Honda hat sich am MotoGP-Fahrermarkt in ein delikates Luxusproblem manövriert. Bei der Verpflichtung von Supertalent David Alonso wurde noch bewusst offengelassen, ob er 2027 tatsächlich gleich im Werksteam neben Starzugang Fabio Quartararo debütieren wird. Der Grund dafür ist das andere große Talent im Stall. LCR-Rookie Diogo Moreira hat nach einem erneut starken Auftritt in Aragon immer mehr Fürsprecher. Ein Teilzeitkollege kommt sogar ins Schwärmen.

LCR-Gründer Cecchinello betont: Auch Fahrerkollegen loben Diogo Moreira

"Was Diogo macht ist absolut bemerkenswert, es ist unglaublich. Für mich ist es auch wichtig die Meinung der anderen Fahrer zu hören. Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass du einen Fahrer von außen bewerten kannst, aber wenn du wirklich gegen ihn Rennen fährst, dann verstehst du seine Qualitäten noch viel besser. Wenn ich höre was Marc Marquez, Cal Crutchlow und andere Fahrer sagen, wie Diogo das Bike fährt, dann bedeutet mir das eine Menge", freute sich LCR-Honda Boss Lucio Cecchinello über das Lob, das seinem Schützling entgegengebracht wird.

Das LCR-Team ist begeistert von Moreira, Foto: LCR Honda
Das LCR-Team ist begeistert von Moreira, Foto: LCR Honda

Einer war dabei besonders ausführlich und euphorisch. Ersatzpilot Cal Crutchlow bestritt aufgrund der Verletzungspause von Johann Zarco fünf Rennen als Teamkollege des Brasilianers. Beim Comeback Zarcos in Aragon nahm der Brite dann im Training am Freitag im Kommentarorenstuhl des offiziellen MotoGP-Livestreams Platz und plauderte aus dem Nähkästchen. Beim Thema Moreira sprudelte die Begeisterung nur so aus ihm heraus.

Cal Crutchlow schwärmt von Moreira: Talentiert und intelligent

"Er ist super. Ich behaupte nicht, dass ich jetzt besonders gut Talent sehe. Jeder weiß, was Talent ist, wenn du es siehst. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Talent und Talent plus den richtigen Kopf. Er hat beides. Ich mag ihn, er ist ein großartiger Bursche", bestätigt der Veteran das, was viele Beobachter bei Moreira erkennen. Der Rookie verlässt sich nicht nur auf sein Talent, sondern geht besonnen und überlegt vor.

Cal Crutchlow und Diogo Moreira beim MotoGP-Event in London
Cruchtlow (l.) und Moreira (r.) waren fünf Rennen lang Teamkollegen, Foto: IMAGO / CordonPress

"Wie er seine Rennen managt und wie er sich im Zweikampf verhält: Er hat keinerlei Angst. Das mag ich sehr. Er setzt sich auf das Motorrad und beschwert sich nie. Natürlich kritisiert er, um das Bike besser zu machen, aber er jammert nie. Er weiß genau, wann es an ihm oder dem Motorrad liegt. Er ist sehr intelligent", stellt Crutchlow fest und beobachtet den steilen Lernprozess: "Zu Beginn des Jahres, als ich ihn noch im Fernsehen sah, da hat er wohl die Reifen und deren Management noch nicht verstanden. Jetzt versteht er das schon viel besser. Seine Rennpace ist deutlich konstanter geworden und er ist jetzt kein Passagier mehr auf dem Bike. Er kontrolliert es viel mehr."

Crutchlow sieht zukünftigen MotoGP-Weltmeister: Erinnerungen an Marc Marquez werden wach

Welches Potential er in dem Rookie sieht, machte der 40-Jährige unmissverständlich klar: "Ich würde ihm drei Jahre geben und dann kann er meiner Meinung nach MotoGP-Weltmeister werden. Ich habe die Daten gesehen und wie er fährt. Für einen Rookie im ersten Jahr so etwas zu tun, auf einem Bike, das er nicht kannte und das noch weiterentwickelt werden muss...es ist ja nicht so, dass er gleich auf eine Ducati oder eine Aprilia springen durfte, mit der du jede Woche gewinnen kannst. Er macht das exzellent."

In einem Bereich sei er bereits auf absolutem Spitzenniveau angekommen. Crutchlow zieht den Vergleich mit dem Superstar der Szene, gegen den er einst selbst auf gleichem Material antrat: "Auf der Bremse ist er stark, da gibt es keinen Zweifel. Was er in der Bremszone mit dem Motorrad anstellt, kann ich euch gar nicht verraten, denn das ist ein bisschen ein Trick. Ich will das für ihn nicht preisgeben. Aber es ist sehr ähnlich zu dem, was Marc Marquez getan hat. Ich habe es damals versucht [als Crutchlow und Marquez bei Honda fuhren, Anm. d. Red.], aber es hat nie funktioniert. Ich bin dabei immer auf die Nase gefallen." Moreira hingegen stürzt fast gar nicht. Nur ein Ausfall steht in seinen ersten 13 Grands Prix zu Buche.

Crutchlow (r.) fuhr bei Honda gegen Marc Marquez (l.), Foto: Repsol
Crutchlow (r.) fuhr bei Honda gegen Marc Marquez (l.), Foto: Repsol

Ein Tier auf der Bremse: Enea Bastianini findet harte Nuss in Aragon vor

Als wäre Crutchlow eine Art Wahrsager, demonstrierte Moreira dann am Rennsonntag eindrucksvoll die vom Briten angesprochene Stärke. Einen ganzen Zug an Konkurrenten hielt der spätbremsende Brasilianer auf Rang acht fahrend hinter sich. Am Ende konnte ihn nur Enea Bastianini doch noch in letzter Runde bezwingen. "Diogo ist sehr schwierig zu überholen. Er ist ein neuer Rivale und ich habe noch nicht viele Zweikämpfe mit ihm geführt. Es ist echt hart, mit ihm zu kämpfen. Er bremst sehr spät", hielt der Italiener anerkennend fest.

Moreira wehrte sich stark gegen Bastianini, Foto: Gold & Goose / Red Bull Content Pool
Moreira wehrte sich stark gegen Bastianini, Foto: Gold & Goose / Red Bull Content Pool

"Das mit Enea war eine schöne letzte Runde, das hat mir sehr gefallen. Ich würde von einem positiven Wochenende sprechen", konstatierte Moreira, da er trotz des Platzverlustes im letzten Moment bester Honda-Pilot geworden war. Wie nach Crutchlows Einschätzung zu erwarten, ist dem Rookie seine größte Stärke voll bewusst, ebenso wie das größte Defizit. "Auf der Bremse läuft es schon sehr gut. Ich glaube da sind wir die Stärksten bei Honda. Aber ich muss etwas am Kurvenausgang finden. Nur auf der Bremse ziehe ich bereits sehr hart, da kann man nichts mehr finden", will er sich nun anderen Bereichen widmen.

Moreira oder Alonso im Honda-Werksteam? Für Cal Crutchlow keine Frage

Angesichts dieser konsequenten Herangehensweise gibt es für Cal Crutchlow bei der Wahl des Fahrers für das Werksteam keine Zweifel. "Er verdient es vor David Alonso dort zu sein. Er hat ein Jahr Vorsprung und er schlägt nun regelmäßig die anderen Honda-Fahrer in seinem Rookie-Jahr. Aus meiner Sicht sollte das keine Frage sein", meint der Brite.

David Alonso am Sachsenring
David Alonso könnte bei LCR debütieren, Foto: Aspar Team

Außerdem sei Moreiras Aufstieg auch für den anderen Piloten die richtige Entscheidung: "Auf der anderen Seite sehe ich für David Alonso bei LCR ein perfektes Szenario. Wenn man sich ansieht, wie es bei Diogo läuft, dann kann er dort in die MotoGP wachsen. Das Motorrad ist nicht anders, aber du hast einfach weniger Druck."

MotoGP-Experte Tom Lüthi stimmt ein: Diogo Moreira hat es verdient

Dem Stimmt auch unser MotoGP-Experte Tom Lüthi zu. "Die Zuschauer würden schon wissen, dass es sein erstes Jahr ist, aber trotzdem ist er dann im Werksteam. Da werden entsprechende Resultate erwartet und das ist dann natürlich sofort sehr viel Druck für ihn", meint er in der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins zum Szenario mit Alonso im Werksteam. Hier könnt ihr das gesamte Magazin sehen:

Bagnaia am Tiefpunkt - Lüthi: Er braucht Schwung für Aprilia! (33:51 Min.)

Auch für Lüthi würde LCR ein angenehmeres Umfeld für das kolumbianische Supertalent darstellen: "Sein Vertrag ist ja sowieso direkt mit dem Honda-Werk bei HRC geschlossen. Wenn er jetzt bei LCR auf der Honda sitzen würde, dann ist das trotzdem dieses Werk und es wird trotzdem das gleiche von ihm erwartet. Aber ja, die Farben sind anders, das Team ist anders. Er könnte sich wohl etwas mehr im Schatten des Werksteams befinden und sich dort entwickeln."

Außerdem sei die Entscheidung einfach eine Frage der erbrachten Leistungen und auch hier stimmt Lüthi mit Crutchlow überein: "Und dann können wir darüber sprechen, wer es verdient hat. Ein Alonso, der als Rookie hochkommt, oder ein Moreira, der sich brutal entwickelt und dieses Jahr bereits extrem große Fortschritte erzielt hat? Dann muss ich ganz klar sagen: Diogo Moreira hat es sich verdient." Nicht nur die Experten, sondern auch die Fans sprechen sich in den sozialen Netzwerken mehrheitlich für den Brasilianer aus. Die letzte Umfrage zum Thema auf unserem WhatsApp-News-Kanal fiel überdeutlich zu seinen Gunsten aus. Falls ihr noch nicht abonniert habt, gibt es hier alle Infos:

LCR-Boss bleibt neutral: Offen für jede Entscheidung von Honda

Bei LCR bleibt der Boss angesichts der engen Verflechtung mit Honda wenig überraschend neutral in dieser Frage. "Was Diogos Zukunft angeht, sind wir dafür offen, wie auch immer die Lösung aussieht. LCR erhält Werksmaterial, wir operieren wie ein Werksteam. Der andere Platz hat mehr Prestige, aber Honda entwickelt wie in einer großen Familie mit zwei gleichgestellten Teams. Darauf sind wir sehr stolz und sind offen für jegliche Entscheidung, die HRC treffen wird", sagt Cecchinello. So oder so wird er ein großes Talent in seiner Garage haben.

Seid ihr ähnlich begeistert von Diogo Moreira wie Cal Crutchlow oder würdet ihr euch für David Alonso entscheiden? Sagt es uns in den Kommentaren.