Francesco Bagnaias gesamte MotoGP-Saison 2025 ist ein großes Rätsel. Besonders kurios wurde sie aber am vergangenen Wochenende in Motegi. Nach einem Debakel beim Heim-Grand-Prix in Misano, wo Bagnaia als 13. im Sprint und mit einem Sturz im Rennen punktelos blieb, feierte er beim Japan-GP den Hattrick mit Pole Position, Sprintsieg und Grand-Prix-Erfolg. Das gesamte Paddock stellte sich die Frage, wie diese plötzliche sportliche Auferstehung möglich war.

Ducati schweigt zu Bagnaia-Durchbruch

Ducati und Bagnaia hielten sich bedeckt. Man habe im Montagstest nach dem Rennwochenende in Misano etwas gefunden, dass dem in die Krise geratenen zweifachen MotoGP-Champion geholfen habe. Was das genau war, wollte man nicht erklären. Bagnaia selbst verwies immer wieder auf die Ducati-Chefetage, doch die war zu keinen Erklärungen bereit.

Der Misano-Test wurde für Francesco Bagnaia zum - zumindest zwischenzeitlichen - Wendepunkt, Foto: IMAGO / Italy Photo Press
Der Misano-Test wurde für Francesco Bagnaia zum - zumindest zwischenzeitlichen - Wendepunkt, Foto: IMAGO / Italy Photo Press

Am Donnerstag in Indonesien machten dann erstmals Gerüchte die Runde, Bagnaia sei im Misano-Test das Motorrad von Franco Morbidelli gefahren - also die Vorjahresmaschine GP24, mit der Bagnaia ganze elf Grands Prix gewinnen konnte. Darauf angesprochen, folgte er weiterhin der von Ducati ausgegebenen Kommunikationslinie. "Ich kann das nicht bestätigen", sagte Bagnaia in der offiziellen Pressekonferenz.

'Uccio' plaudert aus: VR46-Bike für Ducati

Ein Mann wurde in Ducatis PR-Strategie aber anscheinend nicht eingeweiht: VR46-Chef Alessio 'Uccio' Salucci. Der bestätigte am Freitagmorgen im Gespräch mit MotoGP-Boxengassenreporter Jack Appleyard nämlich die Gerüchte: "Ducati hat uns um etwas gebeten. Wir sind eine Familie, also haben wir versucht, Pecco am Montag in Misano etwas zu helfen. Er ist dort Morbidellis Motorrad gefahren. Nach dem Test kam das Bike aber zurück in die Box. Was danach passiert ist, weiß ich nicht. Ducati hat ihm wohl ein anderes Motorrad gegeben."

Eine von Franco Morbidellis Maschinen wurde im Misano-Test in die Ducati-Box verfrachtet, Foto: VR46 Media
Eine von Franco Morbidellis Maschinen wurde im Misano-Test in die Ducati-Box verfrachtet, Foto: VR46 Media

Material für die GP24 liegt in Borgo Panigale sicherlich noch ausreichend auf Lager. Dass Bagnaia im Misano-Test auf Morbidellis Maschine zurückgreifen musste, war wohl eher Zeitnot geschuldet. Nach seinem Sturz im San-Marino-GP gab es am Sonntagabend ein langes Meeting zwischen Bagnaia und den Ducati-Bossen. Der Fahrer soll dabei ein Ultimatum gestellt haben: Er wollte zurück auf die GP24, soweit es das Reglement eben erlaubt. Was die verwendeten Motoren angeht, waren Ducati aufgrund der Homologationsrichtlinien die Hände gebunden. Alle anderen Komponenten aus dem Vorjahr können aber problemlos verwendet werden.

Franco Morbidelli bestätigt: Haben Ducati geholfen

Am Freitagabend bestätigte auch Motorradspender Franco Morbidelli selbst, was da in Misano passiert war: "Ducati hat uns gefragt und wir haben unsere Mittel und unsere Unterstützung gegeben, um dem Werk bestmöglich zu helfen. Pecco brauchte vielleicht Bestätigung seines Feedbacks, dass ihm die GP24 generell ein besseres Gefühl gegeben hat. Deshalb mussten sie das wohl machen, deshalb haben sie uns gefragt und deshalb haben wir gerne geholfen."

Klare Worte also aus dem VR46-Lager. Doch bei Ducati setzt man weiter auf Geheimniskrämerei. "Ich bin Rennfahrer und will mich auf das Fahren konzentrieren. Bei technischen Dingen ist Gigi (Dall'Igna, Anm.) der Ansprechpartner. Ich will keine technischen Fragen mehr beantworten. Ich sage einfach nur das, was mir erklärt wird, das ich zu sagen habe", waren die relativ unmissverständlichen Worte von Bagnaia am Freitag in Mandalika.

Ducati-Pilot Francesco Bagnaia
Francesco Bagnaia will keine Fragen mehr zu seinem technischen Paket beantworten, Foto: IMAGO / Italy Photo Press

"Sind wir uns da sicher?", antwortete Team-Manager Davide Tardozzi, als er von den italienischen TV-Kollegen by 'Sky Sport' auf Bagnaias Rückkehr zur GP24 angesprochen wurde. Tardozzi reagierte anschließend regelrecht aufbrausend: "Es wird ständig nur über unsere Bikes für 2024, 2025, 2026 oder 2027 geredet. Aber niemand fragt welchen Rahmen Honda, das gerade auf dem aufsteigenden Ast ist, verwendet. Ich verstehe nicht, warum solche Dinge immer bei Ducati herauskommen. Irgendjemand hat da wohl zu viel geredet. Wir wollen unseren Gegnern nicht zu viele Informationen geben."

Was hat Ducati vor?

Ducatis PR-Maschine läuft also offensichtlich auf Hochtouren, auch wenn die Lage nach den Enthüllungen aus dem VR46-Lager relativ klar ist. Doch warum sieht sich der Hersteller aus Borgo Panigale überhaupt zu solchen Mitteln gezwungen? Eine Erklärung hat Team-Manager Tardozzi bereits selbst gegeben. Man will den MotoGP-Rivalen möglichst wenig Informationen geben. Ducati ist ja nach wie vor der Klassenprimus, an dem sich alle anderen Hersteller orientieren. Ist die Entwicklungsrichtung bei Ducati unklar, sind solche Kopien schwieriger. Zum anderen wäre der Fakt, dass Bagnaia in dieser späten Phase der Saison größtenteils auf die GP24 zurückwechselt auch das Eingeständnis eines Versagens bei Ducati - und das möchte man natürlich vermeiden.

Klar ist: Ein Allheilmittel scheint Bagnaias aktuelle Konfiguration auch nicht zu sein. Am Freitag in Mandalika landete er nur auf Rang 17. Damit war er aber in bester Ducati-Gesellschaft: Marc Marquez (11.), Franco Morbidelli (12.) und Fabio Di Giannantonio (18.) müssen am Samstag ebenfalls bereits in Q1 ran.

Marc Marquez' WM-Kater: Keine Lust auf MotoGP-Rennen! (06:53 Min.)