DTM

DTM 2018: Hat das Audi-Debakel böse Folgen?

Audi ist in der DTM völlig abgeschlagen. Jetzt schon riesiger Rückstand auf Mercedes und BMW. Das könnte zu Konsequenzen führen. Letzte Hoffnung: Budapest.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Großer Jubel und große Enttäuschung liegen manchmal nur 120 Kilometer entfernt. So war es am vergangenen Wochenende aus Sicht von Dieter Gass. Am Samstag feierte der Audi-Motorsportchef in Berlin auf dem Podium mit seinen Fahrern Daniel Abt und Lucas di Grassi den ersten Doppelsieg des Werksteams in der Formel E.

Ziemlich genau eine Stunde Autofahrt und 24 Stunden später herrschte am Lausitzring die große Ernüchterung. Beim DTM-Rennen am Sonntag waren Gass' Audi-Fahrer einmal mehr der Konkurrenz von Mercedes und BMW deutlich unterlegen.

Immerhin musste der Audi-Boss am Samstag in der Lausitz das komplette Debakel nicht mit eigenen Augen ertragen. Beim Start schossen sich die Markenkollegen Nico Müller und Jamie Green gegenseitig von der Strecke. Kurze Zeit später verunfallte auch noch Meister Rene Rast schwer und überschlug sich mit seinem Auto. Passenderweise zum Dilemma nach einem Kontakt mit Audi-Kollege Loic Duval.

Renn-Ergebnisse 2018

Sieger Bester Audi Rückstand (Sek)
Hockenheim, 1. Rennen Paffett (Mercedes) P9, Rene Rast 18,268
Hockenheim, 2. Rennen Glock (BMW) P2, Mike Rockenfeller 2,078
Lausitzring, 1. Rennen Mortara (Mercedes) P11, Mike Rockenfeller 8,758
Lausitzring, 2. Rennen Paffett (Mercedes) P6, Jamie Green 23,243

Es passt ins derzeitige Bild der DTM. Während sich Mercedes und BMW fröhlich mit Siegen und Podestplätzen abwechseln, ist Audi abgeschlagen. Der Titel-Verteidiger in allen drei Wertungen der Tourenwagenserie. Die Aero-Änderungen über den Winter am vorhandenen Paket scheinen Audi massiv geschadet zu haben. Noch mehr, als sich während der Testfahrten vor der Saison bereits angekündigt hatte.

Nach 4 von 20 Saisonrennen sieht es schon finster aus für Audi. Oder in Zahlen ausgedrückt: Mercedes (212) hat schon jetzt viermal so viele Punkte wie Audi (52) in der Hersteller-Meisterschaft gesammelt. Ähnlich eklatant ist der Rückstand auf der Rennstrecke. Audi fehlte in Hockenheim und am Lausitzring bis zu einer halben Sekunde auf die Konkurrenz. Eine Welt in der DTM, die unter normalen Umständen kaum aufholen ist.

Hersteller-Wertung nach 4 von 20 Rennen

Hersteller Punkte
1 Mercedes 212
2 BMW 164
3 Audi 52

Die bisherigen Achtungserfolge waren mehr dem Zufall als der eigenen Stärke zuzuschreiben. In Hockenheim hatte Audi keine Antwort darauf, warum Rockenfeller, Duval und Rast es in die Top-7 schafften. Alle drei Autos hatten das gleiche Setup wie am Vortag, als im Samstagsrennen überhaupt nichts funktionierte.

Und Jamie Greens sensationeller sechster Platz nach Start aus der letzten Reihe in der Lausitz war ein Zufallstreffer, weil sich der Brite wenige Minuten vor dem Rennstart quasi selbst entschied, schon nach Runde eins den Reifenwechsel einzulegen. "Wenn man hinten steht, kann man das machen", sagte Mercedes-Motorsportchef Uli Fritz vielsagend zu Motorsport-Magazin.com. "Wenn man aber ein starkes Auto hat, sollte man das nicht machen."

"Wir haben die Performance über die ersten vier Rennen gesehen", sagte Gass sichtbar angefressen zu Motorsport-Magazin.com. "Wir müssen jetzt einfach schauen, wo wir uns noch verbessern können." Aufgrund der eingefrorenen Autos sind die Möglichkeiten, einen echten Fortschritt zu erzielen, allerdings sehr begrenzt. Das weiß auch Gass, der am Sonntag nur noch weg wollte.

Audis Rückstand ist auch eine unschöne Situation für die DTM. Der Hersteller ist ein extrem wichtiger Bestandteil mit Blick auf die Zukunft der Tourenwagenserie. Bis etwa Mitte des Jahres will Audi wissen, wie es langfristig weitergehen soll. Wenn die Vorstände in Ingolstadt einen Blick auf die Tabelle werfen, dürfte das die Lage nicht unbedingt entspannen.

Qualifying-Ergebnisse 2018

Pole Position Bester Audi Rückstand (Sek)
Hockenheim, 1. Qualifying Paffett, 1:32.264 P9, Rene Rast 0,516
Hockenheim, 2. Qualifying Glock, 1:32.379 P2, Rene Rast 0,208
Lausitzring, 1. Qualifying Auer, 1:37.343 P9, Nico Müller 0,517
Lausitzring, 2. Qualifying Eng, 1:38.150 P5, Mike Rockenfeller 0,226

Allen Beteiligten ist klar, dass Audi ein echtes Problem hat. Das haben die Leistungen der ersten beiden Rennwochenenden auf unterschiedlichen Strecken offengelegt. Die Konkurrenz bleibt vorsichtig. Auch, um zu beschwichtigen? Mercedes-Teamchef Uli Fritz zu Motorsport-Magazin.com: "Es ist noch zu früh. Wir waren jetzt auf zwei Strecken, die uns in den letzten Jahren gelegen haben. Es ist schwierig, eine allgemeine Rangliste aufzustellen."

Als nächstes geht es nach Budapest. Audi-Land. Eigentlich. 2017 gelang ein Doppelsieg, davor 2016 neben einem Doppelsieg sogar ein Sechsfach-Triumph. Die Rechnung ist ziemlich simpel: Gelingt Audi auf dem Hungaroring nicht die komplette Trendwende, brennt es wieder in der DTM. Der Serie, die stets um Chancengleichheit bemüht war. In der sowohl Mercedes als auch BMW in der Vergangenheit Zugeständnisse eingeräumt wurden. Mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Top-10: Fahrer-Wertung nach 4 von 20 Rennen

Fahrer Hersteller Punkte
1 Timo Glock BMW 72
2 Gary Paffett Mercedes 71
3 Pascal Wehrlein Mercedes 39
4 Edo Mortara Mercedes 37
5 Lucas Auer Mercedes 33
6 Paul di Resta Mercedes 28
7 Marco Wittmann BMW 26
8 Philipp Eng BMW 26
9 Bruno Spengler BMW 23
10 Mike Rockenfeller Audi 22

Eine Rückkehr der Performance-Gewichte ist nicht in Sicht. Für die Abschaffung hat DTM-Chef Gerhard Berger letztes Jahr zu hart kämpfen müssen. Damit fehlt allerdings das ausgleichende, wenn auch künstliche, Element. Akzeptiert Audi sein Schicksal im Falle einer weiteren Pleite? Oder kommt etwa eine Art Joker auf den Tisch, frei nach dem Motto: 'Jeder darf mal nachbessern'?

Mike Rockenfeller zu Motorsport-Magazin.com: "Im Moment wüsste ich nicht, wo wir drei oder vier Zehntel finden sollten. Das Auto ist nicht optimal, da ist noch Luft. Insgesamt sind wir hinten dran. Wenn man alles perfekt erwischt, kann man auch um Poles und Siege kämpfen. Aber meist stehen wir ziemlich weit hinten. Nicht, weil wir es nicht können, sondern weil es im Moment brutal schwer ist für uns."


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