Formel 1

Formel 1 Silverstone Analyse: Vettel tritt Geschenk mit Füßen

Die Rennanalyse zum Formel-1-Kracher des Millenniums: Hätte Hamilton in Silverstone auch ohne Safety Car gewonnen? Warum war Vettel plötzlich Dritter?
von Christian Menath

Der Großbritannien GP 2019 war der absolute Hammer. Nach Österreich stieg in Silverstone die nächste Formel-1-Party. Die beiden Rennen haben den Langweiler von Frankreich längst vergessen gemacht. Während es in Österreich vor allem die große Verstappen-Show zu bestaunen gab, sorgten in Silverstone alle Top-Piloten für Action.

Epische Zweikämpfe zogen sich teils über mehrere Runden, ja sogar über ganze Rennabschnitte. Hätte Sebastian Vettel Max Verstappen nicht abgeräumt, wären die Stewards bei den zahllosen, teils sehr hart geführten Zweikämpfen, ohne Strafe ausgekommen. Silverstone war Werbung für die Formel 1.

Gleichzeitig gab es neben dem puren Racing auch jede Menge Strategie. Durch die Safety-Car-Phase, ausgelöst von Antonio Giovinazzi, wurde das Rennen etwas auf den Kopf gestellt. Tatsächlich tat die Neutralisierung dem Rennen nicht gut, denn dadurch wurde das Rennen zumindest an der Spitze früh entschieden. Doch von vorne.

Krisen-Gerüchte: Tritt Sebastian Vettel zurück?: (17:28 Min.)

Silverstone-Start Langweiler

Die Startphase verlief ruhig. Bei den Top-6 gab es nur einen Positionswechsel: Sebastian Vettel konnte an Pierre Gasly vorbeigehen. Bei den ersten vier tat sich nichts - zum Glück, sonst wären der Formel 1 sensationelle Zweikämpfe entgangen.

Die größte Überraschung war wohl Lewis Hamilton. Normalerweise beruhigt sich ein Rennen sehr schnell, wenn die zwei Mercedes-Piloten auf den Plätzen eins und zwei aus der Startrunde zurückkommen. Weil Überholen eben schwierig ist und im gleichen Auto fast unmöglich, findet sich der dahinterfahrende Pilot meist schnell mit seinem Schicksal ab und hofft auf die Boxenstopps.

Nicht aber Lewis Hamilton bei seinem Heim GP. Der Brite hatte nach der Qualifying-Niederlage noch immer einen dicken Hals und wollte die Sache unbedingt auf der Strecke regeln. Offensichtlich hatte der fünffache Formel-1-Weltmeister die bessere Pace und versuchte die auch angriffsfreudig umzusetzen. Als Hamilton und Bottas nebeneinander in Copse fuhren, hätte es fast gekracht, Hamilton zog aber im letzten Moment zurück.

Anschließend akzeptierte Hamilton die Reihenfolge - vorerst. Ein sehr wichtiger Schritt, wie sich später herausstellen sollte. Die Strategiesitzung am Morgen war etwas komplizierter als sonst. Mercedes wusste nicht genau, ob eine Einstopp-Strategie möglich war. Die Topteams hatten über den verpflichtenden Reifensatz hinaus keine harten Pneus geordert. Deshalb konnten sie am Freitag keine Longruns auf Hard drehen. Der weiße Reifen kam am Sonntag zum ersten Mal zum Einsatz und war daher die große Unbekannte.

Mit diesem Hintergedanken stecke Hamilton schließlich zurück und schonte hinter Bottas erst einmal seine Reifen. In Runde 16 kam Bottas zum Reifenwechsel an die Box. Dass es nicht sein einziger Stopp würde, war klar, als ihm die Mercedes-Mechaniker erneut die Medium-Reifen aufsteckten. Obwohl sie schlussendlich sogar bis ins Ziel gereicht hätten, mindestens zwei unterschiedliche Reifenmischungen müssen auch 2019 in der Formel 1 gefahren werden.

Dass Bottas zuerst kam, ist der normale Vorgang. Hätte Mercedes Hamilton geholt, hätte er mit den frischen Reifen den Undercut schaffen können. Das wäre dem Führenden gegenüber unfair, weshalb der in der Regel Priorität bei der Strategie hat.

Safety Car kommt Hamilton gelegen - aber nicht zur Rettung

Hamiltons Plan war klar. "Ich wollte länger draußen bleiben und dabei so wenig Zeit wie möglich auf Valtteri verlieren. Je länger ich das geschafft hätte, desto größer wäre mein Reifenvorteil dann gewesen", erklärte er selbst.

Der Plan schien aufzugehen: Auf den neuen Reifen konnte Bottas nicht deutlich schneller fahren. In Runde 18 nahm der Finne seinem Teamkollegen sechs Zehntel ab, in Runde 19 nur anderthalb. Hamilton hatte seine Reifen gut geschont. Doch langsam stand auch sein Stopp an, denn zu groß sollte sein Rückstand auch nicht werden.

Das Safety-Car kam ihm zuvor. Durch die Neutralisierung bekam Hamilton seinen Stopp geschenkt. Bekam er dadurch auch den Sieg geschenkt? Nein. Denn Hamilton zog beim Stopp in Runde 20 die harten Reifen auf. Damit war klar: Im Gegensatz zu Bottas musste er nicht mehr zum Stopp kommen.

Heißt: Auch ohne Safety Car war der Weltmeister nun in der besseren Position. Mit seinem Stopp wäre er zwar knapp hinter Bottas zurückgefallen, der Finne allerdings musste nochmal zum Reifenwechsel. "Das Safety Car hat ihn vor mich gebracht, aber ich war zu diesem Zeitpunkt ohnehin in einer Zweistopp-Strategie gefangen", gesteht Bottas und ärgert sich: "Das war ein Fehler von unserer Seite. Wir dachten, zwei Stopps wären klar die schnellste Strategie, aber ein Stopp war offenbar auch möglich..."

Und selbst wenn Mercedes Hamilton ebenfalls auf Medium rausgeschickt hätte, ob Bottas den Attacken des Briten hätte standhalten können, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Schon auf gleich alten Reifen hätte Hamilton Bottas beinahe geknackt - mit dem Reifenvorteil wären seine Chancen ungleich besser gewesen.

Ferrari raubt Leclerc Verstappen-Lohn

Doch nicht nur an der Spitze brachte das Safety Car das Rennen etwas durcheinander und raubte den Zuschauern einen besseren Kampf um den Sieg. Hinter dem Mercedes-Duo bekämpften sich rundenlang Max Verstappen und Charles Leclerc. Der Monegasse hatte die bessere Ausgangsposition, der Niederländer dafür die bessere Rennpace.

Als in Runde 13 beide an die Box kamen, änderte sich ihre Reihenfolge nicht, der harte Kampf ging weiter. Als das Safety Car kam, verpennte Ferrari die Chance. Red Bull holte Verstappen sofort zum zweiten Stopp an die Box und zog ihm die harten Reifen auf. Damit sollte auch er durchfahren können. Ferrari holte Leclerc erst eine Runde später und zog bei der Reifenstrategie nach. Da allerdings war dann Verstappen schon vorbei.

"Wenn wir Charles sofort geholt hätten, hätte Red Bull Max draußen lassen können und er wäre vorbei gewesen", versuchte Teamchef Mattia Binotto zu erklären. Doch es blieb beim Versuch. Wirklich Sinn machte es nicht, die Position dann eine Runde später ohne Reifenvorteil aufzugeben.

Leclerc verlor die Position, die er zuvor so hart verteidigt hatte, durch eine falsche Strategie. Und er verlor noch mehr: Auch Pierre Gasly und Teamkollege Sebastian Vettel gingen an Leclerc vorbei. Vettel hatte ähnliches Glück wie Hamilton mit dem Timing. Er hatte seinen Boxenstopp nämlich ebenfalls noch nicht absolviert und fuhr deshalb auf Rang zwei. Durch das SC-Geschenk fiel er nur auf Rang drei hinter die beiden Mercedes-Piloten zurück.

Gasly hatte zwar seinen Stopp schon zuvor absolviert, setzte aber auf die harten Reifen. Deshalb machte ein erneuter Stopp für ihn keinen Sinn. Sebastian Vettel hatte nach der Safety-Car-Phase deshalb die beste Ausgangssituation in der Verfolger-Gruppe.

Verstappen nach Leclerc-Duell gegen Vettel

Doch Verstappen bekam von Gasly die vierte Position geschenkt und befand sich anschließend in einer ähnlichen Situation wie zu Rennbeginn. Statt hinter Leclerc, fuhr er nun hinter Vettel. Verstappen bewies auch hinter Vettel ganz klar, dass der Red Bull im Rennen deutlich schneller war als der Ferrari.

Im Gegensatz zum Duell mit Leclerc kam Verstappen an Vettel vorbei. Nach zehn Runden war der Deutsche fällig. Doch Verstappen machte direkt nach dem Überholmanöver einen kleinen Fehler und Vettel witterte seine Chance auf einen Konter - die es aber nicht gab. Der Ausgang ist bekannt.

Vettel hat das Safety-Car-Geschenk mit Füßen getreten. Statt um Platz drei zu kämpfen, fiel er auf Rang 16 zurück. Immerhin machte er mit seiner Aktion den Weg für Leclerc frei. Der Ferrari-Youngster kam zuvor an Gasly vorbei. Weil Vettel nicht nur sich selbst, sondern auch Verstappen aus dem Weg räumte, war für Leclerc der Weg für das Podium wieder frei.

Viele Strategien wurden von der Safety-Car-Phase torpediert - Foto: Pirelli

Ähnlich wie in der Spitzengruppe ging es einigen Piloten auch im Mittelfeld. Wer vor dem Safety Car in der Box war, hatte Pech. Vor allem die Piloten, die nicht auf den harten Reifen gegangen waren, denn die mussten definitiv noch einmal zum Stopp kommen. Großer Profiteur war Carlos Sainz: Der McLaren-Pilot stürmte so von Startplatz 13 auf Rang sechs nach vorne.

Teamkollege Lando Norris hatte hingegen Pech. Er wechselte vor dem Safety-Car auf Medium. Anschließend begingen die McLaren-Strategen einen Fehler, als sie ihn nicht während der neutralisierten Phase zum Wechsel auf Hard reinholten. Den späteren Zusatz-Stopp konnte der Brite nicht mehr rausfahren und ging deshalb leer aus.


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