Formel 1

Formel 1 2018: Williams verpatzt Test, P4-Traum lebt trotzdem

Williams hat sich bei den Formel-1-Testfahrten zur Saison 2018 nicht mit Ruhm bekleckert. Das F1-Team erkennt das selbst, träumt aber munter weiter ...
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - P16, P18 und P21 - von 21. Das sind die Resultate der Williams-Stammfahrer Lance Stroll und Sergey Sirotkin sowie F1-Ersatzfahrer Robert Kubica, blickt man auf das Endergebnis der gesamten Abschluss-Testfahrten der Formel 1 für die Saison 2018 in Barcelona. Ein düsteres Bild für die weißen Boliden aus Grove.

Allerdings erzielten zumindest die beiden Einsatzfahrer ihre Bestzeiten auf dem soften Reifen von Pirelli, ein Großteil der Konkurrenz nutzte bereits die drei weicheren Gummi-Mischungen. Rechnet man mit den inzwischen durch Pirelli veröffentlichten Delta-Zeiten zwischen den Mischungen diesen Nachteil heraus, sieht das Bild besser aus: Bezogen auf den Supersoft - beim Spanien GP Mitte Mai die Mischung für das Qualifying - ergeben sich daraus die Positionen 7, 12 und 13 für die Williams-Piloten.

Trotz Test-Tristesse: Williams will P4 zurückerobern

Das jedoch ist noch immer weit entfernt davon, wo sich Williams selbst in der Formel-1-Saison 2018 sieht. "Ich hoffe, dass wir dieses Jahr um P4 kämpfen. Wir wollen uns gegenüber P5 im vergangenen Jahr verbessern und das ist ganz klar der vierte Platz", gibt Teamchefin Claire Williams klar die ambitionierte Marschroute für ihre Truppe vor.

Doch ist das realistisch? "Es wird hart. Die Topteams sind sowieso weg und Renault sieht auch sehr stark aus", gesteht Williams. Doch sind es nicht nur Mercedes, Ferrari, Red Bull und eben auch Renault, die Williams beim F1-Test klar den Schneid abkauften. Auch mit bereinigten Rundenzeiten mussten sich alle Williams-Fahrer noch hinter dem besten Haas abstellen, zwei von drei auch hinter dem schnellsten McLaren.

Williams-Chefin: Es wird härter, haben noch zu tun

Damit nicht genug. Auch on track war mit bloßem Auge zu erkennen, dass der Williams FW41 noch alles andere als ideal auf der Strecke liegt. Der erste komplett von Paddy Lowe konzipierte Bolide aus Grove wirkte nervös, schien mehr zu rutschen als das Gros der Konkurrenz. Motorsport-Magazin.com hakte deshalb noch einmal nach bei der Teamchefin: Wie viel ist nach diesen Eindrücken noch geblieben von der Zuversicht, dem Traum von P4?

Fahrerpaarung: Bankrotterklärung für Williams Formel-1-Team?: (20:48 Min.)

"Ich denke, dass es härter sein wird", gesteht Williams darauf. "Alle haben über den Winter einen wirklich guten Job gemacht, um richtig starke Rennautos zu fertigen. Besonders Renault, aber auch McLaren. Die hatten zwar einige Probleme, aber wenn es zu den Rennen geht, wird es sicher mehr in ihre Richtung laufen. Uns ist klar, dass es hart wird."

Williams weiter: "Es ist offensichtlich, dass wir noch etwas zu tun haben. Aber es ist auf jeden Fall zu früh, ganz klar Ja oder Nein zu sagen, wenn es darum geht, ob wir um P4 fahren können. Um P1, P2 und P3 nicht. Das ist auf jeden Fall zu schwer, aber um P4 wollen wir fahren. Wir müssen dafür hart arbeiten."

Sirotkin: Williams hat ganz klar Probleme

Schonungsloser resümiert Rookie Sergey Sirotkin die Testfahrten. "Es gibt ganz offensichtlich noch ein paar Probleme. Ich denke, um ehrlich zu sein, dass es kein großartiger Test gewesen ist. Wir sind nicht die tollen Rundenzeiten gefahren, die wir erhofft hatten. Es gibt viele kleine Dinge, die wir analysieren müssen und aus denen wir versuchen müssen, zu lernen, um bis Australien aussortiert zu sein", stellt der studierte Ingenieur klar.

Immerhin wisse Williams jetzt, welche Dinge stimmen würden und welche nicht. Noch dazu sieht Sirotkin mehr Potential im Williams, als das Team in Barcelona zu wusste. "Ich denke, dass wir die Performance nicht ganz maximieren konnten. Weil wir nicht die Zeit hatten, um alle Schwachstellen des Autos zu finden", sagt Sirotkin mit Blick auf die vor allem in der ersten Woche katastrophalen Witterungsbedingungen. "Wir lernen noch, wo Potential, aber auch Schwächen des Autos liegen. Es ist noch Raum für Verbesserungen. Aber ich weiß nicht genau, wie viel schneller wir noch könnten", so der Russe.

Kubica: Qualität des Williams FW41 hängt von Zielen ab

Robert Kubica gibt sich kryptischer, aber insbesondere vor dem Hintergrund der ambitionierten Saisonziele seiner Teamchefin zwischen den Zeilen doch recht klar. "Es hängt davon ab, was unser Ziel ist", kommentiert der Ersatz- und Entwicklungsfahrer Williams' Nachfragen, wie groß der Nachholbedarf beim Team jetzt ist.

"Es ist eine frühe Phase des Autos. Aber klar, keiner ist glücklich damit, dass wir bis heute Probleme mit der Balance des Autos hatten und - anders gesagt - in einer schwierigen Situation mit den Reifentemperaturen sind. Das macht uns sehr anfällig", schildert Kubica. Genau hier sieht auch Technikchef Lowe den Kern aller Probleme: "Wir waren leider nicht in der Lage, uns mit dem Supersoft oder Ultrasoft zu verbessern. Das ist etwas, dass wir ganz klar verstehen müssen."

Formel-1-Autos 2018 im Technik-Check: Williams FW41: (02:18 Min.)

Formel 1: Williams hat ein Reifen-Problem

"Wir hatten in den letzten Tagen nicht die besten. Besonders vergangene Woche, als es mit dem Wetter schwierig war. Aber wir hatten auch Probleme damit, die Reifen zu verstehen und richtig zum Arbeiten zu bekommen. Besonders die Softs und Hypersofts und Supersofts", bestätigt die Teamchefin.

Dass Williams seine Bestzeiten nicht mit den weichsten Mischungen, sondern dem Soft erzielt hatte, war also keine bewusste Entscheidung wie etwa bei Mercedes, die sogar nur mit dem Medium auf Bestzeit-Jagd gingen. Dennoch malt Lowe den Teufel nicht an die Wand. Klar, immerhin hat er den FW41 selbst zu verantworten. "Dafür, dass dieses Auto vor keinen zwei Wochen angelassen wurde, war die Zuverlässigkeit beeindruckend. Wir hatten nur zwei nennenswerte Defekte, die Zeit gekostet haben", meint Lowe.

Fahrerfrage: Wenn der Ersatzmann der schnellste Williams ist ...

Positiv seien auch die fahrerischen Leistungen seiner Piloten angesichts der extremen Bedingungen. "Ein 'Gut gemacht' an das Team für den großartigen Job bislang und besonders an unsere drei Fahrer, die sich selbst und das Team hart, aber ohne Vorfall gepusht haben, besonders in einigen sehr brenzligen Bedingungen", lobt Lowe.

Weitere Streicheleinheiten also für die Fahrer, vor allem die Stammfahrer. Über die hatte sich während der Testfahrten nämlich einmal der eine oder andere amüsiert - weil Robert Kubica zeitweise der schnellste Williams-Pilot gewesen war. Was das über die Qualität der Einsatzfahrer aussagt?

"Ich glaube es sagt, dass es ein sehr schwieriger Test war, zum Beispiel mit dem Wetter. Manche Fahrer gehen raus und haben perfekte Bedingungen, andere haben diese Chance nicht, weil das Wetter nicht so gut ist. Oder wir fahren mit einem nicht optimalen Setup. Also glaube ich nicht, dass man das so genau sagen kann", antwortet Claire Williams.

Formel 1 2018: Fragen nach den Wintertests: (18:04 Min.)

Viel hilft viel? Vier Renningenieure für zwei Fahrer

Die aus dem Mutterschutz zurückgekehrte Teamchefin verteidigt einmal mehr ihre beiden Schützlinge: "Man kann die Zeiten anschauen und sagen, Mercedes ist vorne, das stimmt. Aber Fahrer vergleichen, wenn man die Programme nicht miteinbezieht oder das Wetter zu dem Zeitpunkt, dann ist es sehr schwierig zu sagen 'Williams hat die falsche Entscheidung getroffen, weil der Ersatzfahrer der schnellste ist' Nein, das stimmt nicht!"

Sie wissen um all Diskussionen, immerhin sei es nicht das erste Mal. Williams vertraut jedoch voll und ganz auf ihr Gespann und ihre Entscheidung. "Lance hat im Winter viel gearbeitet, um gut vorbereitet in die Saison zu gehen", versichert Williams. Der Sohn von Milliardär Lawrence Stroll habe viel an Fitness und seinen größten Schwächen seiner Debütsaison 2017 gearbeitet und werde weiter daran feilen. Dafür gibt es 2018 noch mehr Hilfe: Stroll bekommt jetzt gleich zwei Renningenieure, genauso Sirotkin.

"Die Arbeit im Winter, die Analyse meiner Probleme im vergangenen Jahr, die Arbeit an der Balance, an meinem Fahrstil hat geholfen", berichtet Stroll selbst. Williams ergänzt: "Außerdem ist er trotz seines jungen Alters unglaublich selbstsicher und scheut sich nicht, die Ingenieure zu fragen, was zu tun ist."

Apropos Ingenieur. Auch Sirotkin hat bei Williams einen Stein im Brett. "Er hat einen fantastischen Job gemacht, ich bin echt begeistert. Erst kurz im Team, hat aber schon viel Zeit in der Fabrik verbracht. Seit Januar war er immer in Grove. Ich habe lange nicht gesehen, dass sich ein Fahrer berufen fühlt, derart mit dem Team zu arbeiten", so Williams. Bis Melbourne will Sirotkin eigenen Aussagen zufolge nun quasi in Grove einziehen und jeden Tag dort verbringen.

Williams beschwört starke Basis des FW41

Dennoch: Der Russe ist und bleibt ein Rookie, wird sich erst eingewöhnen müssen. "Aber er ist im Paddock schon ein alter Bekannter und fährt auch schon länger F1-Autos", relativiert Williams mit Blick auf Sirotkins Einsätze für Sauber und Renault. Robert Kubica, der am liebsten selbst im Stammcockpit gesessen hätte, sieht das - trotz aller groß beschworenen Teamharmonie auch unter den drei Fahrern - etwas kritischer.

Besonders mit Blick auf den F1-Saisonstart in Melbourne. "Wir haben Sergey, der noch nie in Australien war, und Lance, erst zum zweiten Mal. Da ist es wichtig, dass wir ihnen Vertrauen ins Auto mitgeben. Dass das Auto macht, was sie wollen und, dass das Auto in allen Bedingungen gut funktioniert", mahnt der Pole, nimmt sich gleichzeitig jedoch mit in die Pflicht.

Dass ihm und Williams das gelingen kann, da sind sich zumindest im Team selbst alle einig. Die Basis stimme immerhin voll und ganz. "Alle drei Fahrer haben gesagt, dass sie auf alle Fälle zufrieden mit den Verbesserungen sind im Vergleich zum letzten Jahr. Vor allem mit der Balance, besonders am Heck des Autos", meint Claire Williams.

"Wir sind jetzt auf einer guten Basis. Das Auto ist zuverlässig, wir haben unser Programm geschafft und ich fühle mich wohl im Auto. Es hat mehr Grip, mehr Potential, ist leichter zu fahren, sodass die Ergebnisse besser werden sollten. Ich denke, dass ich das Auto jetzt schon besser verstehe als das im vergangenen Jahr. Die Balance passt, es geht in die richtige Richtung", bestätigt Lance Stroll, was ein gutes Stichwort für ein weiteres wichtiges, und bei Williams heikles, Thema ist: Weiterentwicklung.

Entwicklungsrennen treibt Williams Sorgenfalten auf die Stirn

2017 hatte die Truppe aus Grove immerhin noch solide begonnen, fiel im Saisonverlauf im Entwicklungsrennen jedoch sukzessive, bis in die Chancenlosigkeit gegen Force India, zurück. 2018 ist nun auch der Start alles andere als ideal, entsprechend muss auch von Teamseite eine gewaltige Schwäche des Vorjahres ausgemerzt werden.

Formel 1 2018: Analyse der F1-Testfahrten in Barcelona: (18:14 Min.)

Genau davor graut sogar schon Teamchefin Claire Williams "Ich denke, es wird im Mittelfeld das ganze Jahr über einen großen Kampf geben. Es wir echt hart. Es wird wegen dieses Levels an Wettbewerb im Mittelfeld ein intensiverer Entwicklungskrieg denn je." Ihre Hoffnung, den Traum von P4 dennoch in Erfüllung gehen zu lassen hat unterdessen einen Namen: Paddy Lowe.

"Deswegen haben wir ihn an Bord geholt. Wir müssen sichergehen, dass seine Erfahrung und Expertise uns hilft, um um diesen vierten Platz zu kämpfen", sagt Williams. "Aber es wird sehr schwierig werden, sehr viel Entwicklung notwendig sein. Wer kann die besten Upgrades bringen? Vielleicht freue ich mich selbst nicht wirklich auf die Saison, muss ich zugeben ...", gesteht Williams nach etwas Bedenkzeit schließlich selbst. "Es wird eine schwierige."


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