlechter als Vizemeister waren wir seit 1990 nie.
In den letzten Tagen hat McLaren Mercedes schon sehr früh wichtige Weichen für das Jahr 2007 gestellt: Mit dem neuen Titelsponsor Vodafone und dem amtierenden Weltmeister Fernando Alonso machte sich das Team zwei vorzeitige Weihnachtsgeschenke. Ist das ein Vorgeschmack auf die nächsten Jahre, in denen es im gleichen Tempo und genauso erfolgreich weitergehen soll?

Norbert Haug: Wir wollen uns langfristig bestmöglich aufstellen. Mit Vodafone haben wir einen Wunschpartner, der die Formel 1 kennt und mehr als jeder andere aus diesem Engagement macht, mit Fernando Alonso erhalten wir ab 2007 einen Fahrer, der seine Klasse bewiesen hat und sich durch eines besonders empfohlen hat: Er wollte unbedingt zu uns.
Auf den ersten Blick erscheint es kein Nachteil zu sein aus drei Top-Piloten wählen zu dürfen. Aber wie schwierig ist es tatsächlich den Teamkollegen von Fernando Alonso aus gestandenen GP-Siegern wie Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya wählen zu müssen und welche Kriterien werden dabei entscheidend sein?
Norbert Haug: Wir werden sehen, wie sich die Dinge in der nächsten Saison entwickeln. Kimi und Fernando haben 2005 je siebenmal gewonnen, Juan Pablo rangiert mit drei Siegen als nächst erfolgreicher Fahrer hinter beiden. Alle haben ihre Klasse bewiesen, alle drei gehören zu den Top Five im Feld. Kimi hätte bekanntlich schon im Verlauf der Saison bei uns über 2006 hinaus verlängern können, auf Juan Pablo haben wir nach 2006 eine Option.
Mit Gary Paffett wurde der amtierende DTM Meister als Testfahrer für McLaren-Mercedes in der Formel 1 verpflichtet. Welche Erwartungen werden an Gary geknüpft und wer wird die Lücke bei Mercedes-Benz in der DTM 2006 schließen?
Norbert Haug: Gary hat sich in den letzten beiden Jahren enorm entwickelt, kein Fahrer hat in dieser Zeit mehr DTM–Rennen gewonnen als er. Jetzt hat er das Sprungbrett DTM genutzt und wenn er sich so weiterentwickelt, wie wir hoffen, ist er 2007 ein potenzieller Formel 1-Starter und der Beweis dafür, dass unsere Nachwuchsarbeit funktioniert.



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