Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1 / Historisches

Alex Zanardi - Donuts für einen Sieger

'The Pass' machte ihn unsterblich, doch beim American Memorial nahm das Schicksal seinen Lauf. Tom Distler blickt auf die Karriere von Alex Zanardi
von Tom Distler

Motorsport-Magazin.com - Wir haben in der Vergangenheit so einige Piloten erlebt, die uns mit ihren Leistungen, ihrem Einsatz, ihrer Ausstrahlung, auf und neben der Piste begeistern konnten. In dieser Reihe möchte ich auch Alex Zanardi erwähnen, der mit seiner Herzlichkeit, Begeisterung zum Beruf und sportlichen Leistung vor allem als CART-Fahrer (1996-98) ein wichtiger Botschafter des internationalen Motorsportes wurde.

Alex Zanardi liebt die Natur und ganz besonders seine Heimat. So war es nicht verwunderlich, dass der gebürtige Italiener (23.10.66 in Castelmaggiore / Bologna) in amerikanischen Talkshows die Pasta-Rezepte seiner Mutter und Großmutter durchgab. Auf die Gesellschaft seiner alten Freunde legt er bei Heimatbesuchen ebenfalls sehr viel wert. Tauchen, Skifahren, Fischen und Modellflugzeuge zählten zu seinen Freizeitbeschäftigungen. Alex hat Wohnsitze in Italien, Monaco und Miami. Privat fährt/fuhr er einen BMW M 5, Honda NSX oder Honda CRU, womit wir bei seiner Karriere angelangt wären...

Diese begann 1980 mit mittelmäßigen Go-Karts, die Alex "vergnügungshalber" fuhr. Es folgten 2 italienische Meisterschaften und der Europameisterschaftstitel (5 Siege). Mit "wenig Geld und viel Verlangen" konnte Alex in der italienischen Formel 3 von 1988-90 einen Vizetitel einfahren, stand in Monaco auf Pole und gewann den Eurocup für Formel 3-Fahrzeuge in Le Mans. 1991 dominierte der Italiener (2 Siege) im Barone Rampante Team die Formel 3000-EM. James Hunt und Gerhard Berger wurden große Fans von ihm. Im Laufe der Saison kam ein Formel 1-Angebot von Jordan. Beim GP in Barcelona musste Alex dringend zur Toilette (konnte aber nicht) und vermied es daher, über die Kerbs zu fahren und im Warm up von Suzuka überholte er mit vollem Tank den verdutzten Alain Prost (Ferrari) außen in der Schikane. Was für ein Einstand...

In der F1 kam Alex nicht zurecht - Foto: Sutton

Für 1992 blieb zunächst der Testfahrerjob für Michael Schumacher bei Benetton, ehe in Hockenheim ein kurzes Gastspiel bei Minardi folgte. Zanardi qualifizierte sich 2 Plätze vor Teamkollege Morbidelli und schied nach einer Runde aus. Doch es ging voran. Der Journalist Roberto Boccafogli vermittelte ein Treffen mit Peter Collins von Lotus. Seine Freundin Daniela Manni (heute Zanardi) übersetzte und man einigte sich mit dem Lotus-Direktor auf einen Einjahresvertrag für 1993. Collins: "Den Grund warum wir Alex holten, war die unglaubliche Klarheit im Denken bei technischen Fragen in unserem Gespräch". Ein 6. Platz in Brasilien sollte sein bestes Ergebnis in der Formel 1 bleiben. Nach 11 GPs und einen schwereren Trainingsunfall in Spa ("Ich hätte sterben können") war die Saison beendet. Als Team Lotus Ende der Saison 1994 seinen Rücktritt bekannt gab, stand Zanardi ganz ohne Cockpit da. 1995 bestritt er einige Sportwagenrennen in der britischen BPR-Meisterschaft (GT-Sieg in Silverstone) und Peter Collins vermittelte ihn an den amerikanischen Rennstallbesitzer und Ex-Pilot Chip Ganassi.

Ganassi: "Ich hab diesen Italiener einen Vertrag gegeben, weil er so sympathisch war" und bei der Testfahrt natürlich überzeugte.

Renningenieur Mo Nunn (Ensign-Gründer) zeigte sich nach anfänglicher Skepsis ebenfalls begeistert. Die CART-Serie 1996 war der letzte Strohhalm und brachte den "Stern" Alex Zanardi zum leuchten: "Rookie of the Year" mit 6 Poles, 3 Siegen (Portland, Mid Ohio, Laguna Seca) und Platz 3 in der Meisterschaft. Sein unbändiger Siegeswille machte selbst Unmögliches möglich. Legendär sein Überholmanöver beim Saisonabschluss in Laguna Seca. Wie ein Schatten folgte er den Führenden Brian Herta bis in die letzte Runde. In der Corkscrew (Korkenzieher-Kurve) schoss er innen in den Abgrund, flog über die Kerbs, schnitt den Ausgang, haarscharf an einer Mauer vorbei und kam vor Herta zurück auf die Bahn. Auch in Long Beach 1998 überrumpelte er Herta nochmals. Bereits überrundet und mit verbogenem Auto ging Zanardi nach furioser Aufholjagd als erster durchs Ziel. Zu seinem Markenzeichen nach Siegen wurden die Donuts!

Auf dem EuroSpeedway Lausitz wurde alles anders... - Foto: Sutton

1997 folgten nicht unerwartet 5 Siege (u.a. Road America, Mid Ohio) und die CART-Meisterschaft. In Cleveland wurde er durch 2 Stopp and Go-Strafen auf Rang 22 zurückgeworfen und siegte dennoch. Sein erstes Ovalrennen gewann der "aggressive" Italiener ausgerechnet auf der "Geduldsstrecke" in Michigan beim US 500. Die Ingenieure schwärmten: "Alex versteht mehr über die Technik von Rennautos als Prost und Senna zusammen." Zanardi zeigte sich zufrieden: "Als Sieger schläftst du gut und bleibst ein netter Mensch." 1998 verteidigte der Italiener in überlegener Manier seinen Meistertitel mit 7 Siegen (Long Beach, Detroit, Portland, Cleveland, Toronto, Surfers Paradise,...) und bekam Formel 1-Angebote von Ferrrari, BAR und Williams. Ganassi wollte ihn mit einem "überdimensionalen Scheck" halten, doch eine alte Rechnung mit der Formel 1 war noch offen...

1999 ging der "Hoffnungsträger" von Bernie Ecclestone zu Williams. Viele sprachen von Charme, Charisma und Spass, das mit Alex wieder in die Formel 1 zurückkam. Alex Zanardi wollte Grand Prixs gewinnen, doch "diese Autos" waren viel diffiziler zu fahren wie die CART-Boliden. Linksbremsen, halbautomatisches Getriebe und Rillenreifen machten Alex schwer zu schaffen. Er konnte nur selten glänzen (z.B. in Monza) und die Saison wurde zum Desaster (0 Punkte). So trennte man sich Ende des Jahres wieder. Nach einer Rennpause musste Zanardi, der mit viel Ergeiz in die Formel 1 zurückgekehrt war, wieder von vorne anfangen und entschied sich für ein Comeback 2001 in der CART-Serie. Mo Nunn hatte inzwischen ein eigenes Team gegründet und so lag ein Engagement bei Mo Nunn-Racing nahe. Die Saison begann durchwachsen, das Team war noch nicht allzu konkurrenzfähig und die Donuts drehte inzwischen sein Freund Max Papis. Beim German 500 schien man endlich die richtige Abstimmung gefunden zu haben. Nach dem 22. Startplatz (nach Meisterschaftsstand) war Alex nicht mehr zu halten und fuhr wie in seinen besten Zeiten. Alex lag in Führung und alles war angerichtet für ein gelungenes Comeback...

Nachtrag 2016: Nach seinem schweren Unfall 2001 kehrte Alex Zanardi trotz Amputation beider Beine von 2005-2009 in den Automobilsport (WTTC) zurück und gewann 2012 / 2016 zwei Gold-und eine Silbermedaille mit dem Handbike bei den Paralympics. Der Italiener sagte einmal: "Glücklicherweise versuche ich immer positiv zu denken, Hoffnung und Kraft helfen mir, kritische Momente zu meistern".

von Tom Distler, motorsport-yesterday.de (2001 / Überarbeitung: 2019)

Weitere Inhalte: