WEC

Die drei Problemzonen des GT-R LM Nismo - Nissan: Komplett neuer Hybridantrieb für 2016

Nissan verspricht: Man macht weiter. Der GT-R LM Nismo ist jedoch eine Baustelle. In drei Kernbereichen gibt es dringenden Handlungsbedarf.
von Heiko Stritzke

Motorsport-Magazin.com - Wieder einmal ist der Mann im Sportwagen-Business am Gefragtesten, der durch Abwesenheit glänzt: Darren Cox muss sich nach der Verkündung von Nissan, sich auf unbestimmte Zeit aus der WEC zurückzuziehen, unzähligen Medienanfragen stellen. Das Hauptproblem des Nissan GT-R LM Nismo ist nicht einmal die Schuld der Japaner selber: Das Hybridsystem des Zulieferers Torotrak erwies sich zunächst als zu schwer für acht Megajoule, war aber auch in der späteren 2MJ-Konfiguration untauglich. Cox bestätigt noch einmal: Die Entscheidung, vorerst keine Rennen zu fahren, sei kein Stopp des Projekts. Andererseits hatte er noch in Le Mans versprochen, am Nürburgring am Start zu sein.

Problemzone 1: Das Hybridsystem

Wir haben zu Beginn des Programms Entscheidungen bezüglich unserer Zulieferer gefällt und müssen damit leben.
Darren Cox

Das wichtigste ist für Nissan nicht nur aus sportlichen Gründen, sondern auch des Marketings wegen das Hybridsystem. Cox bestätigt, dass für 2016 ein völlig neuer Anlauf unternommen wird: "Das Fehlen eines KERS hatte einen Knock-On-Effekt auf die Aufhängung und das Bremssystem", führt er gegenüber Daily Sportscar aus. "Wir arbeiten bereits an einem neuen KERS für 2016, nachdem wir schon vor einiger Zeit wussten, dass das nötig werden würde. Wir werden weitere Informationen veröffentlichen, wenn die Dinge ein bisschen weiter vorangeschritten sind." In jedem Fall soll der GT-R aber wieder ein Allradler werden, das System also auf die Hinterachse wirken.

Schon in der offiziellen Presseaussendung von Nissan sprach Cox davon, die "bestmögliche ERS-Lösung" für das Fahrzeug für die kommende Saison finden zu wollen. Offiziell bestätigen wollte er einen neuen Anlauf mit acht Megajoule noch nicht, allerdings wird Nissan alles versuchen, das ursprüngliche Konzept mit einem massiven Schub auf der Hinterachse wiederherzustellen. Torotrak hat Nissan trotz des ERS-Desasters geschont: "Man gewinnt und verliert als ein Team. Wir haben zu Beginn des Programms Entscheidungen bezüglich unserer Zulieferer gefällt und müssen damit leben. Solche Dinge passieren."

Durchschlagende Folgen: Der Wegfall des Hybrids zog eine Reihe von Konsequenzen nach sich - Foto: Sutton

Problemzone 2: Die Bremse

Der Wegfall des Energierückgewinnungssystems zog Bremsprobleme nach sich, die in Le Mans zu einem der Ausfälle geführt haben. "Wir arbeiten jetzt mit einem anderen Bremsbelag und einem neuen Lieferanten für die Bremsscheibe und legen großen Wert auf die Kühlung", so Cox. "In Le Mans braucht man keine massive Kühlung, aber auf den kürzeren Strecken kann das ein Problem werden." Er stellte auch klar: Sollte der GT-R noch einmal 2015 im Renneinsatz zu sehen sein, wird kein Hybridsystem an Bord sein. Das macht ein neues Bremssystem notwendig.

Problemzone 3: Die Fahrwerksgeometrie

Der Nismo-Marketingchef gibt zu: "Dass wir in diesem Bereich so viel Zeit verlieren würden, hatten wir nicht erwartet. Das hat uns überrascht." Die Fahrer mussten um die Kerbs herumfahren, was insbesondere in der Ford-Schikane vor Start/Ziel eine Riesenmenge Zeit kostete. Auch dies sei eine Folge des nicht funktionierenden Hybridantriebs. "Alles hängt mit dem Gesamtkonzept zusammen, weil alle Teile miteinander in Verbindung stehen. Fakt ist aber, dass das Auto nicht vernünftig über die Kerbs fuhr, womit wir immer neben der Ideallinie auf dem schmutzigen Teil der Strecke waren."

Dass wir in diesem Bereich so viel Zeit verlieren würden, hatten wir nicht erwartet.
Cox zu den Aufhängungsproblemen

Das hatte Folgen - nicht nur für die direkt betroffene Kurve: "Wir haben also nicht bloß Kompromisse bei der Linie in fast jeder Kurve machen müssen, sondern hatten dadurch auch immer wieder dreckige Reifen. Das bedeutet, dass aus den Kurven heraus Traktion fehlt und wir somit als Ergebnis noch mehr Zeit verloren haben."

Von allen problematischen Bereichen hat Nismo hier bislang wohl die größten Fortschritte erzielt. "Wie bei der Entwicklungsgeschichte bei einem normalen Fahrzeug haben wir alle Probleme mit der Robustheit behoben. Das war eine relativ leichte Sache." Allerdings wurde noch mehr erzielt: "Wir haben das Fahrwerk komplett geändert und wie die Fahrer, die beim [COTA-] Test gewesen sind, bestätigt haben, fährt das Auto jetzt viel, viel besser über die Kerbs. Wir sind ziemlich weit darin gekommen, das Problem durch große Updates an der Aufhängung zu beheben."

Keine Probleme beim Verbrennungsmotor

Die Bremsprobleme zwangen Nissan in Le Mans immer wieder an die Box - Foto: Adrenal Media

Nur ein Teil ist beim Nissan GT-R LM Nismo über alle Zweifel erhaben: Der Verbrennungsmotor. Der 3-Liter-V6 Biturbo hat so beeindruckt, dass sogar bereits potenzielle Kunden Schlange stehen. Darren Cox zufolge haben bereits einige Teams angeklopft, den Motor in einem privaten LMP1-non-hybrid zu verbauen. Er gerät ins Schwärmen: "Er ist fantastisch. Alle schauen auf das Design des Fahrzeugs, aber der Motor ist ein versteckter Diamant geblieben."

In Le Mans gab es nur ein Problem: Zwar war kein Hybridantrieb im Fahrzeug aktiv, doch aufgrund der Regularien musste der GT-R trotzdem in der 2MJ-Klasse antreten. Das bedeutete eine geringere Energiemenge pro Runde. "Wir mussten daher mehr Lift&Coast betreiben als wir geplant hatten, das war ein weiterer substanzieller Kompromiss. Aber der Motor an sich war in seiner Konfiguration sowohl auf dem Prüfstand als auch im Wagen selbst so gut wie wir erwartet haben. Wir sind sehr zufrieden - der Topspeed, den wir am Testtag gesehen haben, ging komplett auf die Kappe des Motors und die Windschlüpfrigkeit des Fahrzeugs."

Redaktionskommentar

Motorsport-Magazin.com meint: Den Kampfgeist von Nissan muss man loben. Vermutlich hätten hier die meisten Hersteller längst den Stecker gezogen. Dennoch stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Renneinsätzen in 2015: Ohne Hybrid ist das Fahrzeug schlicht nicht konkurrenzfähig. Wozu also jetzt extra ein Bremssystem entwickeln, das dann ein oder zweimal zum Einsatz kommt, für die neue Konfiguration mit Hybrid nächstes Jahr aber wieder neu angepasst werden müsste? Dann wäre es wirklich sinnvoller, gleich alle Ressourcen auf 2016 zu legen. Wenn man denn wirklich weitermachen will. (Heiko Stritzke)


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