"Es war beeindruckend. Nicht der Speed an sich. Auf der Geraden merkt man es nicht, weil der Motor sehr geschmeidig hochdreht. Aber der Speed in der Kurve. Die ganzen langsamen und schnelleren Kurven, da gibt es so viel Abtrieb, das ist unglaublich. Am Anfang denkt man, das geht nicht, aber wenn man den Fuß unten lässt, ist es einfach nur wow. Es gibt eine unglaubliche Menge an Abtrieb, das ist sehr anders als das GP2-Auto", schwärmte Stefano Coletti nach seinem Tag im STR6 von Toro Rosso in Abu Dhabi am Dienstag.
Die Umstellung von der GP2 zur Formel 1 war für den Monegassen enorm und er brauchte eine gewisse Zeit, um sich einzugewöhnen. So hatte er noch die Geschwindigkeiten der Nachwuchsserie im Gefühl, mit der er am Wochenende in Abu Dhabi gefahren war, mit dem Formel-1-Boliden musste er aber viel schneller sein. "Schwierig fand ich am Anfang die Servolenkung. Die geht sehr leicht im Vergleich zum GP2-Auto. In den schnellen Kurven war es schwer, genau zu sein. In der GP2 wirft man das Auto rein und braucht viel mehr Kraft und hier geht es sehr leicht und man muss das Steuer kaum bewegen. Es war sehr schwierig, mich an den Kraft-Input beim Steuern zu gewöhnen", erklärte er.
Knöpfe
Das Lenkrad war für Coletti ohnehin eine Wundertüte, immerhin wird in der GP2 dort nichts verstellt, in der Formel 1 aber sehr viel. Plötzlich musste er zahlreiche Knöpfe und Schalter betätigen, was in der ersten Runde eine Herausforderung war. "Nach zehn bis 15 Runden gewöhnt man sich daran und wenn sie einen dann anfunken, muss man nicht mehr auf den Knopf am Lenkrad schauen, das geht automatisch. Alle wichtigen Knöpfe sind nahe an den Fingern, man weiß also, wo man hin greifen muss. Außerdem sind wir jung, wir sind an Computer gewöhnt, da ist es einfach", sagte Coletti.

Völlig neu war für ihn auch das Gefühl beim Bremsen, denn der Abtrieb an einem Formel-1-Auto ist so groß, dass er nur vom Gas gehen musste und schon das Gefühl hatte, als würde er wie in einem GP2-Auto bremsen. Die Beschleunigung war dafür etwas ruhiger. "Im GP2-Auto spürst du den Kick vom Motor, hier ist alles so geschmeidig. Man geht aufs Gas, blickt aufs Lenkrad und sieht, 200, 250, 260, 280. Man schaut dann geradeaus und spürt das nicht", wunderte er sich. Mit der für ihn völlig neuen Arbeitsbelastung von 87 Runden kam Coletti dafür ganz gut zurecht. In der GP2 hat er normalerweise nur wenige Reifen, weswegen kaum mehr als 45 Runden getestet werden, diesmal durfte er um die sieben oder acht Reifensätze probieren. "Ich war am Ende recht müde, aber froh, dass ich es machen konnte." Sein Nacken tat dafür nicht weh.
Pause schadet nicht
Coletti hatte aber die Befürchtung, dass sein Hirn ihn am Abend martern würde, weil es viel zu verarbeiten hatte. Deswegen war er froh, dass der halbe Tag, den er in Abu Dhabi noch fahren kann, erst am Donnerstag anstand und nicht schon am Mittwoch. "Es ist immer gut, wenn man eine Pause hat und dann wieder ins Auto steigt. Denn wenn man sich dann wieder reinsetzt, sieht alles einfacher aus. Jedes Mal, wenn ich eine Klasse aufgestiegen bin, etwa von der Formel BMW zur Formel 3 oder von der Formel 3 zur GP2, war der erste Tag hart - physisch und mental, weil man viel Neues lernen musste. Der zweite Tag war dann leichter, denn wenn man schlafen geht, ordnet das Hirn alles von selber ein."
Den Vorwurf an einige Teams, sie würden den Test nur nutzen, um von jungen Fahrern einen Haufen Geld zu kassieren, damit sie fahren können, wollte Coletti so nicht gelten lassen. Er habe durchaus auch Testarbeit verrichtet und neben den 2012er-Reifen auch an der Aerodynamik gearbeitet. "Die Menge an Erfahrung an einem Tag wie diesem holt man nirgendwo sonst", betonte Coletti, der es gut fand, dass junge Fahrer durch solche Tests eine Chance haben, Erfahrung zu sammeln. Wie es für ihn nächstes Jahr weitergeht, wusste er nur ungefähr. "Ich bin sicher in der GP2, weiß aber noch nicht wo. Ich habe ein paar Ideen, bin mir aber noch nicht sicher."

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