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Formel 1 heute vor 85 Jahren: Der erste amerikanische Träumer

Heute vor 85 Jahren wurde der Vater des ersten amerikanischen Formel-1-Autos geboren. Lance Reventlows Traum war vielleicht ein Stück zu groß.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Die Beziehung der Vereinigten Staaten von Amerika mit der Formel 1 ist kompliziert. Immer gegenwärtig aber sind Charaktere, die davon träumen, mit einem zu 100 Prozent amerikanischen Team den Europäern zu zeigen, was Sache ist. Heute vor 85 Jahren wurde der erste dieser Idealisten geboren.

Heute vor 85 Jahren: Lance Reventlow wird reich geboren

Dafür braucht es jedenfalls Geld, das wird das aktuelle US-Team Haas unterstreichen, und das kann auch der allererste der Amerikaner unterstreichen. Am 24. Februar 1936 erblickte Lance Reventlow in London das Licht der Welt. Mit vollem Namen Lance Graf von Haugwitz-Hardenberg-Reventlow - und mit der Aussicht auf ein sagenhaftes Erbe in der Region von 30 Millionen US-Dollar.

Denn Klein Lance war der Sohn von Barbara Hutton, ihrerseits Erbin der amerikanischen Woolworth-Kaufhauskette. Aus Huttons zweiter Ehe, genauer gesagt. Im Alter von zwölf Jahren lernte der Millionenerbe dann durch Huttons vierter Ehe (von sieben!) Igor Troubetzkoy den Motorsport kennen. Troubetzkoy gewann 1948 gemeinsam mit Clemente Biondetti für Ferrari die Targa Florio.

Lance Reventlow begann aber nicht in Europa mit der Karriere, sondern in den USA. Er wuchs in Kalifornien auf, zwischen Hollywood und Hot-Rod-Kultur. Noch in seinen Teenager-Jahren begann Reventlow mit dem Rennsport, Geld hatte er schließlich genug. 21-jährig kaufte er sich einen Maserati für Sportwagen-Rennen und einen Cooper für Formel-2-Rennen, blieb aber in Europa erfolglos. Auf Exkursion suchte er in Europa nach Sportwagen, war aber nicht begeistert von der Auswahl und beschloss: Man könnte doch selbst was bauen.

Das US-Abenteuer des Formel-1-Mistkäfers

Also gründete er mit Reventlow Automobiles Inc. einfach seinen eigenen Hersteller. Geld war schließlich zuhauf vorhanden. Die Rennautos sollten Scarab heißen, nach dem Mistkäfer. Ein Scherz-Name angeblich, passend zu einer Zeit, in der die meisten viel martialischere Tiere für ihre Namensgebung nutzten. Mehrere namhafte US-Ingenieure aus Kalifornien, aber auch aus der Indy-Szene, wurden an Bord gebracht, für 1958 wurde ein Sportwagen mit Chevrolet-V8 designt.

Die Hoffnungen auf ein Antreten in der Sportwagen-WM zerschlugen sich, als die FIA Hubraum-Begrenzungen einführte. Aber in den USA war Scarab erfolgreich, mit Reventlow selbst und besonders mit Chuck Daigh (in der Doppelrolle Fahrer/Chefmechaniker). Highlight: Daigh besiegte auf dem kalifornischen Riverside Raceway den Ferrari des zukünftigen Weltmeisters Phil Hill.

Warum also auch nicht ein F1-Abenteuer starten? Die Arbeit für 1959 begann prompt. Leo Goossen, ein Indy-Motoreningenieur, wurde verpflichtet, und sollte einen 2,5-Liter-Reihenvierzylinder für die aktuellen F1-Regeln bauen. Ein beeindruckendes Projekt, dass nur noch schwieriger wurde, da der Motor auf Reventlows Wunsch nach dem Vorbild der Mercedes von 1955 eine desmodromische Ventilsteuerung besitzen sollte. Auch das von einem Flugzeug-Ingenieur gebaute Chassis war keine leichte Geburt.

Scarab scheitert in der Formel 1 grandios

Wie dem auch sei, 1960 hatte man es geschafft. Der Scarab war fahrbereit. Es gab nur ein Problem. Und das war nicht der schwierige Motor. Eher seine Platzierung. Denn der Scarab war ein Frontmotor-Auto. Als das Team beim zweiten Rennen in Monaco endlich im Paddock ankam, wartete die europäische Konkurrenz von Cooper, BRM, Lotus und Ferrari schon mit Mittelmotor-Autos.

Reventlow im Scarab in Monaco - Foto: LAT Images

Und Monaco ist bekanntlich auch kein gutes Pflaster für unerfahrene Teams und Piloten. Reventlow und Daigh waren in den Trainings mit zu wenig Leistung und schlechtem Handling weit weg. Reventlow schaffte es, Stirling Moss zu ein paar Runden zu überreden - und Moss legte eine 1:45 hin. Die war zwar drei Sekunden schneller als Daighs beste Zeit, aber Moss stellte schließlich seinen Lotus 18 mit 1:36.3 auf die Pole.

Daigh und Reventlow versuchten es in Zandvoort noch einmal, und sie konnten sogar Fortschritte verzeichnen. Sie waren schneller als die Frontmotor-Autos von Aston Martin, aber eine chaotische Zeitnahme wies ihnen schnellere Zeiten zu und führte schließlich zum Streit um die Qualifikation. Reventlow wollte nicht ungerechtfertigt einen Startplatz füllen und zog beide Autos im Sinne der Fairness zurück, obwohl zumindest Daigh sich legitim qualifiziert hätte.

Beim nächsten Rennen in Spa durften die Scarabs zum ersten Mal wirklich starten, auch wenn sie nicht schneller waren. Reventlow fiel mit Motorschaden, Daigh mit einem Ölleck aus. Auch in Frankreich gab es Motor-Probleme. Die einzige Zielankunft sollte eine spektakuläre Performance von Daigh beim Saisonfinale auf der Heimstrecke Riverside bleiben. Es war ein zehnter Platz.

Daigh im Scarab in Riverside - Foto: LAT Images

Damit ist die Scarab-Geschichte auch schon fast zu Ende. Ein Mittelmotor-Konzept kam nie in die Formel 1, da dort ab 1961 ein neues Motoren-Reglement galt. Reventlow beendete bald seine Karriere - er erkannte auch selbst das Limit seiner Fähigkeiten - und verkaufte 1962 alles. Es folgte eine Karriere als Immobilienmakler. 1972 starb er bei einem Flugzeugabsturz.

Was sonst noch geschah:

Vor 50 Jahren: Pedro de la Rosa wird geboren. Der Spanier hat eine lange, aber erfolgsarme F1-Karriere bei Hinterbänklern vorzuweisen. 2006 feierte er als McLaren-Ersatzfahrer sein einziges Podium. In Summe: 104 Starts für Arrows, Jaguar, McLaren, Sauber und HRT, und 35 Punkte.
Vor 53 Jahren: Emanuele Naspetti wird geboren. Der Italiener feierte Erfolge in der Formel 3000, aber ein F1-Aufstieg mit March brachte 1992 keine Ergebnisse. Nur 6 Rennen kann er vorweisen, dafür feierte er im Tourenwagen-Sport Erfolge.
Vor 66 Jahren: Alain Prost wird geboren. Der vierfache Weltmeister und 51-fache GP-Sieger gilt als einer der besten F1-Piloten aller Zeiten. Sein überaus gründliches Herangehen brachte ihm den Spitznamen "Professor" ein, seine Rivalität mit dem Dreifach-Champion Ayrton Senna war legendär. Nach seiner aktiven Karriere ging er ins Management, mit seinem eigenen Team, und heute ist er als Berater von Renault/Alpine im Paddock anzutreffen.