Verkam der MotoGP-Sprint am Samstag noch zur effektiven Schlaftablette, waren Fans und Zuschauer spätestens am Sonntag kurz nach 14:00 Uhr wieder hellwach. Denn der Ungarn-GP begann gleich mit einem großen Knall: Jorge Martin verlor in der Anfahrt zu Kurve eins die Kontrolle über sein Motorrad und verursachte eine heftige Massenkollision, die in Summe vier weitere Fahrer zu Boden riss - darunter auch Teamkollege und WM-Leader Marco Bezzecchi.

"Das war natürlich nicht schön mit anzusehen, dass es schon wieder passiert ist", blickt unser Experte Tom Lüthi in der neusten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins darauf zurück. "Was in Katalonien Johann Zarco passiert ist, ist jetzt Jorge Martin passiert", erinnert er an den furchtbaren Unfall des LCR-Piloten vor drei Wochen und analysiert: "Eigentlich ein kleiner Fehler, nicht wirklich schlimm. Ein kleiner Verbremser im falschen Moment, aber mit sehr großer Auswirkung. Das liegt auch am Layout der Strecke, weil die erste Kurve so eng weggeht. Es gibt fast einen Rückstau, und wenn dann ein Fahrer im Mittelfeld einen Fehler macht, kommt es zu einer kleinen Katastrophe. Zum Glück sind alle heil rausgekommen." Ansehen könnt ihr euch die neue Folge hier:

Martin löst Massencrash aus - Lüthi: Nur an Kurve 1 gedacht! (35:49 Min.)

MotoGP-Experte Lüthi kritisiert Jorge Martin: Hätte es besser wissen müssen!

Kurios: Am Sonntag nach dem Rennen nahmen viele Kollegen Jorge Martin in Schutz, weil Kurve eins aufgrund einer Neuasphaltierung vor wenigen Wochen kaum Grip bot. "Das gesamte Wochenende waren die Bedingungen wirklich schlecht. Im Rennen war das fast wie auf Öl, einfach super rutschig", meinte Fabio Quartararo stellvertretend. Ausgerechnet Aprilia-Boss Massimo Rivola übte aber deutliche Kritik an seinem Schützling, sprach u.a. von einem Fehler, der einem Weltmeister wie Martin schlicht nicht passieren dürfe. Diese Aussagen schlug im Netz dann hohe Wellen. Viele Fans konnten Rivolas harte Gangart gegen den eigenen Piloten nicht nachvollziehen.

Lüthi aber sehr wohl, auch er sieht Martin klar in der Schuld. "Aus meiner Sicht muss man sich anpassen, die anderen mussten das auch. Die Asphaltierung war sehr schlecht im ersten Sektor und speziell in der ersten Kurve. Das war aber das ganze Wochenende über schon so. Alle Fahrer in allen Klassen haben das gewusst und auch schon gespürt, wie sich das anfühlt. Das Layout ist auch allen bekannt. Nach dem Start geht es in Kurve eins brutal eng weg. Das haben alle Fahrer gewusst, inklusive Jorge Martin", ließ der Schweizer 125ccm-Champion von 2005 keine Ausreden gelten und ergänzte: "Eine langsame Stelle ist einfach heikel. Es ist eine gefährliche Situation. Da muss man sich bisschen zurückhalten."

Jorge Martin kegelte gleich vier Piloten aus dem Rennen, Foto: IMAGO / NurPhoto
Jorge Martin kegelte gleich vier Piloten aus dem Rennen, Foto: IMAGO / NurPhoto

Dass dies als Vollblutrennfahrer aber nicht immer ganz einfach ist, weiß Lüthi aus eigener Erfahrung natürlich auch nur zu gut. "Es ist eine zwiespältige Situation. Jeder Fahrer versucht natürlich auch möglichst in dieser Phase nach dem Start Positionen gut zu machen, zu pushen. Wenn er eine Lücke sieht, versucht er dort reinzufahren. Das ist absolut verständlich", gibt er zu. Aber: "Es war halt wirklich am Limit. Die Jungs bewegen sich am Limit und es braucht einfach nicht viel, dass so ein kleiner Fehler passiert."

Härtere MotoGP-Strafen? Tom Lüthi winkt ab: Bringt nichts!

Martin kommt sein Patzer jedenfalls teuer zu stehen, er wurde von den Stewards mit einer doppelten Longlap-Penalty für den nächsten Grand Prix, an dem er teilnimmt, belegt. Eine harte Sanktion, die ihn wohl schon jetzt jeglicher Siegchancen in Brünn (19. bis 21. Juni) beraubt. Doch Unfallgegner Fabio Di Giannantonio hätte sich sogar noch mehr erwünscht, weil es jetzt schon zum wiederholten Male zu einem solch heftigen Unfall am Start gekommen war. "Es geht nicht nur darum, dass wir die Front verlieren. Wir riskieren das Leben von uns und anderen Fahrern. Heute hätte es viel schlimmer ausgehen können und das kann uns doch nicht im Geringsten gefallen. Wenn wir das nicht mit gut gemeinten Strafen kapieren, dann braucht es eben schlimme Strafen", schäumte er unter anderem.

Doch würden härtere Sanktionen wie ein Start vom Ende des Feldes, aus der Boxengasse oder eine Durchfahrtsstrafe wirklich etwas bringen? Lüthi hat da seine Zweifel: "Wenn wir versuchen, uns beim Start in den Kopf von Martin zu versetzen, dann glaube ich nicht, dass ein Fahrer irgendwelche Strafen im Kopf hat oder dass er sich denkt: 'Wenn ich jetzt bisschen später bremse, mache ich vielleicht einen Fehler und bekomme eine große Strafe. Da bremse ich besser etwas früher'. Diese Situation ist eher aufs Layout der Strecke und das Asphaltproblem zurückzuführen. Ich denke nicht, dass eine höhere Strafe da etwas ändern würde und ich glaube nicht, dass Jorge Martin diesen Fehler mit einer höheren Strafe nicht gemacht hätte."

MotoGP will Grid anpassen - Tom Lüthi findet: Das kann wirklich was bringen!

Schon deutlich sinnvoller findet Lüthi da eine Änderung, die ab dem Deutschland-GP Mitte Juli umgesetzt werden soll. Dann will die MotoGP den Abstand zwischen den einzelnen Startreihen laut 'Motorsport.com' um jeweils drei Meter vergrößern. "Das finde ich sehr interessant und ich glaube, das wird wirklich etwas bewirken", sagt der Schweizer und begründet: "Das Feld muss sich mehr auseinanderziehen und das bringt etwas mehr Platz. Es sind beim ersten Mal Anbremsen für Kurve eins nicht alle so nahe zusammen. Das bringt hoffentlich mehr Sicherheit und ein paar Meter Platz für kleine Fehler. Wenn im Mittelfeld ein Fahrer einen Fehler macht, kann er noch ein bisschen ausweichen, ist nicht direkt am Hinterrad vom Vordermann dran."

Der Abstand zwischen den Dreierreihen soll künftig größer werden, Foto: Yamaha Motor Racing Srl
Der Abstand zwischen den Dreierreihen soll künftig größer werden, Foto: Yamaha Motor Racing Srl

Sofern die fünf aktuellen MotoGP-Hersteller ihren Segen geben, könnte ab Silverstone dann auch noch die Nutzung der Holeshot-Devices verboten werden. Ebenfalls eine sinnvollere Idee als härtere Strafen, wie Lüthi empfindet: "Vielleicht wird das auch etwas bringen. Dann wird das Starten bzw. das Wegkommen oder das Wegbeschleunigen von der Linie wieder schwieriger. Nicht jedem wird der Start gleich gut gelingen. Das wird das Feld noch ein bisschen mehr aussortieren oder noch etwas mehr Platz schaffen, bevor das erste Mal angebremst wird."

Was meint ihr: Ist die MotoGP mit Holeshot-Verbot und der Auseinanderziehung des Grids schon auf dem richtigen Weg oder bräuchte es - wie von Fabio Di Giannantonio gefordert - härtere Strafen? Sagt es uns in den Kommentaren!