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Christian Danner, Interview Teil 2: Formel 1 war rohe Gewalt

Christian Danner feiert 2018 seinen 60. Geburtstag. Wir blickten mit dem Formel-1-Urgestein auf seine bewegte Karriere zurück. Teil 2 des großen Interviews.
von Christian Menath & Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Christian Danner ist für die deutschen Formel-1-Fans vor allem eines: Seit über 20 Jahren ist er die Expertenstimme der TV-Übertragungen von RTL. Eine Rolle, die ihm nicht ohne Grund zuteil wurde. Dem Leben als Fernsehkommentator gingen über 20 Jahre als Rennfahrer voraus, welche den Bayer von seinen Anfängen im 75 PS starken Renault 5 bis in die Formel 1 zur Zeiten der ersten Turbo-Ära führte - und darüber hinaus.

Am 4. April 2018 feiert das Motorsport-Urgestein seinen 60. Geburtstag. Grund genug für Motorsport-Magazin.com, um Christian Danner zum großen Geburtstags-Interview zu bitten. Im zweiten Teil: Die Herausforderung der Formel 1 in den 1980er Jahren und wie Ayrton Senna ihn in Monaco aus einer misslichen Lage boxte .

Interview geführt von Christian Menath

Die erste Turbo-Ära der Formel 1 ist heute legendär. Wie hat es sich damals angefühlt, diese Autos zu fahren?
Christian Danner: Das war schon ein bisschen erschreckend, weil du darauf natürlich nicht vorbereitet bist. Wenn du mit diesen Motoren damals mit viel Ladedruck gefahren bist, hast du das Gefühl gehabt, dass eine Rakete startet. Da bist du mit den Schaltvorgängen fast nicht mehr hinterhergekommen, weil das Teil einfach rohe Gewalt war - rohe, unkontrollierte Gewalt. Die Autos haben 1986 nur 504 Kilogramm gewogen und das bei 1.200 PS. Die Aerodynamik - klar, wir hatten ein Karbon-Chassis und das waren Rennautos wie heute auch - war sehr unzivilisiert. Da hast du dich wirklich zusammenreißen müssen, um das fahren zu können.

Wenn ich das mit Lewis Hamiltons Mercedes von 2014 vergleiche, den ich in Hockenheim gefahren bin, war das eine ein Selbstmordkommando und das andere ein Sofa-Erlebnis. Klar, es ist immer noch schwer zu fahren und vor allem schwer, schnell zu fahren - keine Frage. Aber das damals überhaupt zu bändigen war wirklich schwierig. Ich hab da auch mit dem Gerhard Berger öfters drüber gesprochen, der das Auto im Jahr davor noch gefahren war. Der hat auch gesagt: Weißt du Christian, damals war es einfach so, dass du fast ein Jahr gebraucht hast, bis du dich mit dem Auto alles getraut hast. Es war alles so unvorhersehbar, was das Auto gemacht hat. Da musste man sich erst reinarbeiten.

Außerdem warst du dort draußen auf dich alleine gestellt. Da gab es niemanden, der dir geholfen hat oder dir gesagt hat: Geh mal vier Meter früher vom Gas, dann kannst du besser einlenken. Oder, dass deine Reifen fünf Grad zu viel Temperatur haben. Den Spritverbrauch musstest du im Cockpit selber mitrechnen, die richtigen Drehzahlen fahren und beim Herunterschalten aufpassen, den Motor nicht zu überdrehen. Die Eigenverantwortung des Fahrers war damals Mitte der 1980er Jahre so groß wie nie zuvor. Aber das wusste ich ja, denn das hatte ich in der Formel 2 schon gelernt, dass da draußen niemand war, der auf dich aufpasst.

Die Formel 1 stellte Danner und seine Kollegen vor 30 Jahren vor andere Herausforderungen - Foto: Sutton

Damals spielten Größe und Gewicht des Fahrers eine noch entscheidendere Rolle als heute, denn das Mindestgewicht galt immer ohne Fahrer. Das war für Sie sicherlich auch nicht einfach...
Christian Danner: Als ich bei Arrows war, hatte ich wieder Thierry Boutsen als Teamkollegen. Den kannte ich ja aus der Formel 2 und der war richtig schnell, der war mit seinem Grundspeed nicht leicht zu kriegen. Aber er hatte auch einen Vorteil, denn er war fünf oder sechs Kilogramm leichter als ich. Die anderen waren 10 oder sogar 20 Kilogramm leichter. Das hat man damals gar nicht so bedacht, aber du hattest natürlich einen signifikanten Nachteil. Was die Größe anging natürlich auch. Bei den Cockpit-Dimensionen stand nur fest, dass die Füße nicht vor der Vorderachse sein durften und der Kopf unter dem Überrollbügel sein muss.

Der Rest war egal, aber die Ingenieure haben die Autos natürlich immer kleiner und flacher gebaut, so dass letztendlich auch die ganz kleinen Fahrer wie Pierluigi Martini und Alain Prost mit den Schultern im Wind saßen. Wenn man sich mal den 1987er Zakspeed von der Seite anschaut, da wird dir angst und bange. Aber das war damals ganz normal, nicht nur bei den großen Fahrern wie ich einer war. Ich habe natürlich noch mehr gelitten, weil ich die Beine unten auch noch irgendwie unterbringen mussten. Das war schon schwierig und natürlich total ungerecht. Ich habe damals etwa 70 Kilogramm gewogen, was für eine Körpergröße von 1,86 Metern wahrlich nicht viel war. Aber es waren trotzdem viele dabei, die wesentlich leichter waren.

Die Formel-1-Boliden der 1980er Jahre waren alles andere als ergonomisch konzipiert - Foto: Sutton

War Ihre Statur auch ein Faktor, weshalb es in der Formel 1 schlussendlich nicht weiterging?
Christian Danner: Das war einer der Hauptgründe. Es war einfach die Körpergröße und da war niemand bereit, Kompromisse zu machen. Außerdem gab es auch immer eine Alternative in Form eines kleineren Piloten. Das war sicher das Hauptproblem.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Formel-1-Zeit?
Christian Danner: Da muss ich schon überlegen... das sind einzelne Momente. Die Strecke in Rio de Janeiro hatte ich zum Beispiel sehr gerne. Der Grand Prix von Brasilien 1989 war ein sehr tragisches Wochenende, weil Philippe Streiff seinen Unfall hatte, bei dem er sich an der Halswirbelsäule verletzt hat. Die Strecke in Rio wurde ja mittlerweile leider abgerissen, aber es gab am Ende der langen Gegengeraden eine ganz schnelle Linkskurve, da konntest du dich richtig reinhauen, das war sagenhaft. Es war so toll, in dieser Atmosphäre zu fahren.

Wenn du in die Startaufstellung gefahren bist, hat die Feuerwehr die Leute mit Wasser nassgespritzt, weil es dort so heiß war. Die Fans haben getobt, es war eine irrsinnige Stimmung und so ein Auto zu fahren war eine unglaubliche Befriedigung. In so einem Moment genoss ich es einfach, ein Grand-Prix-Fahrer zu sein. Wenn du da in die Startaufstellung fährst, denkst du dir einfach nur: Super, du machst genau das Richtige.

Danner genoss die Atmosphäre in Rio de Janeiro, hier im Jahr 1987 hinter dem Steuer des Zakspeed - Foto: LAT Images

War die Formel 1 damals nur Racing oder war es viel mehr?
Christian Danner: Es war natürlich lange nicht so populär wie heute. Speziell in Deutschland, denn wir waren ja immer noch an der Grenze der Sittenwidrigkeit. So lautete damals die offizielle Begründung der Fernsehsender, weshalb es nicht übertragen wurde. Somit war dieser Zirkus natürlich noch kleiner. Man hatte etwas mehr Zeit und hat mehr gesehen. Das war sehr schön und ich werde darum auch immer noch ein bisschen beneidet.

Letztens hat Romain Grosjean zu mir gesagt: Mensch, ein Formel-1-Fahrer in den 1980ern zu sein war bestimmt das Allerbeste. Dazu sage ich: Rückblickend betrachtet schaut immer alles rosarot aus, aber man hatte damals auch immer schon seine liebe Not mit den einen oder anderen Dingen. Dann waren es keine losen Radmuttern sondern eine gebrochene Aufhängung. Irgendwas geht immer kaputt an einem Formel-1-Auto. So gesehen war es auch nicht anders. Aber wir hatten mehr Zeit und es gab nette Cliquen.

Es gab eine ganz große italienische Verbindung mit Andrea de Cesaris, Eddie Cheever, Riccardo Patrese und Pierluigi Martini. Ich war der einzige Deutsche dort. 1989 gab es auch ein paar andere, aber die sind mit ihrem Material oft schon an der Vorqualifikation gescheitert. So gesehen war ich lange Zeit der einzige Deutsche, der mitgefahren ist. Es war sauschwierig, aber man hat sich in dem Umfeld sehr wohl gefühlt.

Die Ingenieure konnten den Fahrern damals nur an der Box zur Seite stehen - Foto: Christian Danner

Wäre Christian Danner lieber heute Formel-1-Fahrer oder damals?
Christian Danner: Die Frage stellt sich ja nicht, ich kann es mir nicht aussuchen. Aber es ist bei diesen Dingen immer so: Es gibt viele Fahrer, die mit viel Bitterkeit zurückblicken und sagen: Wäre ich nur und hätte ich nur. Dazu gehöre ich nicht. Natürlich weiß ich, ich hätte in der Formel 1 mehr Erfolge haben können, was meine fahrerischen Fähigkeiten anging. Da bin ich mir sicher. Aber ob ich einen Prost, Senna oder Mansell hätte schlagen können, da bin ich mir nicht ganz so sicher - denn ich weiß und habe gesehen, wie die fuhren. Aber ich schaue mit großer Freude zurück, denn ich habe so viel gelernt und hatte Spaß an dem, was ich gemacht habe. Für mich war es der schönste Beruf der Welt.

Ich habe mich deshalb auch nie beschwert, obwohl ich oft Grund dazu gehabt hätte. Ich habe den Kopf runtergenommen und Gas gegeben. Das war damals und ist meiner Meinung nach auch heute noch die richtige Einstellung. Nur andere Zeiten bedeuten, dass sich Dinge auch ändern. Es war so wie es war in Ordnung und gut. Und die physikalischen Begebenheiten haben sich auch nicht geändert. Das ist immer noch alles gleich. Anbremsen, Einlenken, Feedback in der Lenkung, Traktion, Umsetzen. Das ist immer noch alles identisch. Früher war es ein bisschen grober und weniger raffiniert, aber die Gesetze der Physik haben sich auf diesem Planeten nicht geändert.

Klar, die Autos sind viel ausgereifter und komplizierter. Sie sind auch viel besser, haben keine bösen Angewohnheiten mehr. Es steht keiner mehr quer und niemand weiß warum. Die Zeiten sind vorbei, denn heute wissen die Ingenieure, warum es so ist. Sie können Windkanal und CFD abgleichen. Ich bin nie ein Formel-1-Auto gefahren, das im Windkanal war. Es hatte auch einen Flügel der funktionierte, die Frage war nur wann und wie...

Danner pilotiert den Zakspeed 1987 durch Monaco - Foto: Sutton

Eine spezielle Geschichte verbinden Sie mit Ayrton Senna. In Monaco kam es 1987 einmal fast zum Eklat...
Christian Danner: Ja, und es war nicht Senna gegen mich sondern für mich - er hat mir damals den Kopf gerettet. Diese Monaco-Geschichte war folgendermaßen: Ich habe den zweifelhaften Ruhm erlangt, der erste Fahrer in der Geschichte der F1 zu sein, den man wegen gefährlichen Fahrens vom Rennen ausgeschlossen hat. Das war eine sehr unschöne Geschichte, sehr politisch. Das Ganze ist passiert, weil Michele Alboreto mich über den Haufen gefahren hat, als ich mit kalten Reifen auf dem Weg hoch zum Casino war. Er hatte sich einfach verschätzt.

Daraufhin hat man mich vom Rennen ausgeschlossen. Ich stand dadurch natürlich wie ein Idiot da, schließlich hatte ich keine Lobby oder irgendwen, der für mich Partei ergriffen hätte. Was sollst du da sagen? Und es war auch nicht wie heute, dass du alles anhand der GPS-Daten und Onboard-Kamera nachvollziehen konntest. Der damalige Rennleiter Jackie Ickx entschied, weil die Streckenposten gesagt haben: So ist es gewesen. Das war ein Politikum, weil der Ferrari-Rennleiter das damals auch gefordert hatte. Aber Senna fuhr hinter uns und hatte alles gesehen.

Er hat dann eine kleine Presserunde einberufen. Wenn er angekündigt hat, dass er etwas zu sagen hat, kamen alle angelaufen und haben sich irgendwo im Fahrerlager mit ihm hingestellt, einfach so. Er hat dann ein Plädoyer für mich gehalten und gesagt, der Kerl kann nichts dafür und es geht nur um Politik. Das hat mir schon sehr gut getan, dass es nicht irgendjemand, sondern er war. Ganz ohne Not, denn was hatte er davon, mich zu verteidigen? Gar nichts. Es war ja nicht so, dass wir die dicksten Freunde oder Teamkollegen gewesen wären. Da gab es keine Verbindung, außer, dass wir uns kannten und am Wörthersee mal Wasserski fahren waren. Das fand ich sehr gut, das habe ich ihm auch gesagt. So kam ich, obwohl ich dann nicht gefahren bin, erhobenen Hauptes aus der Nummer heraus.

Danner hatte es mit seiner Statur in der Formel 1 nicht leicht - Foto: Sutton

Wenn wir mal ans Ende Ihrer Formel-1-Karriere springen - statistisch war 1989 das erfolgreichste Jahr, aber warum auch das letzte?
Christian Danner: Naja, die Schwierigkeiten mit Größe und Gewicht waren ja bekannt. Aber es gab auch ein anderes Problem: Das Auto hat sich ab dem Grand Prix von Kanada, der ein Regenrennen war, permanent delaminiert. Das Monocoque hat sich aufgelöst, als ob es aus Pappe war. Es hat niemand wahrhaben wollen.

Mit dem Rial fuhr Danner 1989 in Phoenix auf einen sensationellen vierten Platz - Foto: Sutton

Aber das Auto war auch unheimlich langsam. Du konntest es hart, weich, hoch oder tief abstimmen, es war immer langsam. Damit konntest du dich nicht mehr qualifizieren. Wenn du die zweite Saisonhälfte nicht mehr in der Startaufstellung stehst, fragt keiner, ob es am Auto lag. Da sagen die Leute schnell: Der kann es halt doch nicht.

Lesen Sie im dritten und finalen Teil des großen Geburtstags-Interviews: Christian Danners Abenteuer in Japan und bei den IndyCars, die goldene DTM-Zeit und der Weg in die Kommentatoren-Kabine.

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