Motorsport-Magazin.com Plus
MotoGP

MotoGP-Highsider trotz Elektronik: Wie ist das möglich?

Trotz vermeintlich ausgereifter Elektronik sind Highsider nach wie vor ein Teil der MotoGP. Dafür gibt es einen technischen Grund. Die Erklärung.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Die Zeiten der kaum zu zähmenden 500ccm-Zweitakter liegen lange hinter uns. Seit die Königsklasse der Motorrad-Weltmeisterschaft 2002 auf das MotoGP-Reglement mit Viertaktmotoren umgestellt wurde, sind die Maschinen deutlich besser zu beherrschen. Neben den weniger giftigen Motoren ist es vor allem die in den letzten Jahrzehnten massiv verbesserte Elektronik, die den Fahrern ihre Arbeit erleichtert.

Fahrhilfen wie Anti-Wheely-System oder Traktionskontrolle machen die 300 PS der MotoGP-Raketen kontrollierbar. Sie greifen ein, wenn sprichwörtlich die Pferde durchgehen. Für dementsprechend viel Verwunderung sorgt es immer wieder, wenn die Stars der Szene doch einmal per Highsider von ihren Maschinen katapultiert werden. "Das hätte die Elektronik doch verhindern müssen", ist die Annahme.

Das entspricht aber nicht der Realität. Grundlage dieses Irrtums ist die Annahme, dass die MotoGP-Bikes über die komplexesten und besten Elektronikpakete verfügen, die in Motorrädern verbaut werden. Tatsächlich sind sie aber simpler und beschränkter, als vergleichbare System in straßentauglichen Superbikes, die der Ottonormalverbraucher käuflich erwerben kann. Das hängt vor allem mit der massiven Beschneidung elektronischer Fahrhilfen zur MotoGP-Saison 2016 zusammen.

Damals wurden die hervorragend funktionierenden, gleichzeitig aber extrem teuren und damit das Feld auseinanderziehenden Systeme der einzelnen Hersteller wie Honda oder Yamaha per Reglement verboten. Seither muss ein Einheitssystem von Magneti Marelli verwendet werden, in dem viele zuvor genutzte Anwendungen nicht vorkommen. Eine von ihnen ist die Slide-Control, auch Stability-Control genannt.

Traktionskontrolle & Co. können am Lenker eingestellt werden - Foto: KTM

Diese erfüllt eine ähnliche Aufgabe wie die Traktionskontrolle, allerdings in anderen Situationen. Eine Traktionskontrolle funktioniert grundsätzlich nur dann perfekt, wenn das Motorrad geradeaus fährt. Sie darf laut Reglement nicht mit Informationen wie Schräglage oder Gierbewegung, also einer Rotation um die Hochachse, gefüttert werden. Die Traktionskontrolle weiß also nicht, in welcher Position sich das Motorrad befindet. Sie gleicht lediglich Vorwärtsbewegung und die Umdrehung des Hinterrads ab. Wird hier eine gewisse Differenz überschreiten, greift die Traktionskontrolle ein und verhindert so übermäßigen Wheelspin.

Das reicht aber nicht aus, um schwere Stürze wie den von Pol Espargaro beim Saisonfinale in Valencia zu verhindern. Er beschleunigte in voller Schräglage durch die schnelle Kurve 13, das Heck des Motorrad trat aus und Espargaro wurde in hohem Bogen abgeworfen. Ähnliche Stürze unterliefen Marc Marquez in der abgelaufenen Saison in Assen oder 2020 in Jerez, als er sich seine folgenschwere Oberarmverletzung zuzog. Eine gut programmierte Slide- oder Stability-Control hätte hier wohl korrekt eingegriffen und die Stürze vermieden.

Kein reines Honda-Problem

Honda-Fahrer sind von derartigen Crashes überdurchschnittlich oft betroffen, wie der vorangegangene Absatz zeigt. Generell ist die RC213V aber das sturzanfälligste Motorrad der MotoGP und auch Fahrer anderer Hersteller sind sich der Gefahr der fehlenden Slide-Control bewusst. "Wenn Leute sagen, dass man durch die Traktionskontrolle auf einem MotoGP-Bike das Gas in der Kurve voll aufmachen kann, dann lade ich sie herzlich ein, das zu versuchen", schmunzelt Suzuki-Star Joan Mir. "So einfach ist es nämlich nicht. Wenn du bei voller Schräglage nicht vorsichtig bist, wirst du einen heftigen Highsider haben. Ja, wir haben Elektronik, aber diese Maschinen verfügen über 300 Pferdestärken."

Joan Mir beschreibt die Schwierigkeiten des MotoGP-Fahrens - Foto: LAT Images

Wie lässt sich dieses Problem nun lösen? Oder anders gefragt: Will man es überhaupt lösen? Fakt ist, dass zusätzliche Elektroniksysteme immer auch mit einer größeren Streuung des MotoGP-Feldes einhergehen. Finanzstärkere Hersteller werden sich Vorteile erarbeiten und die weniger gut situierte Konkurrenz hinter sich lassen. Das würde die Bestrebungen von Promoter Dorna, der seit Jahren versucht möglichst enges Racing zu schaffen, völlig konterkarieren. Außerdem muss bedacht werden, dass man mit der Einführung einer Slide-Control zwar viele Highsider verhindern könnte, gleichzeitig aber Kurvengeschwindigkeiten erhöhen würde. Eine gefährliche Entwicklung in einer MotoGP, die immer wieder mit Klagen über zu kleine Auslaufzonen konfrontiert ist.


Weitere Inhalte: