Formel 1

Formel 1 USA, Rennanalyse: Hat Hamilton zu wenig gebummelt?

Lewis Hamiltons Qualitäten als Reifenflüsterer reichten in Austin nicht zum Sieg. Valtteri Bottas fing den Weltmeister ab. War Hamilton sich zu sicher?
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Valtteri Bottas musste sich seinen Sieg in den USA gegen Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton hart erkämpfen. Anders als in Suzuka holte Mercedes Hamilton in Austin nicht aus Gründen der Fairness zu einem zweiten Boxenstopp herein. Doch am Ende reichten seine Reifenflüsterer-Qualitäten nicht, um Bottas zu stoppen. War der Champion diesmal zu vorsichtig? Der Strategie-Showdown zwischen den Silberpfeil-Teamkollegen in der Analyse.

Mit seiner fünften Pole Position in der Saison 2019 sicherte sich Bottas zunächst die deutlich bessere Ausgangslage, denn Hamilton verwachste ausgerechnet auf dem von ihm so heiß geliebten Circuit of The Americas mit Startplatz fünf komplett. In der ersten Runde korrigierte der Brite diesen Schönheitsfehler jedoch umgehend.

Während Bottas seine Führung erfolgreich behauptete, kassierte Hamilton sowohl Leclerc als auch Vettel im Handumdrehen. Vom Teamkollegen trennte ihn danach nur noch sein in Mexiko neu geschaffener Erzrivale Max Verstappen. Doch der war in Problemen. "Ich habe sehr früh im Rennen dieses komische Verhalten vom Auto gespürt, das ich vorher nicht hatte", so der 22-Jährige.

Erst nach der Zieldurchfahrt kam er der Ursache auf die Spur: "Nach dem Rennen habe ich mir das Auto angeschaut und gesehen, dass vor dem Hinterreifen ein großes Teil vom Unterboden fehlte. Das hat mich heute sicherlich einiges an Rundenzeit gekostet." Glück für Hamilton: durch das Pace-Management des Leaders bliebt Verstappen trotz der Probleme auf wenige Sekunden dran.

Verstappen egal: Hamilton von Anfang an auf Bottas fixiert

"Als ich Dritter war, habe ich mir das blaue Auto vor mir gar nicht angeschaut, sondern auf Valtteri. So bin ich programmiert. Ich wollte nicht die Zeiten vom Auto vor mir wissen, sondern die von dem Auto davor, denn das wollte ich besiegen", so Hamilton, der in dieser Phase konstant etwa drei Sekunden hinter Bottas lag.

Dessen Strategie-Pläne wurden in Runde 13 von Verstappen durchkreuzt. "Für mich war Plan A eine Einstopp-Strategie, aber Max hat ziemlich früh gestoppt und wir sind dann auf zwei Stopps gegangen, weil ich mich gegen ihn verteidigen musste", so der Finne, der dadurch 15 Sekunden hinter Hamilton zurückfiel.

Der neue Führende witterte dadurch seine Chance. "Ich denke nicht, dass das Team mit einem Zweistopper gerechnet hat. Aber ich habe mir nur Gedanken darüber gemacht, wie ich vom fünften Startplatz aus auf Position eins komme. Also habe ich meine Reifen so gut wie möglich geschont", erklärt er.

Bottas legte auf dem frischen Reifen sofort los wie die Feuerwehr, schließlich war Verstappen durch den Undercut auf eine Sekunde an ihn herangerückt. Dem drängelnden Red-Bull-Pilot konnte er sich dann aber relativ zügig entledigen und verkürzte dabei auch den Rückstand auf Hamilton in großen Schritten.

Hamilton ärgert Bottas: Ersten Boxenstopp verzögert

Der Leader fuhr auf seinem Medium-Startreifen kurzzeitig hohe 1:40er-Rundenzeiten, konnte diese Pace jedoch nicht dauerhaft halten. Bottas hingegen war nach dem Wechsel auf frische harte Reifen konstant zwei Sekunden schneller unterwegs. In Runde 23 rief der Kommandostand Hamilton zum Service, doch er blieb zunächst draußen und ließ es auf einen Kampf mit Bottas ankommen.

Auf der langen Gegengeraden zog dieser allerdings mühelos vorbei und übernahm die Führung. Hamilton bog daraufhin zu seinem einzigen Boxenstopp ab und wechselte von Medium auf Hard. Wie schon vor wenigen Wochen beim Japan GP hatte er dadurch die Möglichkeit, den auf einer Zweistopp-Strategie fahrenden Bottas mit einer Einstopp-Taktik zu knacken.

Damals war Hamilton der zweite Boxenstopp mehr oder weniger auferlegt worden, da bei Mercedes kein Pilot durch eine andere Strategie gegenüber dem Teamkollegen bevorzugt werden sollte. In Austin hingegen ließ die Teamführung den offenen Kampf auf und neben der Strecke zu.

Hamilton gibt Vollgas: Schnellste Runde schon zu Rennhalbzeit

Hamiltons erste Runde auf dem frischen Medium-Compound war mit 1:38.446 Minuten sogleich seine persönlich schnellste an diesem Sonntag. Danach hielt er das Tempo weiter hoch., musste den Reifen wie eine Woche zuvor in Mexiko jedoch ab einem gewissen Punkt schonen, um die 32 Runden zwischen Boxenstopp und Ziel zu überstehen.

Bottas war auf seinem zehn Umläufe älteren Hard-Compound rund eine Sekunde pro Runde langsamer unterwegs. Unmittelbar nach dem Boxenstopp in Runde 24 lag Hamilton 21 Sekunden zurück, in Runde 35 hatte er den Gap auf zehn Sekunden reduziert. Bottas wurde damit zu seinem zweiten Boxenstopp gezwungen.

Hätte er den Mittelstint noch weiter ausgedehnt, wäre er Gefahr gelaufen, Hamilton im letzten Stint auf dem Medium-Reifen nicht mehr abfangen zu können. Nach dem Reifenwechsel in Runde 35 lag er zunächst neun Sekunden hinter Hamilton. In seiner ersten Runde brannte Bottas mit 1:36.957 Minuten eine drei Sekunden schnellere Zeit als der Führende in den Asphalt.

Bottas bekommt Zweifel: Hamilton-Strategie besser?

Danach pendelte sich die Pace jedoch schnell ein. Bottas musste aufpassen, den Medium-Reifen nicht überzustrapazieren, während Hamilton auf dem Hard-Compound weiter konstant schnelle Zeiten fuhr und sich gleichzeitig etwas Performance für den Showdown gegen seinen Stallgefährten aufsparen musste. "Ich hatte auf diesem Reifen einen langen Weg vor mir und versuchte nicht daran zu zweifeln, dass ich es schaffen kann", so Hamilton.

Zur Hilfe kamen ihm dabei einige Überrundungen, welche Bottas die Aufholjagd erschwerten. Der Finne war stellenweise kaum noch schneller unterwegs als Hamilton, verlor in manchen Runden sogar wieder Zeit. "An einem Punkt hatte ich Sorgen, dass er auf der besseren Strategie war", gibt Bottas zu. "Mit dem ganzen Verkehr ging es darum, die Verluste zu minimieren und die Vorteile zu maximieren und dann am Ende des Rennens zu schauen, wo wir stehen."

Schon ab der 37. Runde kam Bottas nur noch im Zehntelbereich näher. In Runde 44 lag er dreieinhalb Sekunden hinter Hamilton, der selbst auf 20 Runden alten Reifen zunächst noch die Pace hatte, um zu parieren. "Ich denke, das war wahrscheinlich eine richtige Stärke von mir dieses Jahr", spart Hamilton was sein Reifenmanagement angeht nicht an Eigenlob.

Hamilton antwortet auf Bottas' Attacken

Zwischen den Runden 45 und 49 fuhr Hamilton sogar noch einmal Zeiten unter der 1:39er-Marke, um Bottas aus dem DRS-Fenster zu halten. Doch der Teamkollege hatte beim Konservieren seines Medium-Pneus ebenfalls aufgepasst und attackierte in Runde 51 auf der Geraden herunter zu Turn 12 das erste Mal.

"Er hatte innen zugemacht und ich musste nach außen gehen. Obwohl ich vorne war, bremste er sehr spät, sodass ich letztendlich von der Strecke runter musste, um eine Kollision zu vermeiden. Aber das ist okay. Ich hätte in seiner Position dasselbe gemacht, das ist für mich in Ordnung", so Bottas über die Szene.

Bottas-Duell erledigt Hamiltons harten Reifen endgültig

Eine Runde später hatte Hamilton ihm nichts mehr entgegenzusetzen. Der Kampf mit Bottas gab seinen Reifen schlussendlich den Rest. Kaum war die Führung weg, fuhr Hamilton bis zu anderthalb Sekunden langsamer als vor dem Duell und hatte zum Schluss sogar Verstappen im DRS-Fenster hinter sich.

Vor den Attacken des Niederländers rettete ihn nur die durch Kevin Magnussens Ausfall ausgelöste gelbe Flagge in Kurve zwölf. "Nur deshalb musste ich vom Gas gehen. Ansonsten wäre ich auf jeden Fall vorbeigegangen", so Verstappen, der im Ziel weniger als eine Sekunde hinter Hamilton lag. Dieser hatte in den letzten fünf Runden vier Sekunden auf Bottas eingebüßt.

Hamilton war mit seiner Performance hinterher trotzdem rundum zufrieden. "Ich war immer schon dazu in der Lage, das Auto in diese Position zu bringen und jedes Jahr bin ich besser darin geworden. Und so viel wie ich aus den Reifen herausholten konnte, hätte ich es fast geschafft, die Jungs hinter mir zu halten", so der Brite.

Fazit: Hamilton machte unter dem Strich wie in Mexiko alles richtig und hatte fast bis zur Zielflagge eine Antwort auf die Konkurrenz mit frischeren Reifen. Dass es nicht klappte, lag schlussendlich an Bottas. Der sonst in dieser Disziplin nicht so starke Teamkollege machte beim Reifenmanagement diesmal schlichtweg einen genauso guten Job.


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