Formel 1 / Kolumne

Andi Gröbl: Das Märchen vom Pechvogel Kimi Räikkönen

Als Unglücksrabe geht Kimi Räikkönen bei TELE 5-Kommentator Andi Gröbl heuer noch lange nicht durch.
von Andi Gröbl

Motorsport-Magazin.com - Wie definiert man Glück und Pech im Sport? Wenn man in den letzten Wochen Zeitung gelesen, gesurft oder Formel 1 im Fernsehen gesehen hat, war oft recht abenteuerliches zu hören: Kimi Räikkönen soll angeblich das Pech besonders anziehen.

Wer auch nur ein bisschen eins und eins zusammenzählen kann, wird wohl anders denken. Ich bin keineswegs der Meinung von Niki Lauda (sorry, Niki!), dass es in der Formel 1 kein Glück und Pech gibt. Niki selbst hatte 1985 in seiner letzten Formel 1-Saison eine fürchterliche Serie. Als amtierender Weltmeister ging bei ihm jedes Rennen etwas schief, während Teamkollege Prost scheinbar mühelos den Titel einfuhr. Nach dem zehnten Rennen wurden sogar Sabotage-Vorwürfe laut. Niki war nie ein Anhänger höherer Mächte und fand die Erklärung simpel: 99.9% Konzentration reichen im Rennsport eben, um immer wieder Mist zu bauen.

Die Meinung im Fahrerlager von Monza ist ziemlich einhellig: Was da heuer bei McLaren-Mercedes passiert ist alles hausgemacht. Zitat Peter Sauber: "Mercedes tut scheinbar alles, damit Räikkönen NICHT Weltmeister wird!" Ein kaputtes Einlassventil kann man wohl ebenso wenig als Pech abstempeln wie ein von Team und Fahrer erarbeitetes Setup, das die vom Team gewählten Hinterreifen vorzeitig auffrisst.

Kimi Räikkönen hätte Monza locker gewonnen, auch von Startplatz 11. Aber Renault schläft eben auch nicht. Bestes Beispiel: Alonsos erster Tankstopp. Fernando nimmt ewig lange Sprit auf, geht aber auf die Zehntelsekunde richtig raus. Mit vollem Tank reiht er sich genau vor dem fast leeren Räikkönen ein. Das kostet Kimi in den nächsten Runden gerne 5-6 Sekunden. Einfach genial von Pat Symonds & Co. Zum Dreher neun Runden vor Schluss hat den Finnen auch keiner gezwungen. Dabei hat er nochmals neun Sekunden liegen gelassen, denn seine Runde war eine 1:30er, während Alonso 1:21 fuhr. Macht in Summe trotz des Reifenschadens ein vergebenes Podium. Mercedes, McLaren und Räikkönen haben sich heuer nur selbst besiegt – und zwar in dieser Reihenfolge.

Fernando Alonso hat in dieser Saison exakt EINEN Fahrfehler begangen, als er in Kanada die Mauer geküsst hat. Am Funk wollte er dem Team noch weismachen "Irgendwas stimmt mit dem Auto nicht, ich hab keine Ahnung, was es ist...". Das macht ihn schon wieder irgendwie liebenswürdig.

Dazu Räikkönen im Vergleich: In Australien am Start den Motor abgewürgt. In Bahrain einmal neben der Strecke. Auf dem Nürburgring ein Riesenverbremser, der später zum Aufhängungsbruch führte. Dreher in Monza. Noch Fragen?

Und Kimi hatte auch Glück: In Kanada liegt er auf P2, als das Safety Car rauskommt. Der Führende Montoya kann nicht mehr an die Box geholt werden, bei Kimi geht es sich gerade noch aus. Er gewinnt in Montreal. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Kimi ist ein fantastischer Rennfahrer. Aber er verliert den Titel nicht wegen Pech, sondern weil Alonso heuer einfach perfekt war.

Glück oder Pech lasse ich nur durchgehen, wenn es sich ausschließlich um höhere Gewalt handelt. Glück oder Pech ist zum Beispiel, wenn der Tankwart bei Renault daheim ist, weil seine Frau ein Baby bekommt, und der Aushilfs-Mann natürlich bei Fisichella die Nerven verliert. Glück für Alonso.

Pech ist auch, wenn man die einzige Pole Position des Jahres holt – für sein Team sogar die erste überhaupt – und dann nicht fahren darf. So wie Jarno Trulli in Indianapolis. Noch schlimmer hat es dort Ricardo Zonta erwischt. Der durfte sich als Ralf-Ersatz in Indy nur am Samstag als Grand Prix-Pilot fühlen.

Pech ist wohl auch, wenn man drauf und dran ist, seinen erst dritten Grand Prix zu gewinnen wie Montoya in Brasilien 2001, und dann kurz vor Schluss von einem unkontrollierbar gewordenen überrundeten Holländer von hinten aus dem Rennen geschossen wird.

Glück hingegen ist, wenn man wie Takuma Sato ausgerechnet in jenem Rennen einen Virus erwischt, in dem die Kiste in den Händen von Anthony Davidson genau zwei Runden lang hält.

Glück ist auch, wenn es ausgerechnet immer dann regnet, wenn Michael Schumacher in der WM unter Druck gerät. Ich erinnere an die Saison 2003. Ein einziger regenfreier Sonntag weniger, und der Weltmeister hätte Kimi Räikkönen geheißen.

Glück ist auch, wenn der Fahrer vor dir so dumm ist, in der letzten Runde mit Riesenvorsprung schon dem Publikum zuzuwinken und dabei den Motor abwürgt, wie Nigel Mansell einst in Kanada.

Die Formel 1-Geschichte hat schon ganz andere Pechvögel erlebt, doch allen kann man ein Minimum an Eigenverschulden nicht absprechen. Arrows hat nie einen Grand Prix gewonnen. Bei Damon Hill ist in Ungarn fünf Kilometer vor dem Ende ein Bauteil kollabiert, das keine 20 Cent kostet.

Der Neuseeländer Chris Amon hat zwölf Mal Rennen angeführt, und doch nie eines gewonnen. Besonders bitter war Monza 1971: Er lag wenige Runden vor dem Ziel meilenweit voran. Da riss er sich in Führung liegend bei 320 km/h die letzte Schutzfolie vom Visier herunter, um im Finish noch besser sehen zu können. Leider riss er das komplette Visier mit. Unter Höllenqualen wurde er noch Siebenter.

Wenigen bekannt ist die Story von Otto Stuppacher. Der Wiener erreichte 1976 mit einem privaten Tyrrell nur Rang 27 im Qualifying und war damit nicht qualifiziert. Er trat die Heimreise an und erfuhr am Sonntag, dass er doch starten hätte können, da ein anderer Fahrer ausgeschlossen wurde. Es wäre Otto Stuppachers einzige Formel 1-Teilnahme geworden.

Um sich den Titel eines wirklichen Pechvogels zu erarbeiten, muss Kimi Räikkönen also noch ein bisschen zulegen, fürchte ich...

Euer Andi Gröbl


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