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Rennanalyse Ungarn: Warum Bottas am Hamilton-Trick scheiterte

Mercedes versuchte mit Valtteri Bottas beim Ungarn GP 2020 das, was Hamilton im Jahr zuvor den Sieg brachte. Doch Bottas scheiterte an Verstappen.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Ungarn GP 2020 hielt nicht was er versprach. Ein Regenschauer vor dem Rennen, abtrocknende Strecke zu Beginn und angekündigte Niederschläge zur Halbzeit waren eigentlich gute Zutaten. Doch weil der Regen während des Rennens ausblieb, ordnete sich das Feld schnell und wurde nicht mehr durcheinandergewürfelt.

Durch ein paar Verschiebungen am Start gab es aber immerhin noch den ein oder anderen sehenswerten Zweikampf. Valtteri Bottas musste sich im überlegenen Mercedes von Platz sechs wieder nach vorne kämpfen - und das war gar nicht so einfach wie ursprünglich gedacht.

Sebastian Vettel überholte Bottas beim Boxenstopp, doch an Charles Leclerc biss er sich zunächst die Zähne aus. In Runde zehn war aber auch der zweite Ferrari fällig und Bottas hatte noch die beiden Haas, Lance Stroll und Max Verstappen zwischen sich und Lewis Hamilton.

Mercedes bekommt Probleme mit Racing Point

Währen die Haas-Piloten kein Problem für Bottas darstellten, sah es mit Stroll schon etwas anders aus. Rundenlang fuhr der Mercedes-Pilot hinter dem pinken Boliden her, erst mit einem Undercut in Runde 33 konnte Bottas vorbeigehen. Racing Point wollte Stroll nicht früher reinholen, weil man auf den Regen wartete, der letztendlich nie kam.

So lag Bottas zu Rennhalbzeit immerhin auf Platz drei. Den Sieg konnte er sich mit einer halben Minute Rückstand auf Hamilton da bereits abschminken. Doch Platz zwei und damit Schadensbegrenzung lag noch immer in Reichweite.

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Nach Verstappens erstem planmäßigem Stopp in Runde 36 lagen noch rund sieben Sekunden zwischen Bottas und dem Niederländer. Während der Mercedes-Pilot in Runde 33 die Medium-Reifen aufgezogen bekam, wechselte Red Bull bei Verstappen auf Hard - ein entscheidender Unterschied.

Bottas vs. Verstappen: Alles ganz einfach?

Binnen weniger Runden konnte Bottas die Lücke auf Verstappen zufahren. In Runde 45 klebte er im Heck des Red Bull. Heranfahren und Überholen: Auf kaum einer anderen Strecke liegen die beiden Sachen so weit auseinander wie auf dem Hungaroring

Ein Fakt, den offenbar auch die offiziellen Grafiken der Formel 1 nicht so ganz verstanden. Sollte Bottas Verstappen zunächst noch binnen 22 Runden einholen, waren es eine Runde später nur noch wenige Runden. Die Schwierigkeit des Überholmanövers wurde mit 'Mittel' bewertet.

Doch Überholen in Ungarn zählt zur schwierigsten Aufgabe der ganzen Saison. Bottas hatte zwar zunächst eine große Pace-Differenz, die allerdings war sehr schnell dahin. Der Finne kam bereits vier Runden vor Verstappen zum Reifenwechsel. Außerdem wechselte er auf Medium und nicht auf Hard wie Verstappen. Aus dem Reifen-Vorteil wurde so ein Nachteil.

Ungarn GP 2020, Rennstrategie

Start Stopp 1 Stopp 2 Stopp 3
Verstappen Intermediates Medium (4) Hard (36)
Bottas Intermediates Medium (2) Medium (33) Hard (49)

Mercedes erkannte früh, dass Bottas so chancenlos war, sich Platz zwei zu holen. Weil Stroll hinter ihm schon zurückgefallen war, holte Mercedes Bottas ein weiteres Mal an die Box. In Runde 49 bekam Bottas die Hard-Reifen für einen Sprint bis ins Ziel aufgesteckt.

Ein Jahr zuvor gab es fast die gleiche Situation: Lewis Hamilton biss sich im Kampf um den Sieg ebenfalls die Zähne aus. Weil 2019 früher gestoppt wurde, fuhr Hamilton damals genauso wie Verstappen auf Hard. Obwohl Verstappen sechs Runden frischere Reifen hatte, fand Hamilton keinen Weg am Youngster vorbei.

Ungarn GP 2019, Rennstrategie

Start Stopp 1 Stopp 2
Verstappen Medium Hard (25)
Hamilton Medium Hard (31) Medium (48)

In Runde 48 holte Mercedes den Weltmeister im vergangenen Jahr zum Reifenwechsel. Hamilton bekam für seinen Schlusssprint die Medium-Reifen. Wenige Runden vor Rennende hatte er Max Verstappen eingeholt und dann aufgrund des großen Performance-Unterschieds auch überholt. Mercedes' Taktik war aufgegangen.

Bei Valtteri Bottas lief es anders. Zwei Runden vor Rennende holte er Verstappen ein, zum Überholmanöver reichte es aber nicht mehr. Dabei war der Mercedes 2020 deutlich überlegener als noch vor einem Jahr.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff verteidigt die Entscheidung seiner Strategen, Bottas noch einmal zum Stopp zu holen: "Ihn draußen zu lassen, wäre falsch gewesen. Valtteris vorderer linker Reifen begann schon ziemlich stark zu grainen, weil er so hart gepusht hat. Wir glauben, dass ihm ohnehin die Reifen eingegangen wären."

Und auch Bottas war mit der Entscheidung zufrieden. "Es war zu diesem Zeitpunkt das Richtige", so Bottas. "Der Reifen-Vorteil zwischen mir und Max war minimal. Wenn ich nicht gestoppt hätte, wäre es auf dieser Strecke sehr schwierig gewesen, zu überholen. Ich wollte den größeren Reifen-Vorteil am Ende und es hat fast funktioniert."

Doch warum funktionierte der Trick 2019 bei Hamilton und 2020 bei Bottas nicht mehr? Beide kamen nur eine Runde versetzt zu ihrem Zusatz-Stopp, die Ausgangslage war sehr ähnlich. Waren es die harten Reifen, die Bottas nicht haben schneller aufholen lassen? Hamilton bekam immerhin die Mediums aufgeschnallt.

Nein, der direkte Vergleich zeigt sogar, dass Bottas zunächst deutlich schnell aufholte als Hamilton vor einem Jahr. "Aber ich musste viele Überrundungen absolvieren", ärgert sich Bottas und fügt an: "Dabei habe ich Zeit verloren und am Ende kam es ja nur auf ein oder zwei Runden an."

Tatsächlich erreicht Bottas' Aufholjagd zwischen Runde 57 und 61 ein kleines Plateau. In diesen Runden konnte er kaum Zeit gutmachen. Aber auch Hamilton hatte Probleme mit Überrundungen. Zwischen Runde 52 und 56 machte er kaum Zeit auf Verstappen gut.

Der Große Unterschied zwischen beiden Aufholjagden lag bei Verstappen. 2019 kam er bereits in Runde 25 zu seinem Boxenstopp. 2020 holte er sich den letzten Reifensatz erst in Runde 36. "Die letzten drei Runden waren knifflig, aber wir haben es geschafft. Die Reifen haben sich auch am Ende noch ziemlich okay angefühlt", konstatierte Verstappen nach seiner erfolgreichen Mission in diesem Jahr.

Vor einem Jahr fühlten sich seine Reifen nicht mehr so okay an. Die Pneus flogen ihm damals regelrecht um die Ohren. Seine Rundenzeiten brachen zehn Runden vor Rennende richtig ein. Deshalb hatte Hamilton schließlich leichtes Spiel - und Bottas nicht.

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