Formel 1

Formel 1, Singapur: Bottas crasht, Leclerc mit Defekt

Ein Unfall, ein Defekt und eine unerwartete Bestzeit: Das 1. Freie Training der Formel 1 in Singapur bot das gesamte Spektrum der F1-Möglichkeiten.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 ist zurück in Singapur: das Nachtrennen in den Straßen der südostasiatischen Metropole gehört seit seiner Premiere im Jahr 2008 zu den Highlights der Saison (Rennen am Sonntag ab 13:15 Uhr live im TV auf RTL, Sky und ORF sowie im Motorsport-Magazin.com Live-Ticker). Das 15. Rennwochenende der F1-Saison 2019 in Singapur nahm wie gewohnt im 1. Freien Training am Freitag noch bei Tageslicht seinen Lauf - bis Valtteri Bottas das Training mit einem Unfall zwischenzeitlich zum Stillstand brachte. In der Zeitenliste setzte sich unterdessen Max Verstappen an die Spitze.

Das Ergebnis: Nach zwei schwierigen Rennen in Spa-Francorchamps und Monza geht Mercedes in Singapur wieder als Favorit ins Wochenende. Die Silbernen haben mit Blick auf die Aerodynamik das beste Auto im Feld, das für den High-Downforce-Kurs bestens geeignet ist - obwohl Singapur bis zum Vorjahr gerne als Angststrecke von Mercedes galt. Ein Blick in die Statistik beweist jedoch: vier der letzten fünf Siege seit 2014 gingen an die Marke mit dem Stern, davon zuletzt drei in Folge.

Im ersten Training gab jedoch kein Mercedes-Pilot die Pace vor. Stattdessen fuhr Max Verstappen im Red Bull in 1:40.259 Minuten die schnellste Runde der ersten 90 Minuten des Wochenendes. Hinter ihm platzierte sich Sebastian Vettel im Ferrari auf dem zweiten Platz. Dem Deutschen fehlten gut anderthalb Zehntel auf die Bestzeit des Niederländers. Auf den Plätzen drei und vier reihten sich Weltmeister Lewis Hamilton und sein Teamkollege Valtteri Bottas ein, die sechs Zehntel beziehungsweise eine Sekunde Rückstand aufwiesen. Die Top-6 komplettierten Alex Albon im zweiten Red Bull sowie Renault-Pilot Nico Hülkenberg, dessen F1-Zukunft weiterhin ungeklärt ist.

Die Rundenzeiten aus dem 1. Freien Training in Singapur sind wie gewohnt mit Vorsicht zu genießen. Die Streckenoberfläche auf dem Marina Bay Street Circuit verbessert sich für gewöhnlich im Laufe des Wochenendes massiv, sodass die Autos unter normalen Umständen von der ersten Session bis zum Qualifying bis zu drei Sekunden schneller werden.

Die Zwischenfälle: Der anspruchsvolle Stadtkurs stellt die Fahrer vor große Herausforderungen und verleitet zu Fehlern. Das kann sich in Singapur schnell als kostspielig erweisen, schließlich sind die Mauern nie weit. Den ersten leichten Mauerkontakt des Wochenendes überstand Valtteri Bottas in seinem Mercedes noch weitestgehend ohne Probleme. Der Finne touchierte die Mauer hauchdünn und beschädigte dabei die Felge. Für ihn bedeutete dies keinen Nachteil, der Reifensatz musste nach 40 Minuten ohnehin zurückgegeben werden.

Nicht so glimpflich kam Bottas 25 Minuten vor Trainingsende davon, als er mit seinem Silberpfeil in Kurve 19 geradeaus in die Tecpro-Barriere rutschte. Das Auto übersteuerte zunächst am Kurveneingang, danach korrigierte Bottas und fuhr mit stehenden Rädern direkt in die gegenüberliegende Wand. Das Training wurde zur Bergung des havarierten Mercedes zwischenzeitlich mit der roten Flagge unterbrochen.

Sein Teamkollege Lewis Hamilton hatte derweil ein kleines Zusammentreffen mit McLaren-Fahrer Carlos Sainz, das dazu führte, dass das Team die rechte Endplatte des Frontflügels ganz genau inspizieren musste, um nach Beschädigungen zu suchen. Schlimmer erwischte es Charles Leclerc, der gut eine halbe Stunde vor dem Ende des ersten Trainings langsam an die Box zurückrollte und eingangs der Boxengasse mit einem technischen Problem stehen blieb. Das laute Knallen aus dem Heck des Ferrari könnte auf einen möglichen Getriebedefekt hindeuten.

Die Technik: Nach zwei Siegen auf High-Speed-Strecken in Folge erwartet Ferrari in Singapur eine schwere Herausforderung. Auf dem engen und winkligen Straßenkurs mit seinen 23 Kurven kommt wieder ein Low-Downforce-Paket zum Einsatz, das bei der Scuderia zuletzt in Ungarn alles andere als eine gute Figur abgegeben hat.

Aus diesem Grund bringen die Roten ein umfangreiches Update nach Singapur mit. Die größte sichtbare Änderung ist eine überarbeitete Nasenpartie mit einer sogenannten "ducted Nose" wie sie auch Racing Point, McLaren und Alfa seit längerem verwenden. Ähnliches gilt für das dahinter angebrachte Leitblech. Im ersten Training waren bei Ferrari deshalb viele Umbauarbeiten angesagt, um zwischen den neuen und bisherigen Elementen zu wechseln. So wurde am Auto von Charles Leclerc unter anderem der Unterboden während der Session getauscht. Später gab es durch den Defekt am Auto von Leclerc dann für die Ferrari-Mechaniker noch viel mehr zu tun.

Einer besonderen Belastung sind in Singapur die Bremsen ausgesetzt. So besitzt der Stadtkurs zwar nur wenige starke Bremszonen (die maximalen seitlichen G-Kräfte betragen in Kurve 22 4,1 G), aber der Mangel an Geraden und die hohe Frequenz an Kurven führen dazu, dass die Bremsen der Formel-1-Boliden stark belastet werden. In Folge dessen setzen die Teams auf die größtmögliche Kühlung für die Bremsen.

Eine weitere Änderung betrifft die Sensoren, die in ihrer normalen Version von den magnetischen Feldern unter der "Esplanade Bridge" gestört werden können. Endsprechend setzen die Teams in Singapur bei einigen Sensoren auf Spezialversionen, die mit sogenanntem "Mu-Metall" abgeschirmt sind. Diese Spezial-Nickellegierung ist besonders effektiv gegen magnetische Felder und kommt ausschließlich unter dem Flutlicht von Singapur zum Einsatz. Dadurch sollen unter anderem die Hydraulikventile im Getriebe vor Interferenzen geschützt werden.

Die Strecke: Auch auf dem Marina Bay Street Circuit gibt es in diesem Jahr einige Neuerungen. So gibt es 2019 erstmals drei DRS-Zonen: neben jener auf der Zielgeraden und der langen Geraden zwischen den Kurven fünf und sieben gibt es neuerdings auch eine zusätzliche DRS-Zone am Ende des zweiten Sektors. Der Messpunkt befindet sich vor Kurve 13, der Flügel darf danach dann auf der Geraden nach der Haarnadel flachgestellt werden.

Gleich geblieben sind unterdessen die enorme Hitze und Luftfeuchtigkeit, die sowohl den Fahrern, Ingenieuren und Mechanikern als auch den Fahrzeugen massiv zusetzen. In diesem Zuge verlieren die Fahrer im Verlauf des beinahe zweistündigen Rennens bis zu drei Kilogramm an Gewicht. Selbst den Teammitgliedern in der Box wird an einem heißen Tag eine Flüssigkeitsaufnahme von drei bis fünf Litern empfohlen.

Das Wetter: Jedes Jahr wird vor dem Singapur Grand Prix über ein mögliches Regenrennen unter dem Flutlicht spekuliert. Am Freitag sieht es nicht nach einer verregneten Session aus und auch am Samstag besteht nur für die Mittageszeit ein gewisses Regenrisiko. Sollten die Meteorologen recht behalten, könnte es aber am Sonntag nass werden: dann ist von Mittag bis abends Regen vorhergesagt.

Heißer als der Regen wurden in den vergangenen Tagen die deutlich erhöhten Luftverschmutzungswerte in Singapur diskutiert, die durch den Dunst von den Waldbränden auf der benachbarten Insel Sumatra hervorgerufen wurden. Die Werte lagen zuletzt knapp über dem Grenzwert, weshalb die Situation als "ungesund" eingestuft wurde. Genaue Vorhersagen über einen größeren Zeitraum als von 24 Stunden lassen sich jedoch nicht treffen. Während der ersten Session war dies jedoch kein Problem.


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