Formel 1

7 Schlüsselfaktoren in Baku: Wenn es Nacht wird in Aserbaidschan ...

... träumt Hamilton vom nächsten Durchmarsch, Verstappen vom Raketenstart-Revival und das ganze Feld von der Burgmauer. Die sieben Schlüsselfaktoren in Baku.
von Jonas Fehling

1. S wie Startaufstellung

Das Qualifying zum Aserbaidschan GP in Baku war eine ganz klar silberne Angelegenheit. Lewis Hamilton zauberte nach Kanada die nächste Killerrunde aus dem Ärmel und startet von Pole. Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas fehlten gut vier Zehntel auf den Briten, was jedoch noch immer locker für den zweiten Startplatz reichte: Den Ferrari fehlten weitere sieben Zehntel. Angeführt wird das Maranello-Duo diesmal allerdings nicht von Sebastian Vettel. Kimi Räikkönen schnappte dem Deutschen P3 vor der Nase weg. Der vierte Startplatz ist die bislang schlechteste Ausgangsposition der Saison für Vettel, der noch dazu mit einer älteren Power Unit antreten muss.

Als Fünfter knapp an der Ferrari-Wand gescheitert: Trainingskönig Max Verstappen nach mannigfaltigen Technik-Problemen. Teamkollege Daniel Ricciardo startet nach Fahrfehler und Crash sogar nur von P10. Zwischen den Red Bull komplettiert das Klassiker-Duell des Vorjahres - Williams vs. Force India - mit Sergio Perez, Esteban Ocon, Lance Stroll und Felipe Massa die Top-10. In rein deutscher Hand befindet sich indes Reihe sieben mit Nico Hülkenberg vor Pascal Wehrlein. Trotz erneut irrer Strafversetzungen wegen Honda beginnen die McLaren-Piloten den GP nicht einmal von ganz hinten - Jolyon Palmer hatte nach Trainingscrash das Qualifying komplett verpasst.

2. S wie Start

Zuletzt sorgte der Start in der Formel 1 für ordentlich Action: In Kanada pflügte Max Verstappen Raketen-gleich nach vorne. Nach dem enttäuschenden fünften Platz im Qualifying wird der Youngster alles daran setzen, dies zu wiederholen. "Ich kann es zwar nicht garantieren, aber ich werde mein Bestes geben", sagt Verstappen. Der Weg bis Kurve eins ist allerdings erneut äußerst kurz: Nur 280 Meter bleiben den Piloten, um nach vorne zu preschen. "Das könnte etwas tricky werden", sagt Valtteri Bottas.

Unbesorgt geht dagegen Kimi Räikkönen die Sache an. "Ich denke, dass der Start okay sein wird. Es hängt natürlich von vielen Dingen hab, die wir zum Großteil nicht planen können, also müssen wir einfach gut loskommen. Zum Glück stehe ich innen. Da ist schonmal gut, aber es macht keinen Sinn, Pläne zu schmieden, denn nur ein Auto muss nur an einer etwas anderen Stelle sein als du es erwartest. Du musst es dir in dem Moment, da es passiert, überlegen."

Keine Pläne gibt es bei Ferrari indessen, Vettel sofort an Räikkönen vorbeizuschleusen. "Nein", widerspricht Vettel. "Wir fahren unser Rennen."

3. S wie Strategie

Pirelli erwartet auf dem glatten Asphalt des Baku City Circuits ganz klar eine Einstopp-Strategie als gängigste Variante. Bereits während der Longruns im Training deutete alles auf eine extreme Haltbarkeit der Reifen hin. "Es ist offensichtlich, dass Verschleiß und Abbau sehr gering sind, selbst auf dem Supersoft", sagt Pirellis Mario Isola. Deshalb würden die meisten Fahrer auch versuchen, den Stint auf dem schnelleren superweichen Reifen möglichst lang auszudehnen. Bottas und Massa drehten auf dem Supersoft bereits 25-Runden-Stints, was einer halben Renndistanz entspricht.

Durch mögliche Zwischenfälle wie Safety Cars könnte sich strategisch jedoch wie üblich so einiges ändern. Dies erscheint angesichts der zahllosen Verbremser und Notausgang-Abstecher in den Trainings auf den ersten Blick sogar mehr als wahrscheinlich, allerdings sah es auch 2016 schon danach aus - doch im Rennen selbst herrschte plötzlich erstaunliche Disziplin im ganzen Feld.

Ferrari zeigt: So beansprucht Baku das Auto: (01:34 Min.)

Noch dazu könne man nie sicher sein, sagt Sebastian Vettel und erinnert an die Szenen des Vorjahres, als einige Team von unerwartet heftigem Verschleiß völlig überrascht wurden. Insbesondere Red Bull zählte zu diesen Teams. Max Verstappen wappnet sich schonmal für eine schwierige Aufgabe: "Ich denke, dass es eine Herausforderung wird, auch wegen gelber Flaggen und Safety Cars. Es wird sicher ein spannendes Rennen!"

Noch dazu könnte abermals der Overcut der Schlüssel zum Erfolg sein, also das leichter werdende Auto den marginalen Reifenverschleiß stechen. "Es könnte wie in Monaco sein, dass ein Overcut besser funktioniert als ein Undercut. Die Strategie ist vielleicht doch nicht so klar und es gibt ein paar Möglichkeiten", sagt Daniel Ricciardo.

4. S wie Sonnenuntergang

Fast schon garantiert ist dagegen ein Mangel an Überraschungen von oben. Das bisherige Kaiserwetter in Aserbaidschan soll am Sonntag nahtlos weitergehen. Die Prognosen versprechen wohlig warme Außentemperaturen von knapp 30 Grad Celsius bei praktisch kaum vorhandenem Regenrisiko. Jedoch: Das gilt nur für den Rennstart. Durch die späte Ortszeit zum Startschuss in Baku wird es im Rennverlauf deutlich abkühlen. Die entsprechenden Bedingungsänderungen könnten den einen oder anderen in Sachen Reifen und Arbeitsfenster in Probleme stürzen ...

5. S wie Stau an der Burgmauer

Der Kerb in Kurve acht wurde leicht entschärft - Foto: FIA/Sutton

Die nicht zu verachtende Safety-Car-Wahrscheinlichkeit im Rennen hat Mario Isola bereits in den Raum gestellt. Vor allem eine Kurve dürfte der Pirelli-Spezialist dabei im Kopf gehabt haben: Turn acht, direkt an der Burgmauer gelegen. Nur 7,6 Meter misst die Strecke dort an der engsten Stelle der Bergauf-Passage. In den Trainings erwischte es dort bereits einige Piloten. Unsaft endeten dort etwa die Sessions von Jolyon Palmer und Sergio Perez, unzählige weitere Fahrer retteten sich nur im letzten Moment in den Notausgang, was teilweise sogar für kleine Staus sorgte. Das Samstagsrennen der Formel 2 musste wegen einer an dieser Stelle völlig versperrten Strecke sogar abgebrochen werden. Da half auch ein nach harscher Fahrerkritik über Nacht veränderter Innen-Kerb nicht viel. Die Burg von Baku könnte uns im Rennen also den einen oder anderen Moment bescheren.

6. S wie Strecke

Kurve acht ist jedoch längst nicht alles. Der stolze 6,003 Kilometer lange Baku City Circuit hat noch jede Menge andere Schlüsselstellen zu bieten. Der erste Sektor bietet fahrerisch noch keine große Abwechslung. Nach einer über zwei Kilometer langen Vollgas-Passage warten - jeweils durch eine Gerade getrennt - gleich vier 90-Grad-Kurven, die sich extrem ähneln. Hier ist vor allem mechanischer Grip gefragt, um gut aus den Kurven zu beschleunigen.

Streckendaten
Länge: 6,003 km
Runden: 51
GP-Distanz: 306,05 km
Rundenrekord: 1:46.485 (ROS, 2016)
Kurven: 20
Weg bis Kurve 1: 280 m
Länge Boxengasse: 390 m
Zeit in Box bei 60 km/h: 23,4 s

In Kurve fünf beginnt der technisch anspruchsvolle Abschnitt der Strecke. Nach einer Schikane und einer weiteren Rechtskurve geht es in Kurve acht und neun zum engsten Teil der Strecke, dem oben bereits näher skizzierten Links-Bergauf-Stück entlang der historischen Burganlage. Nach einer weiteren engen Rechtskurve geht es in einen Linksknick, der dann in einen extrem schnellen Abschnitt führt. Auf zwei Vollgas-Kurven folgen zwei weitere Links-Kurven, ehe es zurück an die Uferpromenade geht, die über zwei Kilometer mit Vollgas durchfahren wird.

7. S wie Sieganwärter

Und plötzlich einer mehr: Nicht nur die Bestzeiten am Freitag, auch die Longruns der Red Bull waren durchaus vielversprechend. Daher steigt mit Max Verstappen neben den vier üblichen Verdächtigen von Mercedes und Ferrari ein fünfter Pilot zum klaren Sieganwärter in Baku auf. Daniel Ricciardo hat sich hier durch seinen Crash und P10 wohl bereits aller Chancen beraubt.

Wissenswertes über den Baku GP: (00:52 Min.)

Selbst erwartet Verstappen jedoch nicht, wirklich ganz vorne angreifen zu können. Mercedes ist etwas zu schnell, aber mit Ferrari können wir kämpfen", sagt Verstappen. Die Roten hingen nehmen den neuen Gegner Red Bull zwar ernst, trauen sich selbst jedoch weiterhin auch den Angriff mit Mercedes zu. "Ich habe keinen Zweifel, dass wir sie herausfordern können", stellt Vettel klar. "Ich erwarte keine großen Pace-Unterschiede zwischen den drei Teams."

Und Lewis Hamilton? Erwartet vor dem möglichen nächsten Durchmarsch die größte Gegenwehr von seinem Teamkollegen."Sebastian Longrun-Pace habe ich nicht gesehen, aber ich glaube, dass Valtteri morgen sehr schnell sein wird."


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