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Kommentar: Warum Vettels Fehler doppelt schlimm ist

Man kann und darf mal ausrasten - meint Motorsport-Magazin.com-Redakteur Christian Menath. Sebstian Vettel macht aber den großen Fehler nach dem Blackout.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Es war die irrste Szene eines irren Rennens: Sebastian Vettel kracht Lewis Hamilton in Runde 20 des Aserbaidschan GP gleich zweimal ins Auto: Das erste Mal unabsichtlich, das zweite Mal mit voller Absicht - weil er dachte, Hamilton hätte ihn absichtlich auflaufen lassen, wäre für die erste Kollision verantwortlich.

Doch Hamilton war für die erste Kollision nicht verantwortlich, der Brite stand nicht einmal auf der Bremse. Vettel war nur komplett im Tunnel, wollte sich nicht noch einmal abhängen lassen und rechnete damit, dass Hamilton nach T15 das Tempo anzieht. Tat er aber nicht und deshalb krachte Vettel ihm ins Heck.

Die zweite Szene ist nahezu unglaublich: Vettel fährt nach dem ersten Kontakt direkt neben Hamilton, gestikuliert wild herum und fährt ihm dann mit voller Absicht ins Auto. Über die Strafe wurde danach ausreichend diskutiert - ich persönlich finde sie zu mild. Aber für das Strafmaß kann Vettel nichts. Für die Aktion sehr wohl.

Dass einem Sportler im Eifer des Gefechts die Nerven durchgehen? Vollstes Verständnis. Wer selbst Sport macht, muss das nachvollziehen können - sonst ist er nicht mit vollem Herzblut bei der Sache. In der Formel 1 ist es mit Revanchefouls meist schwierig, deshalb sehen wir solche Szenen nicht häufig. Da hören wir meist nur übelste Beschimpfungen am Boxenfunk. In dieser Szene hat sich das Revanchefoul für Vettel fast angeboten.

Revanchefoul war Revanche für eigenen Fehler

Nicht, dass ein Revanchefoul gut ist, aber es kann passieren. Da brennen die Sicherungen durch und fertig. So sehr ich es verstehen kann, wenn einem Sportler die Sicherungen durchbrennen, so dumm war es in Vettels Situation.

Aus zwei Gründen: Erstens kämpft Vettel um die WM. Er hätte sich sein Auto mit der Aktion beschädigen können, was zu einem Nuller hätte führen können. Er hätte von den Stewards auch deutlich härter bestraft werde können: Disqualifikation, Rennsperre - all das war möglich. "Der Fahrer, der cool bleibt, hat einen Vorteil", meint unser Experte Christian Danner. Da bin ich ganz bei ihm.

Und Lewis Hamilton blieb cool - und zwar sowas von cool. Wer hätte von Lewis Hamilton erwartet, dass er einfach nur verwundert die Hand hebt, wenn ihm ein anderer Pilot erst unabsichtlich ins Heck fährt, anschließend noch absichtlich in die Seite? Ich würde es von keinem Fahrer erwarten, am wenigsten eigentlich von Hamilton. Entweder er empfand die Szene als surreal und wusste gar nicht, was da gerade vor sich geht, oder aber er hatte seine Emotionen im Griff. Wie dem auch sei: Hamilton hat sich nicht zu einer vorschnellen Reaktion hinreißen lassen - Respekt. Hamilton war der coole, Hamilton hat den Vorteil.

Dazu darf man nicht vergessen: Vettels "Revanche"-Foul war überhaupt keine Revanche. Das Foul beruhte auf einer falschen Annahme - nämlich dass Hamilton ihn absichtlich hätte auflaufen lassen. Das macht die Situation doppelt blöd für Vettel.

Weiß Vettel, dass er einen Fehler gemacht hat?

In der Rennunterbrechung, als beide aus ihren Autos stiegen, kam es zwar leider nicht zum Showdown zwischen den beiden, dafür aber zu bemerkenswerten Szenen bei Ferrari. Wie ein kleiner Schuljunge stand Vettel da und wusste, was er gerade gemacht hatte. Er schämte sich für seine Aktion.

Ist sich Vettel seines Fehlers bewusst? - Foto: Sutton

Aber dann ist da noch die Seite von Sebastian Vettel, die etwas unrühmlicher ist. Dass ein Mensch Fehler macht, ist normal. Aber reflektierend sollte man auch eigene Fehler erkennen und vor allem anerkennen. Erkannt hat er seinen Fehler wohl, anerkannt nicht. Denn in den Medienrunden nach dem GP sprach er noch immer davon, wie ihn Hamilton hätte auflaufen lassen.

Das ist nicht unbedingt menschliche Größe, aber das kennen wir von großen Sportlern - auch vom Größten unseres Sports. Vielleicht werden sie auch deshalb so geliebt, weil sie eben nicht frei von jedem Makel sind. Bad Boys haben eine gewisse Anziehungskraft. Vielleicht brauchen sie diesen Makel auch, um die Besten zu sein. Vielleicht bedingt der schier unendliche Siegeswille in unserem Sport diese Charaktereigenschaft einfach. Schwäche zeigen kommt nicht in Frage - auch wenn es menschliche Größe wäre.


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