Mit der Premiere des Sprintqualifyings schlägt die Formel 1 an diesem Wochenende in Silverstone einen neuen Weg ein. Auch wenn es nur einer von drei Testläufen in der Saison 2021 ist, so hat der Schritt zur Veränderung eine nicht zu übersehende Tragweite. In der über 70-jährigen Geschichte des Sports schienen die Formate für Training, Qualifying und Rennen stets in Stein gemeißelt.

Die Traditionalisten unter den Fans sind angesichts von Experimenten wie dem Sprintrennen über eine Distanz von 100 Kilometern skeptisch. Doch auch das vertraute Grand-Prix-Wochenende änderte im Laufe der Zeit sein Gesicht. Wir werfen einen Blick auf die Evolution des Qualifying, das seit dem ersten Formel-1-Rennen im Jahr 1950 in Silverstone einen der beiden Höhepunkte des Wochenendes bildet.

Pole-Position-Lotterie wird zum Zeitfahren

Die Startaufstellung für das Rennen im Zeitfahren zu ermitteln, ist im Motorsport ein unumstößliches Gesetz. Autos und Fahrer sind auf der fliegenden Runde am absoluten Limit unterwegs. Das Spektakel sorgt für maximale Spannung und ist wahrlich eine Disziplin für sich. Der Druck, die perfekte Runde zu fahren, ist enorm, denn auf der Jagd nach der Pole Position zählt jede Tausendstelsekunde.

In der Formel 1 bestimmt dieses Szenario seit jeher das Grid, doch das war im Grand-Prix-Sport nicht immer so. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts kannte lange kein Qualifikationstraining. Tatsächlich wurden die Startpositionen per Losverfahren bestimmt. Beim Grand Prix von Monaco 1933 wurde erstmals ein Zeitfahren ausgetragen. Der erste Pole-Sitter der GP-Geschichte war der Italiener Achille Varzi.

Die Formel 1 machte sich dieses Format ab 1950 zunutze. Zunächst waren alle in den Trainings erzielten Rundenzeiten für die Startaufstellung gültig. Länge und Anzahl der Sessions variierte und war vom Zeitplan des jeweiligen Organisators eines Grand Prix abhängig. Erst in den 1970er Jahren wurden klare Verhältnisse geschaffen.

Die Pre-Qualifying-Hölle

Bis 1996 gab es zwei Qualifikationstrainings über jeweils 60 Minuten. Die Sessions wurden auf Freitag und Samstag aufgeteilt, sodass es schon am ersten Veranstaltungstag einen Showdown gab. Aufgrund zu hoher Teilnehmerzahlen wurde beim Großbritannien GP 1977 erstmals ein Pre-Qualifying ausgetragen. In dieser Sitzung wurden die Teilnahme am eigentlich Qualifying ausgefochten.

Das Format kam von da an bei entsprechender Platznot auf ausgewählten Rennstrecken zum Einsatz, wie zum Beispiel in Monaco. Ab 1989 platzte die Starterliste einmal mehr aus allen Nähten, sodass das Pre-Qualifying zur Pflicht wurde. 20 Teams und 39 Autos waren gemeldet, doch am Grand Prix durften nur 26 Starter teilnehmen. So wurde am Freitagmorgen zur frühen Stunde eine Vorqualifikation ausgetragen.

Die 13 im Vorjahr am schlechtesten platzierten Autos respektive die jeweiligen Neueinsteiger mussten in dieser Sitzung ran. Für die schnellsten vier winkte die Teilnahme an den beiden Qualifyings am Freitag und am Samstag, für die 30 Autos erlaubt waren. Dort wiederum wartete für die langsamsten vier Fahrer der K.o. Das System wurde bis einschließlich 1992 angewendet.

Für die FIA war das 1993 mit 13 Autos kleinere Feld ein Anlass, etwas Neues zu probieren. Beim Auftakt in Südafrika wurden die Qualifyings von 60 auf 45 Minuten gekürzt. Die Teams beschwerten sich über die dadurch erhöhte Verkehrslage, woraufhin die Regeländerung umgehend rückgängig gemacht wurde. Dafür trat beim darauffolgenden Grand Prix von Brasilien ein Limit von zwölf Runden je Session in Kraft.

So funktioniert das neue Formel 1 Sprint-Qualifying: (17:06 Min.)

Das große Warten

1996 wurde das erste Qualifying gestrichen. Die Zeitenjagd am Freitag war zwar ein Spektakel, hatte aber auch das Potential, den Samstag zu ruinieren. Wenn es im zweiten Qualifying regnete und keine Verbesserungen mehr möglich waren, hatte der zweite Veranstaltungstag im Prinzip nichts zu bieten. Die Formel 1 legte sich deshalb auf ein 60-minütiges Zeittraining am Samstag fest, inklusive des 12-Runden-Limits.

Das Format wurde bis 2002 beibehalten. Dann wurde es den Promotern auch damit zu lästig. Durch das Runden-Limit war auf der Strecke zuweilen lange Zeit tote Hose. Zu Beginn der Session waren nur die Hinterbänkler unterwegs, denn die Top-Teams wollten ihre kostbaren Runden nicht auf einer grünen Strecke verschwenden. Sie warteten die Track-Evolution ab und griffen erst zum Schluss bei optimalen Bedingungen an.

Irrlauf mit Single-Lap-Format

Für 2003 überlegte sich die Formel 1 ein radikal anderes Qualifyingformat. Dafür wurden zwei Sessions als Einzelzeitfahren angesetzt. Im ersten Teil am Freitag starteten die Piloten in der Reihenfolge der Gesamtwertung und waren dabei nur für eine schnelle Runde betankt. Am Samstag wurde in umgekehrter Reihenfolge des Ergebnisses vom ersten Qualifying gefahren, sprich der langsamste Pilot musste zuerst ran. Dabei musste unter Parc-Ferme-Regeln bereits die Benzinladung für den ersten Stint im Rennen an Bord sein.

2004 wurde das System leicht angepasst, in dem beide Qualifyings auf den Samstag gelegt wurden. Die Reihenfolge für die erste Sitzung wurde nicht mehr an der Gesamtwertung, sondern am Ergebnis des vorangegangenen Rennens festgemacht. Doch auch damit war man nicht wirklich zufrieden. Wenn Regen in der Luft lag, wurde im ersten Teil oft nicht schnell gefahren, um absichtlich schlecht abzuschneiden und sich für das gleich darauffolgende zweite Zeittraining einen frühen Einsatz zu sichern.

Im Folgejahr wurde noch einmal angesetzt. Qualifying eins wurde mit wenig Benzin am Samstag ausgetragen, das zweite dafür am Sonntagvormittag. Dazu wurden die beiden Rundenzeiten addiert. Das Konzept kam weder im Fahrerlager noch an den Bildschirmen gut an. Der Samstag hatte ohne Kampf um die Pole Position keinen Höhepunkt mehr. Nach sechs Rennen kam die Rolle rückwärts. Für den Rest des Jahres gab es nur noch ein Einzelzeitfahren am Samstag mit Rennsprit.

Knock-out als der Weisheit letzter Schluss

Für 2006 verabschiedete sich die F1 von diesem Ansatz und führte das Knock-out-Qualifying ein, das in seiner Grundform auch 2021 noch im Einsatz ist. In zwei Segmenten zu 20 und 15 Minuten fliegen die langsamsten Fahrer raus, um die Top-10 für das zehnminütige Q3 zu bestimmen. Wie viele Piloten in den ersten beiden Abschnitten jeweils eliminiert werden, ergibt sich aus der Gesamtanzahl der Teilnehmer.

Bis zur Reife mussten allerdings auch hier einige Unvollkommenheiten ausgemerzt werden. 2006 durften in Q1 und Q2 zum Beispiel keine schnellen Runden beendet werden, wenn die Zeit abgelaufen war. Darüber hinaus mussten die Fahrer im Q3 mit Rennsprit fahren. Ein undurchsichtiger Passus im Reglement, welcher den Fahrern anhand der absolvierten Runden die nachzutankende Spritmenge gestattete, erwies sich als Schuss in den Ofen. Zu Beginn des Q3 wurden nur Runden absolviert, um Benzin zu verschleudern.

Ab 2008 wurde das Nachtanken nach dem Qualifying untersagt, es musste aber weiterhin mit der Ladung für das Rennen gefahren werden. Der durch die Rennstrategie beeinflusste Kampf um die Pole Position war unbefriedigend und hörte bald der Vergangenheit an. 2010 wurde das Nachtanken in der Formel 1 komplett verboten. In Folge dessen wurde auch im Q3 mit wenig Benzin gefahren. Dafür musste zunächst der im Q3 gefahrene Reifen am Start des Rennens benutzt werden. Etwas, das später auf den im Q2 eingesetzten Compound geändert wurde.

Der 90-Sekunden-Flop

Das optimierte K.o.-Format kam gut an, doch 2016 musste wieder einmal etwas Neues her. Die Idee war ein verschärftes Knock-out-Qualifying. Zu Beginn jedes Segments hatten die Fahrer fünf Minuten, um eine Runde zu fahren. Danach flog alle 90 Sekunden der zu diesem Zeitpunkt langsamste Fahrer raus. Auf diese Weise zogen 15 Fahrer ins Q2 ein. Im finalen Q3 waren nur noch acht Piloten am Start. Was ein spannendes Fernduell der zwei letzten verbliebenen Fahrer versprechen sollte, war am Ende ein kompletter Anti-Höhepunkt.

Die gesamte Formel-1-Welt ging nach dem Auftakt in Australien auf die Barrikaden. Initiator Bernie Ecclestone wollte zwar zunächst an der neuen Idee festhalten, doch am Ende musste sich auch der F1-Boss beugen. Nach einem zweiten ernüchternden Anlauf in Bahrain siegte die Vernunft. Die Teams stimmten einstimmig dafür, wieder zum alten Modus zurückzukehren. Diesem blieb der Sport nun ganze fünf Jahre treu, bis mit dem Sprint-Qualifying das nächste gewagte Experiment aus der Taufe gehoben wurde.