Zeit zum Erholen ist genug gewesen. Für die Formel-1-Teams geht es nun wieder in den hektischen Alltag. In Spa-Francorchamps steht das nächste Kräftemessen an. An der strategischen Situation hat sich seit einigen Rennen nichts geändert: Vettel führt die Tabelle einsam an, und die Verfolger nehmen sich gegenseitig die Punkte weg. Doch psychologisch sind die Verfolger in einer weit besseren Situation als vor wenigen Rennen.

Alle müssen Stärke zeigen: Keiner der Verfolger kann es sich jetzt leisten, zu schwächeln, sonst ist er aus dem Kampf um die Verfolgerschaft Vettels sofort draußen. Sebastian Vettel muss seinerseits klarstellen, dass er trotz seiner soliden WM-Führung keinen Zitter-Titel wie Button 2009 einfahren will. Der Vorsprung ist groß, doch hat die Konkurrenz die letzten Rennen des Deutschen als Schwäche ausgelegt.

McLaren und Ferrari mit verbaler Großoffensive

Auf Tuchfühlung: In der Tabelle sind Hamilton und Vettel jedoch weitaus weiter auseinander -
Auf Tuchfühlung: In der Tabelle sind Hamilton und Vettel jedoch weitaus weiter auseinander -Foto: Sutton

Dementsprechend angriffslustig geben sich die Verfolger. Vor allem das McLaren-Team kommt mit breiter Brust nach Spa-Francorchamps. Drei der letzten fünf Rennen gingen an die Chrompfeile. "Wir geben niemals auf. Wir haben bisher nie gekniffen und werden es auch dieses Mal nicht tun", gibt sich Martin Whitmarsh kämpferisch.

Dazu wünscht er sich ein starkes Ferrari-Team. Die beiden Erzfeinde sind in einer merkwürdigen Beziehung aufeinander angewiesen: Beide brauchen das andere Team, damit es Red Bull und Vettel Punkte wegnimmt. Doch gewinnen wollen immer noch sowohl Ferrari als auch McLaren. Diese Fehde wiederum spielt Red Bull in die Karten.

Dennoch wird auch im Lager der Roten die Hoffnung nicht aufgegeben. Fernando Alonso hat bereits Giftpfeile in Richtung Red Bull geschossen: "Kein Genie kann alles allein machen, und trotzdem spricht jeder über Newey", wundert sich der Asturier. Alonso wird nicht aufgeben: "Wir haben immer ein Auge auf den Titel, zumindest bis es nicht länger den Hauch einer Chance gibt." Und er geht sogar noch weiter: "Wir sind Ferrari und haben eine moralische Verpflichtung, immer das Maximalziel im Auge zu behalten."

Dennoch sind die Phrasen sowohl von McLaren als auch von Ferrari eher als Zweckoptimismus zu verstehen: Man macht sich Mut, denn die derzeitige Lage ist eher hoffnungslos. Während die Konkurrenz mit verbalen Großoffensiven in der Sommerpause den roten Bullen aus der Fassung zu bringen versuchte, war es im Lager von Red Bull absolut still. Ein Zeichen von Schwäche? Oder eines von Selbstsicherheit?

Keine großen Töne von Red Bull

Vettel will wieder gewinnen, muss er aber nicht -
Vettel will wieder gewinnen, muss er aber nicht -Foto: Sutton

Vermutlich eher Letzteres. Sebastian Vettel wird versuchen, die Antwort auf der Strecke zu geben. Er kann es sich leisten, immer als Dritter ins Ziel zu kommen, und trotzdem den Titel einzufahren ohne auf die Resultate der Konkurrenz achten zu müssen. Doch Vettel hat oft genug betont, dass er um den Rennsieg fährt. Somit wäre es mal wieder an der Zeit, den Finger in alt bekannter Manier gen Himmel zu recken.

Ein Sieg Vettels direkt nach der Sommerpause wäre ein Schlag ins Kontor der Konkurrenz, die durch die letzten Rennen sich womöglich stärker geredet hat, als sie eigentlich ist. Psychologisch wäre es auch für den Deutschen sicherlich eine kleine Befreiung, die zweite Saisonhälfte mit dem Gefühl anzugehen, noch gewinnen zu können.

Dennoch ist Vettel nicht unter Zugzwang. Das sind die Gegner in jedem Falle. Jeder, der jetzt schwächelt, scheidet als potenzieller Vettel-Herausforderer aus. Das gilt insbesondere für die McLaren-Piloten. In den nächsten Rennen muss eine Entscheidung fallen, wem auf die schwierige Aufgabe, Sebastian Vettel in der WM anzugreifen, übertragen werden soll. Zwar wird bei McLaren niemand müde, zu betonen, dass es keine Stallorder gäbe, doch kann die Mannschaft aus Woking beim derzeitigen Rückstand es sich nicht leisten, dass sich beide Fahrer die Punkte gegenseitig wegnehmen.