Worauf Ferrari in der Formel 1 seit beinahe 20 Jahren wartet, haben die roten Kollegen in der WEC auf einen Streich sogar im Doppelpack geschafft: den Gewinn der Hersteller- und Fahrer-Weltmeisterschaft. Antonio Giovinazzi, Alessandro Pier Guidi und James Calado bringen Ferraris ersten Fahrer-WM-Titel seit Kimi Räikkönen anno 2007 heim nach Maranello, während der Hersteller-Meisterpokal auf den letzten F1-Triumph 2008 folgt.
"Dieser Meilenstein erfüllt uns mit Stolz und stellt die Verwirklichung eines Traums dar - den Höhepunkt einer Reise, die wir 2022 begonnen haben, als wir uns entschieden, in die höchste Klasse des Langstreckenrennsports zurückzukehren", sagte der Ferrari Vorstands-Vorsitzende John Elkann, der das Saisonfinale in Bahrain vor Ort verfolgte und damit die Wichtigkeit für den Luxusautobauer unterstrich.
Ferrari beendet WM-Titel-Durststrecke in Maranello
Die Italiener errangen ihren neunten Hersteller-Titel in der Langstrecken-WM und den ersten seit 1972, damals mit dem 312 P. Dazu sei angemerkt: Ferrari hatte sich nach 1973 für genau 50 Jahre aus der Topklasse des Langstrecken-Motorsports zurückgezogen. Im dritten Jahr des Projekts mit dem heutigen 499P gelang Ferrari die perfekte Ausbeute: Zu den beiden WM-Titeln gesellte sich der dritte aufeinanderfolgende Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans.
Ferrari folgt als Hersteller-Weltmeister auf Toyota, die sich zuvor sechsmal in Folge (2018/19-2024) in dieser Wertung durchgesetzt hatten. Giovinazzi ("Einer der besten Tage meines Lebens"), Pier Guidi und Calado lösen die Porsche-Fahrer Kevin Estre, Laurens Vanthoor und Andre Lotterer als Weltmeister ab. Estre/Vanthoor fuhren in Bahrain chancenlos hinterher und verpassten die mögliche Titelverteidigung vor Porsches angekündigtem Werksausstieg zum Saisonende.
Ferrari träumt von Dynastie in Langstrecken-WM
Der Ferrari 499P, ausgestattet mit reichlich Ingenieurs-Wissen aus der Formel 1, gilt nicht erst seit dem WM-Triumph als das beste Auto im Starterfeld der acht Marken - Balance of Performance hin oder her. Da Ferrari beabsichtigt, bis mindestens 2029 in der WEC an den Start gehen zu wollen, wie Sportwagenchef Antonello Coletta jüngst bestätigte, bahnt sich bei unverändertem Reglement eine rote Dynastie auf der Langstrecke an; folgend auf Audi, Porsche und Toyota.
"Das ist unser Traum", machte Signore Coletta keinen Hehl aus dieser Absicht, wollte die aktuelle Zeit und den Marken-Boom aber nicht mit früheren Jahren vergleichen: "Die Situation ist heute anders: Es sind acht Hersteller am Start, bald neun und zehn in den kommenden Jahren. Das Starterfeld war früher kleiner. Nichtsdestotrotz respektiere ich die anderen Marken, weil sie in ihrer Zeit ein Stück Geschichte geschrieben haben."
Gleichzeitig warnte Coletta davor, sich auf den Erfolgen auszuruhen: "Wir haben unvergessliche Tage erlebt, aber es kommen auch schwierige Situationen - hoffentlich ebenso wieder unglaubliche. Wir wollen ein paar Seiten Geschichte schreiben, nicht das ganze Buch auf einmal. Und das weiter mit derselben Demut und Konzentration."

"Vielleicht ist es für andere Hersteller wichtiger, dass Ferrari Zweiter wird"
Mit Porsche hat sich zwar eines der Langstrecken-Schwergewichte verabschiedet - Coletta: "Es wäre uns sehr wichtig, wenn sie sehr bald zurückkehren" - aber die nächsten Großhersteller stehen bereits in den Startlöchern: 2026 steigt Hyundais Edelmarke Genesis in die WEC ein, 2027 folgen mit Ford und McLaren zwei weitere Traditionsmarken.
Langstrecken-Fans fiebern vor allem einer potenziellen Neuauflage des legendären Duells von Ford gegen Ferrari - immerhin Stoff für einen Hollywood-Blockbuster - entgegen. Die Vorzeichen sind klar: Ford hatte bei der Ankündigung des WEC-Einstieges vollmundig als größtes Ziel ausgegeben, "Ferrari wieder in Le Mans zu besiegen".
Darüber konnte Ferrari-Boss Coletta auch jetzt in Bahrain nur schmunzeln und reagierte süffisant: "Ferraris Ziel ist es, zu gewinnen, nur das ist wichtig. Wer Zweiter wird, ist egal. Vielleicht ist es für andere Hersteller wichtiger, dass Ferrari Zweiter wird - das ist der Unterschied zwischen Ferrari und den anderen."
Ferrari von "schüchterner Prinzessin zu strahlender Königin"
Ferrari will für die Saison 2026 wie schon in diesem Jahr auf Update-Joker verzichten und den 499P technisch unverändert lassen. Erst 2027 oder 2028 steht laut eigenen Angaben ein größeres Evo-Update des Prototypen auf dem Plan. Toyota hingegen kommt schon nächstes Jahr mit einem größeren Aero-Update, weitere Hersteller wie BMW haben ebenfalls die Nutzung von Jokern angekündigt.
Betrachtet man die bisherige Performance und das große Potenzial des Ferrari, dürfte das Auto nichts von seiner Konkurrenzfähigkeit verlieren. Ferrari-Technikchef Ferdinando Cannizzo blickte auf die Anfänge zurück: "Technisch haben wir uns sehr ambitionierte, aber nicht verrückte Ziele gesetzt. Wir haben das Reglement eingängig studiert, den Wettbewerb analysiert - Toyota, die alten LMP1-Autos, aber auch: Wie performt ein Formel-1-Ansatz in einem Langstreckenauto? Das ergab Zielwerte für die Konstruktion."
Der frühere Formel-1-Mann, der zu Michael Schumachers Ferrari-Zeiten als Aerodynamik-Leiter im Team arbeitete, weiter: "In der Entwicklung kamen wir sehr gut vorbereitet. Gleichzeitig waren wir nicht ängstlich, unsere Aktivitäten zu begrenzen: Wir entwickelten mit zwei T-Cars, eines für Performance, eines für Zuverlässigkeit. Das war ein weiterer Pfeiler, um in Sebring top vorbereitet anzukommen und auf Anhieb die Pole zu holen. Am Anfang war das Auto eine schüchterne Prinzessin - nach drei Jahren ist es eine strahlende Königin."



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