Die MotoGP befindet sich nach schwierigen Jahren rund um die Corona-Pandemie wieder im Aufwind. Mit 2,86 Millionen Fans an der Rennstrecke verpasste man in der abgelaufenen Saison nur ganz knapp den Bestwert von 2019, als 2,88 Millionen Menschen zu den Grands Prix pilgerten. Im ersten Quartal 2023 konnten auch die TV-Quoten um 27 Prozent gesteigert werden. Zahlen für die restliche Saison liegen noch nicht vor, der spannende Titelkampf zwischen Francesco Bagnaia und Jorge Martin lässt aber einen anhaltenden Trend vermuten.

Erfolgreich ist die MotoGP weiterhin in Europa, Japan oder Australien. In Südostasien erfreut sich der Sport gewaltiger Beliebtheit, ebenso in Südamerika. Somit deckt die Königsklasse auf zwei Rädern alle für sie wichtigen Märkte erfolgreich ab, mit einer Ausnahme: Die USA. Ausgerechnet dort, wo das Vierradpendant Formel 1 seit Jahren einen unglaublichen Boom erlebt, kommt die MotoGP nicht so richtig in die Gänge.

Die ausverkaufte Haupttribüne
Von derartigen Bildern kann die MotoGP in Austin nur träumen, Foto: LAT Images

Während 2023 432.000 Besucher im Rahmen des F1-Wochenendes in Austin registriert wurden, dürften es beim MotoGP-Event nur wenig mehr als 100.000 gewesen sein. Offizielle Zahlen veröffentlicht der Circuit of the Americas für das Rennwochenende der Motorrad-Weltmeisterschaft seit Jahren nicht mehr. Die Formel 1 stellt die MotoGP hier also klar in den Schatten und das obwohl Austin neben Miami und Las Vegas für die F1 nur einer von drei Grands Prix in den USA ist. Eine bescheidene Bilanz also für die MotoGP, die historisch massiv von US-Sportlern geprägt wurden. Zwischen 1978 und 2006 gingen nicht weniger als 15 Titel in der Königsklasse an Fahrer aus Nordamerika.

Vom Glanz dieser Tage ist wenig geblieben. 2024 wird mit Joe Roberts nur ein US-Fahrer in den drei Klassen der Motorrad-Weltmeisterschaft an den Start gehen. In seinen bislang sechs Jahren in der Moto2-Klasse kam Roberts auf einen Grand-Prix-Sieg und vier Podiumsplatzierungen. Vielversprechende Talente, die das Interesse an der MotoGP in den USA wiederbeleben könnten, sind aktuell nicht in Sicht. Diese braucht der Sport aber wahrscheinlich gar nicht. Denn in der Formel 1 konnte kein US-Pilot seit Mario Andretti 1978 mehr ein Rennen gewinnen. Derzeit hält nur Nachzügler Logan Sargeant die Stars-and-Stripes hoch. Und dennoch sucht der Boom in Nordamerika seinesgleichen.

Wayne Rainey & Co. dominierten die 500ccm-Klasse über Jahre hinweg, Foto: Milagro
Wayne Rainey & Co. dominierten die 500ccm-Klasse über Jahre hinweg, Foto: Milagro

Deshalb versucht nun auch die MotoGP, über andere Wege zum Erfolg in diesem gewaltigen Markt mit über 330 Millionen Einwohnern und einer großen Motorradkultur zu kommen. Mit Trackhouse Racing wurde für die Saison 2024 am Montag ein amerikanisches Team vorgestellt, das die Startplätze des bei der Dorna in Ungnade gefallenen RNF-Rennstalls übernehmen wird. Trackhouse Racing soll mehr als nur ein weiteres Kundenteam in der Königsklasse sein. Mit der Marketing-Schlagkraft von Teammiteigentümer und Rap-Superstar Pitbull sollen neue Fans für den Sport begeistert werden.

Neues MotoGP-Team: Trackhouse Racing übernimmt RNF-Plätze: (05:17 Min.)

Das soll aber erst der Anfang der MotoGP-Auferstehung in den USA sein. Wie Dorna-Sportdirektor Carlos Ezpeleta am Montag gegenüber 'Sky Sport' erklärte, sollen weitere US-Rennwochenenden in den Kalender aufgenommen werden: "Unsere Mission muss es sein, die Amerikaner häufiger mit Motorrädern in Berührung zu bringen. Es reicht nicht, einmal im Jahr nach Austin zu kommen und dann wieder zu verschwinden. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, was die Formel 1 gemacht hat. Das ist der richtige Weg. Wir denken deshalb über ein weiteres Rennen in den USA nach, aktuell steht uns aber nur Austin als Strecke zur Verfügung."

Noch 2013 gastierte die MotoGP selbst drei Mal im Jahr in den USA. Neben dem Circuit of the Americas von Austin standen auch Laguna Seca und Indianapolis im Kalender. Die Infrastruktur am Laguna Seca Raceway mit seinen spärlich dimensionierten Paddock- und Boxenanlagen genügte aber schon damals nicht mehr den Anforderungen der gesamten Motorradweltmeisterschaft, weshalb man nur die MotoGP-Klasse nach Kalifornien schickte. Außerdem erfüllt der Kurs mittlerweile nicht mehr die gestiegenen Sicherheitsstandards der Königsklasse. Und das Event im Infield des gewaltigen Ovals von Indianapolis war ohnehin nie ein Erfolg.

MotoGP plant zweites US-Event in Tennessee

Ein Kandidat für ein zweites MotoGP-Rennwochenende in den USA scheint sich schon in Stellung zu bringen. Im Bundesstaat Tennessee, zwei Autostunden von Nashville entfernt, entsteht derzeit der Flatrock Motorsports Park. Wie das 'Sports Business Journal' berichtet, sollen sich die Streckenbetreiber bereits in Verhandlungen mit MotoGP-Promoter Dorna befinden.

Es ist kein Zufall, dass die MotoGP in den vergangenen Monaten mehr und mehr Ambitionen am US-Markt zeigt. Denn mit Dan Rossomondo wurde im Frühjahr ein neuer Chief Commercial Officer verpflichtet. Rossomondo ist Amerikaner und machte dort vor allem in der Basketballliga NBA große Karriere. Nun soll er die MotoGP fit für ihre Wiederauferstehung in den Vereinigten Staaten machen.

Ein Plan, der von vielen Fans nicht nur positiv gesehen wird. Sie fürchten, die MotoGP würde im Zuge dieser neuer Strategie Show-Elemente über das eigentliche sportliche Geschehen stellen. Eine Kritik, die sich die Formel 1 im Rahmen ihrer US-Events in Miami oder Las Vegas zuletzt wiederholen gefallen lassen musste, unter anderem von Weltmeister Max Verstappen. Rossomondo will den Fans die Angst vor einer solchen Entwicklung nehmen: "Die MotoGP ist ein unglaublicher Sport mit einer wahnsinnig treuen Fangemeinde. Daran wollen wir nichts ändern. Wir wollen unseren Sport lediglich mehr Menschen zugänglich machen, so dass auch diese die MotoGP so genießen können, wie wir das tun."