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24 h Nürburgring / Hintergrund

24-Stunden-Rennen Nürburgring: Aus der Hölle auf die Straße

Das 24h-Rennen Nürburgring ist nicht nur das größte Motorsport-Festival des Jahres, sondern auch eine absolute Belastungsprobe für Hersteller wie Goodyear.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - 'Jeder lobt, was Nürburgring-erprobt', steht in großen Buchstaben im historischen Fahrerlager des Nürburgrings geschrieben. Das 1935 angebrachte Schild hat inzwischen etwas Rost angesetzt. Doch was vor mehr als 80 Jahren galt, hat heute noch Bestand. Die Nürburgring-Nordschleife, berühmteste Rennstrecke der Welt. "Wer dir unmittelbar nach einem Rennen sagt, er liebt die Nordschleife, der lügt", soll der große Sir Jackie Stewart einmal über die Strecke gesagt haben, der er ebenfalls den Beinamen 'Grüne Hölle' gab.

Dabei zieht der Eifelkurs nicht nur Rennfahrer in seinen Bann. Besonders die Automobilindustrie tobt sich seit Jahren auf dem 20,832 Kilometer langen Kurs aus. Prädikat Nordschleife - mit diesem Slogan werden selbst in Japan Autos und Zubehörteile an den Mann gebracht.

Doch warum hat die 1927 eröffnete 'Erste Deutsche Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstraße für Kraftfahrzeuge' auch heutzutage noch einen solch hohen Stellenwert? In Zeiten annähernd perfekter Simulationen und millionenschwerer Prüfstände wirkt eine Runde auf der Nordschleife auf den ersten Blick eher romantisch als zielführend.

Foto: Goodyear

"Das kann kein Simulator auf der Welt reproduzieren"

Weit gefehlt: Selbst heute noch weist die Strecke mit ihren 73 Kurven und Höhenunterschieden von bis zu 300 Metern Merkmale auf, die kein noch so hochtechnisierter Simulationscomputer berechnen könnte. "In der Fuchsröhre hast du zum Beispiel unten in der Senke Kompressionen, bei der das zweieinhalbfache Gewicht des Autos auf die Reifen drückt", erklärt ein Goodyear-Ingenieur gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Zudem gibt es dort einen Linksknick, in dem der Reifen die volle Seitwärtsbelastung abbekommt. Das kann kein Simulator auf der Welt reproduzieren."

Bei der 49. Auflage des Eifel-Klassikers 2021 war Goodyear erneut im Großeinsatz - nicht nur auf, sondern sogar über der Strecke! Während wir am Samstagvormittag eine Runde mit dem ikonischen Blimp-Luftschiff über dem Nürburgring drehen durften, tobte hunderte Meter weiter unten gerade ein Rennen des Tourenwagen-Weltcup WTCR, der erneut im Rahmenprogramm antrat. Goodyear rüstet die Tourenwagen exklusiv mit seinen Produkten aus.

Das vielfältige Anforderungsprofil in der Eifel beschrieb Bernd Seehafer, Reifenentwickler bei Goodyear: "Bei der WTCR gibt es nur eine Slick- und eine Regenspezifikation. Dagegen sind es beim 24h-Rennen verschiedene Spezifikationen, nämlich Slicks, Intermediates sowie Regenreifen und dabei noch mehrere unterschiedliche Mischungen."

Foto: Gruppe C Photography

Goodyear mit 3.500 Reifen am Nürburgring

Mit 14 Trucks und rund 3.500 Reifen an Bord war die Goodyear-Mannschaft samt 40 Experten an den Nürburgring gereist, vorbereitet auf jegliche Wetterkapriolen - die sich in Starkregen, Unwetterwarnungen bis hin zu einem stundenlangen Rennabbruch wegen Nebels wieder einmal von ihrer 'besten' Seite zeigten.

Von seiner besten Seite zeigte sich auch Luca Engstler, der im zweiten WTCR-Lauf hinter Sieger Jean-Karl Vernay einen Doppelsieg für Engstler Motorsport, das im Werksauftrag die neuen Hyundai Elantra N TCR einsetzt, errang. Für Engstler und fünf weitere WTCR-Piloten ging es nahtlos weiter, sie gingen obendrein beim anschließenden ADAC TOTAL 24h-Rennen an den Start, wo mehr als zwei Dutzend Rennwagen mit Goodyear-Reifen in den unterschiedlichen Klassen antraten.

"Ich bin jetzt schon fast jeden Rennreifen gefahren", erklärte Engstler Junior. "Der Goodyear funktioniert vor allem bei längeren Distanzen im Vergleich zu den Wettbewerbern gut. Aber auch in der WTCR hat es gepasst. Letztendlich sind viele Fakten wie Luftdruck, Spur, Sturz und das Lesen von Daten mitentscheidend für den Erfolg. Im Gegensatz zur WTCR stand uns beim 24h-Rennen auch noch eine weichere Mischung zur Verfügung."

Foto: Gruppe C Photography

Die Nordschleife ist einzigartig

Unterschiedliche Asphaltbeschaffenheit, Bodenwellen ohne Ende, extreme Kurvengeschlängel und nicht zuletzt die Länge machen die Nordschleife als Rennstrecke so einzigartig. Für Hersteller wie Goodyear also der perfekte Mix, um sowohl Serien- als auch Motorsportbereifung zu testen - und voneinander zu lernen. "Das Belastungspotenzial auf der Nordschleife ist einzigartig, das gibt es sonst nirgendwo anders auf der Welt", sagte Goodyear-Mann Seehafer.

Alexander Kühn, Goodyear Car Motorsport Product & Operation Manager EMEA, fügte an: "Da die Verfügbarkeit, aber auch die Witterungsbedingungen auf dem Nürburgring gelegentlich Testmöglichkeiten limitieren, findet die Reifenentwicklung und Vorbereitung auch auf anderen Rennstrecken statt. Trotzdem kann nichts die Nordschleife ersetzen - Daten und Ergebnisse von anderen europäischen Rennstrecken lassen sich nur bedingt übertragen."

Foto: Jan Brucke

Stippler: Nordschleife ein Top-Prüffeld

Langstreckenrennen wie die 24 Stunden auf dem Nürburgring bilden schließlich die Königsdisziplin. "Für einen Hersteller ist es wahrscheinlich sehr einfach, einen guten Reifen für eine bestimmte Streckenbedingung zu bauen", sagte Audi-Werksfahrer Frank Stippler, der den Eifelklassiker 2012 und 2019 mit Phoenix Racing gewann.

"Aber das reicht schon seit vielen Jahren nicht mehr aus, um hier konkurrenzfähig zu sein. Das gilt auch für den Straßenverkehr, wo wir nicht immer die gleichen Bedingungen vorfinden. Da ist die Nordschleife auch wieder ein Top-Prüffeld." Und so gilt hoffentlich auch in den nächsten 80 Jahren weiter der berühmte Wahlspruch: 'Jeder lobt, was Nürburgring-erprobt'.


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