Silverstone war ein typisches Red-Bull-Rennen bei Mischbedingungen. Die erstklassige Strategie-Abteilung stoppte Max Verstappen stets zur richtigen Zeit auf die richtigen Reifen. Umso bemerkenswerter ist, dass Verstappen das Rennen nur auf dem zweiten Platz hinter Lewis Hamilton beenden konnte. Da überrascht es wenig, dass der Weltmeister keinesfalls in Hochstimmung vor die Mikrofone tritt.

Dass er dank eines späten Manövers gegen Lando Norris seine WM-Führung in der Formel 1 auf 84 Punkte ausgebaut hat, tröstet Verstappen genauso wenig: "Ja, aber wir sind zu langsam. So können wir bis zum Ende nicht die Meisterschaft gewinnen." Vom Start weg sah es in Silverstone schlecht aus für Red Bull.

Nachdem er sich im Qualifying den Unterboden beschädigt hatte, war für das Rennen eigentlich alles an Verstappens RB20 wieder repariert. Dennoch kam er nicht in die Gänge. Beim Start selbst schnappte er sich zwar den dritten Platz von Norris, doch das Tempo der beiden führenden Mercedes konnte er nicht gehen: "Über eine Runde sah es nicht schlecht aus, aber die Rennpace war nicht da. Ich konnte beim Verschleiß mit den anderen nicht mithalten."

Verstappen vom Start weg schlecht: Ein richtig mieser Nachmittag

"Wir hatten, eigentlich unerwartet, sehr starkes Graining", erklärt Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko im ORF-Interview. "Da waren wir phasenweise eine bis eineinhalb Sekunden langsamer." Verstappen riss nicht nur von beiden Mercedes ab. Wie bei so einer Oberflächen-Auflösung der Reifen üblich wurde das Problem von Runde zu Runde schlimmer.

In Runde 15 musste Verstappen Norris ohne Gegenwehr ziehen lassen, in Runde 17 Oscar Piastri. Danach wurde es noch übler, als er mit den angeschlagenen Reifen durch einen kurzen Regenschauer musste, der für einen Wechsel auf Intermediates nicht stark genug war. "Da hatte ich kein Vertrauen mehr, der Grip war ganz weg", bemängelt Verstappen. "Fühlte sich nicht komfortabel an. Also dachte ich, ich bleibe einfach hier und schaue, dass ich durchkomme."

Als er auch noch von Carlos Sainz eingeholt wurde, begann Verstappen überhaupt an einem Top-5-Ergebnis zu zweifeln: "Ich dachte nur: Jesus, das ist ein richtig mieser Nachmittag." Marko hält fest: "Normal ideale Bedingungen für Max, aber da hat er am meisten verloren." Innerhalb von zehn Runden fuhr Norris um ganze zwölf Sekunden davon. Erst dann ging es aufwärts, als der zweite Regenschauer kam. Denn dieser war deutlich stärker als der erste und erforderte einen Wechsel auf Intermediate-Reifen.

Red-Bull-Strategie hievt Verstappen zurück ins Rennen

Verstappen stoppte in Runde 26, war erster Mann an der Box. "Ein sehr guter Call, dann waren wir wieder im Rennen", lobt Marko. "Das hat mich überhaupt im Rennen gehalten, eigentlich", meint Verstappen selbst. Zwei Positionen wurden gewonnen, man war wieder Dritter hinter Norris und Lewis Hamilton. Auf dem Intermediate konnte Verstappen die Lücke auch zumindest halten, wenngleich nicht wirklich verkleinern.

Auch als es aufhörte zu regnen, machte Red Bull wieder alles richtig. Verstappen stoppte in Runde 38, nur drei Fahrer hatten es früher riskiert: "Es war ein bisschen riskant, zu 100 Prozent war ich mir nicht sicher, ob das die richtige Runde war, aber am Ende war sie es."

Viel wichtiger war dabei: 14 Runden vor Schluss zog Red Bull den harten Slick auf. Nicht den weichen, wie viele der Konkurrenten. "Der war nicht gut, nur für vier bis fünf Runden", meint Verstappen und lobt das Team. "Deshalb sind wir Zweite geworden. Es hätte viel schlimmer sein können."

Marko erklärt: "Wir wussten, wir müssen attackieren. Das war von den Zeiten her klar. Auch Piastri ist auf den Medium gegangen, und die zwei waren die zwei Schnellsten im Feld. Zwei Runden mehr, dann hätte es gepasst." In Runde 48 überholte Verstappen den auf Soft strauchelnden Lando Norris und blies zur Jagd auf den Führenden Lewis Hamilton. Der blieb aber unerreichbar.

Schadensbegrenzung in Silverstone: Red Bull braucht Update

"Seine Reifen haben schon leicht angefangen zu grainen, und wir dachten, es geht sich aus, aber da sieht man, welch Meister er ist", zollt Marko Hamilton Respekt. "Der ein Rennen lesen kann und die Reifen genau so fordert, dass sie nicht einbrechen." 1,465 Sekunden fehlten Verstappen am Ende. Eine Runde mehr, und er wäre wohl zumindest in Hamiltons DRS-Fenster gewesen.

Daher sieht Marko das Ergebnis nicht so dramatisch wie Verstappen: "Es war nur der erste Stint." Warum das Graining so schnell anhob, kann er sich aber nicht erklären: "Lässt sich im Nachhinein glaube ich nicht feststellen."

"Wir wissen, wo Aufholbedarf ist. Wir setzen alles auf das Update, das in Budapest kommt", schwört Marko. Verstappen nimmt es nicht ganz so entspannt: "Natürlich bin ich zufrieden, dass ich ein paar Punkte gegen Lando gewonnen habe. Aber wenn es so weitergeht, wird es eine schwere Saison."