Formel 1 / Historisches

Niki Lauda - Die Geschichte eines Österreichers

Niki Lauda war schon vieles: Rennfahrer, Teamchef, Pensionär, Fluglinienbesitzer und natürlich F1-Weltmeister.
von Klaus Ewald

Motorsport-Magazin.com - Bestimmt tausend Menschen sitzen dort, fast andächtig, um auf das Eröffnungsritual der Essener Motorshow`84 zu warten, die traditionellen, oftmals aber auch anachronistisch anmutenden Reden, die kuriose Verleihung des alljährlichen Kunstpreises, Nina Rindt allemal, manche auch, um selbst gesehen zu werden, denn die erste Dezemberwoche eines jeden Jahres ist auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, und als ich den bereits zu zwei Dritteln gefüllten Kongresssaal betrete, vorbeihusche an einem im Nadelstreifenanzug hofhaltenden Ron Dennis, Erich Zakowski im hellgrauen Trenchcoat samt Gefolge heraneilt, spüre ich bereits an der Eingangstür: Er ist schon da. Soviel Charisma zeigt seine wahre Qualität erst in einer grossen Menge. Für die Franzosen ist er le magnifique, für die Briten die super rat, in Italien Niki nationale, und in den USA The Phoenix - Niki Lauda, das ist der Leonardo da Vinci und Wernher von Braun des postindustriellen Zeitalters und irgendwann, wenn alles getan, gesagt und geschrieben ist, was immer bis dahin auch passiert sein mag, wird man feststellen: Dieser Mann ist die Nummer 1 der neueren Technikgeschichte.

So kennt ihn die F1-Welt heute: Niki Lauda. - Foto: Sutton

Er fuhr die berühmtsten Grand Prix Wagen (Ferrari, McLaren), feierte zweimal Comebacks, die andere Weltklassesportler nicht ein einziges Mal schafften (1976 in Monza, 1982 in Kyalami), vorallem aber gründete er die kleinste, aber berühmteste Airline der Welt. Gegen den erbitterten Konkurrenzkampf der damaligen Staatskonzerne AUA und Lufthansa, später seine Partner, und das zu einer Zeit explodierender Treibstoffkosten und Kreditzinsen, die selbst den legendären Freddy Laker in den Bankrott trieben. Der dreidimensionale Lauda (Männer Vogue), die lebende Legende (Stefan Heinrich im Sportkanal), ausgezeichnet mit dem höchsten internationalen Orden, den der Sport zu vergeben hat (dem International Award of Valour in Sport 1976) und die rot-weiss-roten Flieger mit dem markanten L auf den Flanken, bis auf Enzo Ferrari und Ayrton Senna allesamt benannt nach berühmten Musikern (von John Lennon bis Johann Strauß), das ist nicht nur die grösste Pionierleistung, sondern schlichtweg die Erfolgsstory dieses Jahrhunderts und die Katastrophe von Bangkok hat daran nichts geändert. Man hatte ihm acht Millionen Dollar geboten, wenn er in den umstrittenen Brabham BMW BT55 gestiegen wäre, doch diese aus Prinzip unbeugsame Persönlichkeit, vielseitig talentiert als Buchautor, Fernsehkommentator, Schauspieler und Industrieberater, Technokrat durch und durch, aber mit viel Phantasie, manchmal stur, sensibel, aber immer auch charmant, erwarb den Linienpilotenschein, erstritt sich in langwierigen Prozessen Langstreckenkonzession und internationale Flugrechte und flog, für ein Monatsgehalt von rund 7000 DM, bald weltweit eine halbe Million Passagiere nach Hongkong und Sidney.

Die klinisch sauberen, nagelneuen Grossraumjets, finanziert an der Börse grösstenteils durch Kleinaktionäre, der international perfekteste Service mit von Hand verlesenen Stewardessen - der Feuerball über dem Abendhimmel des thailändischen Dschungels am letzten Maisonntag des Jahres 1991 hat all dies nicht auslöschen können, als Flug Nr. 004, Boing 767-300 ER Mozart mit den Piloten Tom Welch und Josef Thurner sowie 223 Passagieren an Bord 16 Minuten nach dem Start in 26000 Fuss Höhe plötzlich von den Radarschirmen verschwand.

Niki Lauda in einem Ferrari 312t2. - Foto: Sutton

Das "Jahrhundertunglück, schlimmer als Lockerbie" (Lauda), vergleichbar nur mit der Challenger-Katastophe, für den berühmtesten Flugkapitän der Welt (der übrigens nie eine Uniform, sondern nur einen normalen Anzug trägt) Anlass seine technologische Philosophie im Detail zu modifizieren, ohne sie grundsätzlich in Frage zu stellen und sämtliche Rätsel um den Absturz lückenlos aufzuklären ("... und wenn ich selbst drankomme."), die die Weltöffentlichkeit in atemloser Spannung hielten. Doch erst viel später bestätigte sich im Windkanal am Modell der erst 1995 auf den Markt gekommenen 777 (die der 767 bezüglich der Aerodynamik vergleichbar ist) was wirklich passiert war. Ausgelöst durch einen konstruktiv bedingten Systemfehler schaltete ein Triebwerk plötzlich auf Schubumkehr.

Bei der inzwischen erreichten Reisegeschwindigkeit von rund 950 Kilometer pro Stunde legte sich der Grossraumjet in Sekundenschnelle auf den Rücken, wobei der Auftrieb schlagartig abriss, das Flugzeug im Sinkflug Überschallgeschwindigkeit erreichte und auseinanderbrach. Da bei der Typabnabnahme seitens der amerikanischen Zivilluftfahrtbehörde die Tests mit fälschlicherweise einsetzender Schubumkehr nur im Geschwindigkeitsbereich bis zu 500 km/h geflogen wurden (also im Hinblick auf eine im Landeanflug zu früh einsetzende Wirkung dieses nur am Boden zur Unterstützung der mechanischen Bremsen gedachten Systems, ein Fehler in Reiseflughöhe wurde theoretisch gar nicht in Betracht gezogen), musste die Unglücksursache auch bei den von Lauda selbst im Simulator durchgeführten Tests lange im Verborgenen bleiben.

Niki Lauda und Nelson Piquet. - Foto: Sutton

Die Mozart war die erste 767, die überhaupt abgestürzt ist, seit dieser Typ auf dem Markt ist, und in der Folge mussten auf Betreiben Laudas ( der im Falle eines Mitverschuldens seiner Mitarbeiter seine Gesellschaft aufgelöst hätte) sowie nach Intervention der US-Behörden mit Ausnahme der 737 an praktisch allen Boeing-Modellen (und auch den Flugzeugen der Konkurrenz) die Schubumkehrsysteme überarbeitet werden.

Drei Weltmeistertitel, 25 Grand Prix Siege, die zweite, bürgerliche Karriere und darin das Überwinden der Katastrophe: Der Mythos Lauda, riesengross, fast übermenschlich, beweist wie nichts anderes auf der Welt, wieweit Willenskraft in Verbindung mit Logik und Kreativität die Menschheit bringen können, allen ideologischen Kritikern moderner Technologie zum Trotz. Schliesslich ist es Laudas Verdienst, die moderne Formel 1 auf ihre methodische Basis gestellt, das Zeitalter des permanenten Testens und Weiterentwickelns eingeleitet zu haben.


Wir suchen Mitarbeiter