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Christian Danner, Interview Teil 3: Wundere mich über Zuschauer

Christian Danner feiert 2018 seinen 60. Geburtstag. Wir blickten mit dem Formel-1-Urgestein auf seine bewegte Karriere zurück. Teil 3 des großen Interviews.
von Christian Menath & Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Christian Danner ist für die deutschen Formel-1-Fans vor allem eines: Seit über 20 Jahren ist er die Expertenstimme der TV-Übertragungen von RTL. Eine Rolle, die ihm nicht ohne Grund zuteil wurde. Dem Leben als Fernsehkommentator gingen über 20 Jahre als Rennfahrer voraus, welche den Bayer von seinen Anfängen im 75 PS starken Renault 5 bis in die Formel 1 zur Zeiten der ersten Turbo-Ära führte - und darüber hinaus.

Am 4. April 2018 feiert das Motorsport-Urgestein seinen 60. Geburtstag. Grund genug für Motorsport-Magazin.com, um Christian Danner zum großen Geburtstags-Interview zu bitten. Im dritten und finalen Teil: Danners Abenteuer in Japan und bei den IndyCars, die goldene DTM-Zeit und der Weg in die Kommentatoren-Kabine von RTL.

Interview geführt von Christian Menath

Nach der Formel 1 ging es weiter, denn das war noch nicht Ihr Ende im aktiven Motorsport. Es kamen dann DTM und IndyCar...
Christian Danner: Ich war dann erstmal so ein ungeliebter Formel-1-Mensch. Also nicht ungeliebt, aber einer von denen, für die es dort keinen Platz mehr gab. Danach war ich in Japan und bin dort gefahren. Dort bin ich das F1-Entwicklungsprogramm von Leyton House gefahren, denn der damalige Chef des Teams wollte nicht nur sein F1-Team haben, in dem Adrian Newey war und Ivan Capelli gefahren ist. Er wollte noch ein zweites Team haben, in dem er einen Japaner fahren lassen konnte. Ich war derjenige, den er mochte und dafür ausgewählt hatte. Dafür bin ich nach Japan gegangen, wo ich die japanische Formel 3000 gefahren bin.

Die komplette Saison dort war eine Sache. Die andere war das Entwicklungsprogramm von Reynard. Adrian Reynard und Malcolm Oastler, das war der Designer, hatten damals ein Formel-1-Auto entwickelt. Bridgestone, wo Hirohide Hamashima Entwicklungschef war, sorgte für die Reifen. Mugen Honda baute den Motor. Mit dem Auto habe ich 43 Tage in Suzuka getestet. Ich bin also 1990 mehr Formel 1 gefahren als in meiner letzten Saison 1989. Die F1 war für mich da noch durchaus aktuell. Aber dann wurde der Chef von Leyton House verhaftet und es gab einen großen Skandal. Dann stand ich wieder da und bin in die DTM gegangen.

In Suzuka spulte Danner 1990 für Reynard viele Kilometer ab - Foto: Christian Danner

Dort waren Sie ja sehr erfolgreich...
Christian Danner: Mit Alfa war ich schon erfolgreich, sogar sehr erfolgreich. Aber davor bin ich ja noch IndyCar gefahren. Ich bin noch in den USA gefahren, weil ich mir dachte: Mensch, Formelwagen. Es kann ja nicht sein, dass ich jetzt nur noch Tourenwagen fahre. Ich mochte die Tourenwagen, keine Frage. Aber es gab noch etwas, das ich besser fand. Also bin ich nach Long Beach geflogen. Als ich dort durchs Fahrerlager lief, traf ich Stefan Johansson, der ähnliche Probleme hatte wie ich. Da haben wir uns die Klinke in die Hand gegeben.

Er hat dann ein konkurrenzfähiges Auto bei Tony Bettenhausen bekommen. Ich bekam dafür von Antonio Ferrari bei EuroInternational einen Platz. Die IndyCars waren vom Leistungsgewicht durchaus mit den aktuellen Formel-1-Autos vergleichbar. Dafür sind die Rennstrecken in den USA ganz anders. Ich bin dort drüben ja vom permanenten Road Course über Stadtkurse wie bis hin zum Oval alles gefahren. Dann kam Alfa auf mich zu und ich ging zurück nach Deutschland.

Christian Danner zog es nach der Formel 1 in die USA zu den IndyCars - Foto: Christian Danner

Das hat trotz Tourenwagen noch einmal richtig Spaß gemacht?
Christian Danner: Das war großartig. Das letzte Jahr war das Beste, denn da war ich im Werksteam. Giancarlo Fisichella und ich waren ein Team und Alessandro Nannini und Nicola Larini das andere. Da habe ich mich sehr gut mit Fisichella verstanden und auch ein bisschen angefreundet. Der war sehr nett, noch ganz jung und hatte wenig Erfahrung. Aber er war verdammt schnell. Das Auto hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ich bin damit beim DTM Classic letztes Jahr gefahren und es hat immer noch genauso gekribbelt. Die Atmosphäre ist einfach toll. Es war eine Ehre, für Alfa Romeo, einen der ursprünglichsten Motorsport-Hersteller die es überhaupt auf der Welt gibt, zu fahren.

Seine alte DTM-Liebe, den Alfa Romeo 155 V6, pilotierte Danner zuletzt 2017 - Foto: LAT Images

Was würden Sie rückblickend als Ihre größte Leistung im Motorsport bezeichnen?
Christian Danner: Der Titel in der Formel 3000 war deswegen schon so gut, weil wir überhaupt kein Geld hatten. Ich bin die gesamte Markenweltmeisterschaft, die heutige WEC, mitgefahren und das ganze Geld, das ich dort verdient habe, habe ich beim Team in der Formel 3000 abgeliefert. Ein paar Dinge habe ich bekommen, einen VW Bus von einem VW-Händler. Den habe ich dem Team geschenkt. Wir haben da mit einem wahnsinnig limitierten Budget operiert. Hier und da hatten wir mal einen kleinen Sponsor, aber da ging es immer nur um ein paar tausend Mark. Das hat uns durch die Saison gerettet und das war schon eine Leistung. Die anderen waren voll finanziert, wir mussten schauen, wie wir zurechtkommen.

Hätten Sie nach ihrer aktiven Zeit als Rennfahrer auch in den Ruhestand gehen können?
Christian Danner: Nein, das wäre für mich undenkbar gewesen.

Wäre man aus finanzieller Sicht lieber heute als damals Rennfahrer?
Christian Danner: Ja, das muss ich schon sagen. Wenn ich sehe, was die Herrschaften heute so verdienen - davon konnte ich nur träumen. Aber auch hier, keine Bitterkeit auf meiner Seite. Es war halt so.

Den Titel in der Formel 3000 1985 sieht Danner nach wie vor als seinen größten Erfolg an - Foto: Sutton

Als Rennfahrer mussten Sie Economy fliegen, bei RTL Business Class. Das zeigt, wie sehr sich die Zeit geändert hat...
Christian Danner: Ich kann in meinem Leben gar nicht so oft Business Class fliegen, um all die Economy-Flüge wettzumachen, die ich als Rennfahrer geflogen bin. Es gab mal ein Formel-2-Rennen in Japan, da bin ich über Alaska hingeflogen, alles Economy. Ich glaube, das schaffe ich nicht mehr. Die Balance wird immer besser, weil ich ja nach wie vor viel fliege. Das ist eindeutig angenehmer als damals.

Wie sind Sie nach ihrer aktiven Karriere überhaupt zum Fernsehen gekommen?
Christian Danner: Die RTL-Geschichte war wie immer: Da gehört ein bisschen Glück dazu, dass dich im richtigen Moment der richtige Mann anruft und fragt, ob du den Job machen möchtest. Witziger weise war Hans Mahr, heute ein sehr guter Freund von mir, total dagegen. Aber der damalige Sportchef war für mich. Ich hab das dann einfach gemacht. Ich musste mich auch erst mit Heiko Wasser arrangieren, damit wir uns überhaupt gegenseitig verstanden. Aber dann hab ich einfach losgelegt, da hat mich niemand an die Hand genommen. Einfach machen, das war für mich nichts Neues. Das hatte ich in der Formel 2, der Formel 1 und der IndyCar gelernt. Mach und schau, wie du es hinbekommst. Inzwischen bin ich dort sehr glücklich.

Ihr Traumberuf war der des Rennfahrers. Ist Experte und Kommentator der Traumberuf nach dem Rennfahrerleben?
Christian Danner: Das kann man so nicht sagen. Jedes Mal, wenn ich hinter dem Lenkrad sitze, weiß ich schon noch, dass das besser ist. Ich war jetzt in Hockenheim mit einem McLaren GT4 testen. Da habe ich mir auch gedacht: Kommentieren ist super, aber selber fahren ist besser. Realistisch gesehen habe ich jetzt natürlich für mein Alter einen absoluten Traumjob. Weil ich auf der einen Seite Backgroundwissen habe, das sehr groß ist und dazu eine Herangehensweise, die dem Rennfahren sehr ähnlich ist. Ich analysiere, was ist da los, was machen die Fahrer. Das macht sehr viel Spaß. Wenn ich den nicht hätte, hätte ich das nicht so lange gemacht.

Christian Danner bekommt als Experte nach wie vor dazu, die aktuellen Formel-1-Boliden als Fahrer unter die Lupe zu nehmen - Foto: Christian Danner

Wie schaut es denn für die nächsten 60 Jahre aus? Welche Pläne haben Sie?
Christian Danner: Momentan genieße ich wie immer meine Tätigkeit für RTL und habe auch mit Jaguar sehr viel zu tun, dort bin ich für Deutschland Chef-Instrukteur. Das macht auch sehr viel Spaß und wenn sich das die nächsten Jahre noch parallel etwas hinziehen könnte, wäre ich sehr dankbar. Gesundheitlich geht es mir prima. Wenn ich andere in meinem Alter anschaue, bin ich exorbitant fit. Ich hoffe, dass ich noch möglichst lange dem Motorsport erhalten bleibe, denn mir gefällt es dort.

Einen Wunsch habe ich aber: Wenn ich etwas beurteile, überlege ich mir sehr genau, warum und weshalb ich es so beurteile. Ich wundere mich manchmal über die Reaktion der Zuschauer oder der Leser, die dann behaupten: Der hat keine Ahnung, der hat dieses oder jenes nicht gesehen. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Leser versuchen, sich in unsere Situation hineinzuversetzen und versuchen, zu verstehen, was ich da sage.

Und auch, dass man, wenn man gegenteiliger Meinung ist, dem anderen nicht gleich seine Qualifikation abspricht. Ich finde das teilweise schade, denn eigentlich ist es sehr schön zu sehen, dass wir in Deutschland so eine große Gemeinde an Motorsportfans haben, die unterschiedlicher Meinung sind und den Sport anders beurteilen. Das heißt nicht, dass hinterher alle sagen müssen, dass sie es jetzt genau so sehen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sehr schnell auf einem herumgehackt wird. Das finde ich schade, denn ich persönlich höre mir Meinungen immer sehr gerne an, wenn sie begründet sind.


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